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Literaturpädagogin Irmgard Koch, Vorsitzende des Freisinger Kulturvereins Modern Studio erklärt im Interview, wie Heranwachsende zum Lesen motiviert werden können.

Interview

"Andere Medien dürfen die Literatur nicht ertränken"

In ein Buch eintauchen und für kurze Zeit dem Alltag entfliehen – Lesen ist so schön! Doch manche Kinder und Jugendliche lassen sich nur schwer dafür begeistern ...

Literaturpädagogin Irmgard Koch, Vorsitzende des Freisinger Kulturvereins Modern Studio, für den Leseförderung ein wichtiges Thema ist, spricht im Interview darüber, wie Heranwachsende zum Lesen motiviert werden können und wie wichtig es ist, auch älteren Kindern noch vorzulesen.

Der Welttag des Buches jährt sich am 23. April zum 20. Mal. Welches Buch sollte Ihrer Meinung nach jeder Heranwachsende lesen?

Irmgard Koch: „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ von Andreas Steinhöfel. Darin geht es um die Freundschaft zwischen zwei Buben, dem lernbehinderten Rico und dem hochbegabten Oskar. Beide begegnen sich auf Augenhöhe, das Buch vermittelt – auch durch die Schilderung von Ricos Mutter, die etwa in einer Bar arbeitet - Empathie und Offenheit gegenüber anderen Lebensformen.

Wie motiviert man Kinder und Jugendliche zum Lesen? 

Irmgard Koch:Für Eltern ist es wichtig, ihr Kind von Anfang an mit (Bilder-) Büchern vertraut zu machen. Es reagiert schon früh auf Bilder, besonders auf Gesichter. Auch Rituale helfen, die Bücherkiste, aus der sich das Kind ein Buch aussuchen darf, das Vorlesen vor dem Schlafengehen oder an verregneten Nachmittagen. Ich bin selbst Mutter von drei erwachsenen Kindern und bei uns mussten Bücher nie vom Taschengeld bezahlt werden. So habe ich meinen zwei Töchtern und meinem Sohn vermittelt, dass Literatur genauso wichtig ist wie Nahrung. Schwierig ist es, wenn Eltern sagen: Hauptsache, mein Kind liest - egal was. Die beliebte Conni-Reihe etwa ist meiner Meinung nach auf Dauer zu langweilig. Und es ist ja schön, wenn Kinder Fantasy-Wälzer verschlingen, aber bei Vielschreibern besteht die Gefahr, dass ein Band irgendwann wie der andere ist. Eltern sollten deshalb immer wieder verschiedene, gehaltvolle Bücher anbieten.

Welche Tipps können Sie Lehrern geben? 

Irmgard Koch:Sie können ihre Schüler zum Beispiel durch Bücher-Referate motivieren: Jeder stellt sein Lieblingsbuch vor. Die Referate sollten aber nicht benotet werden, damit Lesen nicht mit Leistungsdruck in Verbindung gebracht wird. Auch Autorenlesungen an Schulen kommen meiner Erfahrung nach gut an. Unser Verein veranstaltet sie jedes Jahr im Rahmen des „Literarischen Herbst“ in Freising.

Wie wichtig ist es, Kindern vorzulesen?

Irmgard Koch:Das ist sehr wichtig, auch noch für ältere Kinder. Eine Lehrerin hat mir erzählt, dass die Deutschlehrer an ihrem Gymnasium in der 5. Klasse eine Stunde pro Woche statt regulärem Deutschunterricht den Schülern vorlesen und über das Buch sprechen - abgekapselt vom Leistungsdruck. Kinder lieben es, wenn man ihnen vorliest. Das ist besonders wichtig bei Leseanfängern. So bekommen sie Zugang zu vielen Büchern, die sie inhaltlich verstehen, die aber für sie noch zu schwierig zum Lesen sind. Die geistige Entwicklung ist in diesem Alter enorm, Erstlesebücher eignen sich zwar zum Üben, lasten die Mädchen und Buben aber nicht aus.

Das Kinderbuch, „Bibi und Tina – Voll verhext. Das Buch zum Film“ etwa steht momentan bei den Kinderbüchern ganz oben auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Muss man sich heute weg vom gedruckten Wort hin zu multimedialer Vermittlung bewegen, um Bücher für Kinder interessanter zu machen? 

Irmgard Koch:Das ist eine schöne Ergänzung, allerdings dürfen andere Medien die Literatur nicht ertränken. Manchmal wird man ja durch einen Film erst auf das Buch, auf dem er basiert, aufmerksam. Dabei sollten Eltern und Lehrer aber darauf achten, dass Kinder und Jugendliche das Original lesen und nicht die für den Film bearbeitete Version.

Interview: Teresa Pancritius

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