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Professionelles Fotoshooting: Regina und die anderen Jugendlichen sind auf der Messe der Star.

Messe „IHK Jobfit!“

Das große Buhlen um die Azubis

München - Bei der Ausbildungsmesse „IHK Jobfit!“ haben sich 120 Firmen mit rund 200 Ausbildungsberufen vorgestellt. Etwa 3000 Besucher kamen zu der Messe – darunter viele Schüler.

Ein Beruf beim Fernsehen würde Regina bestimmt gut stehen. Beim Profi-Fotoshooting während der Ausbildungsmesse „IHK Jobfit!“ jedenfalls steht die 17-Jährige in Jeans und Karohemd recht lässig vor der Kamera. „Ein Lächeln andeuten, die Schultern ein wenig drehen und die Haltung bitte aufrecht“, ruft Fotograf Harry Stahl – Regina tut, wie ihr geheißen. „Jetzt freue ich mich auf mein Bewerbungsfoto“, sagt sie. Der erste Schritt Richtung Ausbildung ist gemacht.

Etwa 3000 Schüler aus München und Oberbayern sind am Samstag zur Jobfit-Messe ins MVG-Museum gekommen, zu der die IHK geladen hat. Viele Jugendliche, teils erst 14 oder 15 Jahre jung, standen mit ihren Eltern am Eingang Schlange.

Manche von ihnen wissen noch überhaupt nicht, was sie nach der Schule werden wollen. „Ich habe meinen Enkel hierher geschleppt“, berichtet ein 79 Jahre alter Besucher aus Ismaning, „der weiß allerdings gar nicht, was er will“. Mit diesem Dilemma ist die Familie nicht allein.

Lucas ist mit seinem Vater da. Mediengestalter fände er nicht schlecht als Beruf, sagt der 16-Jährige, der am Stand der Filmfirma Arri angekommen ist. An dem Stand erfährt Lucas, dass so eine Lampe, wie sie hier auf der Messe steht, auch im „Tagesschau“-Studio an der Decke hängt. Verschiedene technische Ausbildungen gibt es. „Pro Jahr stellen wir zwölf bis 14 Azubis ein“, sagt Mitarbeiterin Rosmarie Lauckhardt.

120 Unternehmen sind bei der Messe diesmal mit rund 200 Ausbildungsberufen vertreten – vom Beruf des Industriemechanikers bis zur Bürokauffrau. Personaler geben Tipps. Auch ein Bewerbungstraining für Flüchtlinge aus Berufsintegrationsklassen gibt es. Deutsch-Lehrer Till Heischmann von der Berufsschule für Gastronomie in München geht mit einigen Schülern, darunter der 18-jährige Baashi Diiriye aus Somalia, von Stand zu Stand, erkundigt sich mit ihnen über mögliche Praktika. In der „Berufe-Tram“ berichten Azubis derweil aus ihrem Berufsleben. Julia zum Beispiel macht eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau bei Lidl. „Man muss flexibel sein“, sagt die 17-Jährige, und freundlich zu den Kunden.

Youtube-Star „Freshtorge“ macht derweil mit Nina (14) ein Selfie, die vielleicht mal „Kauffrau für Marketingkommunikation“ werden will. Youtube-Star? Ninas Mutter und andere Eltern haben von diesem „Freshtorge“ noch nie was gehört. Viele Schüler dagegen schon, sie wollen ein Bild mit ihm. Er habe den Beruf des Erziehers gelernt, sagt „Freshtorge“ – bevor er zum Star geworden sei.

Die eigentlichen Stars bei dieser Messe sind die Schüler, und um deren Gunst müssen die Unternehmen zum Teil regelrecht werben. Denn Betriebe in und um München haben oft große Mühe, Azubis zu finden. So waren kurz vor Beginn des Ausbildungsjahres am 1. September heuer in München noch 3672 Lehrstellen frei“, wie die IHK München und Oberbayern mitteilte. Damit zeichnete sich heuer eine „Rekord-Bewerberlücke“ ab. Im Vergleich zum Vorjahr habe die Zahl der unbesetzten Stellen noch einmal um mehr als 15 Prozent zugelegt, so die Statistik der Agentur für Arbeit (Stand August). „Da die oberbayerischen Unternehmen in diesem Jahr 9513 Lehrlinge einstellen wollten, ist vorerst noch über jeder dritte Ausbildungsplatz unbesetzt“, teilte die IHK zum September mit. In der Gastronomie sei es besonders schwierig mit dem Nachwuchs, sagt der Hauptgeschäftsführer der IHK München und Oberbayern, Peter Driessen. Und sogar im Einzelhandel werde es schwieriger, alle Stellen mit Azubis zu besetzen – Angebote gibt es hier besonders viele.

Ein Grund für den Bewerbermangel liegt auf der Hand: „Die Zahl der Absolventen der Mittelschulen, früher Hauptschulen, ist in Oberbayern seit 2005 um 28 Prozent zurückgegangen“, so die Kammer. Gleichzeitig sei die Zahl der Abiturienten um 56 Prozent gestiegen.

„Gerade bei den Köchen ist es schwierig, geeignete Bewerber zu finden“, berichtet Ksenia Pavicic am Stand vom Schneider Bräuhaus im Tal. Genauso seien Restaurantfachkräfte sehr gefragt, sagt Franziska Wagner, Mitarbeiterin des Bayerischen Hofs.

Regina ist nach dem Messebesuch ganz zufrieden. Sie weiß nun ein bisschen mehr über den Beruf, für den sie sich interessiert – allerdings will sie nicht zum Fernsehen, sondern vielleicht zur Polizei. Am Stand der Bundespolizeiakademie hat Einstellungsberater Rolf Schümann gesagt, der Bedarf an Nachwuchskräften sei enorm. Auch bei der Münchner Polizei am Stand war Regina. „Aber endgültig für einen Beruf entschieden habe auch ich mich noch nicht.“

Anne Hund

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