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Obwohl sie zur Schule gegangen sind, können viele Erwachsene in Deutschland nicht lesen und schreiben. Mit Alphabetisierungskursen der Volkshochschulen holen sie Verpasstes nach. Foto: Maja Hitij

Kein Schlüssel zur Welt - Massenphänomen Analphabetismus

Kein Ruhmesblatt für die "Bildungsrepublik": In Deutschland ist etwa jeder Siebte im Erwerbsalter "funktionaler Analphabet". Wer kaum oder gar nicht lesen und schreiben kann, hat es schwerer im Leben. Immer am 8. September rückt das Thema in den Fokus.

Münster (dpa) - Wer nicht gut lesen und schreiben kann, stößt an viele Grenzen. Bundesweit gibt es 7,5 Millionen "funktionale Analphabeten". Die Zahl ist über die Jahre nicht kleiner geworden, beklagt der Bundesverband Alphabetisierung.

Zum Weltalphabetisierungstag 2015 an diesem Dienstag (8. September) ruft der Bundesverband Alphabetisierung zu Hilfe und Verständnis für Menschen mit Lese- und Schreibschwäche auf. Denn es handelt sich auch in Deutschland um ein Massenphänomen: Etwa 7,5 Millionen Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren gelten hierzulande als "funktionale Analphabeten" - das heißt, sie waren in der Schule, haben aber große Probleme mit dem Lesen und Schreiben.

"Der Welt-Alpha-Tag schafft Aufmerksamkeit und erreicht Betroffene", sagte der Sprecher des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung in Münster, Jan-Peter Kalisch. Der Anteil der Erwachsenen, die nicht flüssig lesen und schreiben können, hat sich nach Erkenntnis der Organisation über die Jahre nicht verringert. "Man muss davon ausgehen, dass es eher mehr werden", so Kalisch. Die Anforderungen der Gesellschaft, lesen und schreiben zu können, seien indes deutlich gestiegen. Auch gebe es immer weniger geeignete Berufe für funktionale Analphabeten.

Alphabetisierungskurse der Volkshochschulen werden vor allem von Menschen ab 40, 50 oder sogar 60 Jahren besucht. Betroffene versuchen meist, ihre Schwäche im Alltag zu verstecken. Probleme haben sie in vielen Situationen - unter anderem auf Ämtern, beim Lesen von Fahrplänen, Speisekarten und Straßenschildern oder beim Ausfüllen von Formularen. Kalisch beklagte, es fehle an geeignetem Unterrichtsmaterial. "Da sehen wir großen Nachholbedarf."

Gründe für ein Lese-Handicap bei Erwachsenen können fehlende Unterstützung in Kindertagen durch das Elternhaus oder lange Fehlzeiten in der Schule sein. Das vom Bundesverband eingerichtete kostenlose "Alpha-Telefon", mit dem sich Betroffene anonym beraten lassen können, werde rund um den von der Unesco - der Kulturorganisation der Vereinten Nationen - ausgerufenen Weltalphabetisierungstag häufig genutzt, berichtete Kalisch. Das Angebot gibt es seit 20 Jahren.

Kostenloses Alpha-Telefon

Bundesverband Alphabetisierung

Unesco zum Welttag der Alphabetisierung

Rund 7,5 Millionen "funktionale Analphabeten" in Deutschland - woher stammt diese hohe Zahl?

Aus der als seriös geltenden "leo.-Level-One-Studie" der Uni Hamburg von 2011. Danach gibt es bundesweit doppelt so viele Menschen mit erheblichen Lese- und Schreibproblemen wie zuvor angenommen. Obwohl sie meistens zur Schule gegangen sind, können mehr als 14 Prozent aller Erwachsenen zwischen 18 bis 64 wegen stark begrenzter Lese- und Schreibfähigkeiten also "nur eingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilhaben", so das Servicebüro "Lesen & Schreiben - Mein Schlüssel zur Welt". Das ist immerhin jeder Siebte. Und knapp 60 Prozent davon sind erwerbstätig - mit der andauernden Furcht, mit ihrem Problem ertappt zu werden.

Wie wird Analphabetismus definiert?

In der heutigen Wissensgesellschaft gelten Menschen als "funktionale Analphabeten", wenn sie zwar Buchstaben, Wörter und einfache Sätze lesen und schreiben können, jedoch Mühe haben, zusammenhängende Texte zu lesen und zu verstehen. 58 Prozent davon haben Deutsch als erste Sprache gelernt (4,4 Millionen). Männer sind mit 60 Prozent häufiger betroffen als Frauen. Analphabetismus im engeren Sinne betrifft laut Studie in Deutschland gut vier Prozent der Erwerbsfähigen - etwa 2,3 Millionen Menschen. Sie können nur einzelne Wörter lesen, verstehen und schreiben - nicht aber ganze Sätze. Rund 300 000 Menschen hierzulande können nicht mal ihren Namen richtig schreiben.

Wie kommt es, dass Menschen trotz Schulbildung vom "funktionalen Analphabetismus" betroffen sind? Wie wirkt sich das beruflich aus?

Gründe können soziale Probleme oder mangelnde Unterstützung in der Schule sein. Oft konnten schon die Eltern nicht ausreichend lesen oder schreiben. Beruflich kann das Defizit gravierende Folgen haben. Es blockiert logischerweise bei bestimmten Job-Wünschen. Und laut "leo."-Studie gehören Betroffene ohne Schulabschluss, in prekärer Beschäftigung und mit einem Alter von über 50 Jahren dann zu den gefährdeten Risikogruppen am Arbeitsmarkt.

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