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Ein guter Lehrer versteht sich als "Regisseur", erklärt Erziehungwissenschaftler Klaus Zierer.

Bildung statt Test-Wissen

Was gute Lehrer anders machen

Berlin - Ein Experte erklärt, warum sich Bildung nicht in Pisa-Studienergebnisse übersetzen lässt und was einen guten Lehrer heute auszeichnet.

Der Oldenburger Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer warnt davor, den Erfolg des Bildungssystems mit dem Erfolg bei Pisa-Studien gleichzusetzen. In einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur KNA tritt er gegen eine derartige Engführung in Teilen der Bildungspolitik aus. Denn die Vergleichsstudien nähmen nur einen keinen Ausschnitt in den Blick.

Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung wird Bildung als „Investition“ in die Zukunft bezeichnet, die Aufstiegschancen verspricht und den Erhalt von Wohlstand. Zahlt sich Bildung nur noch durch ökonomische Rendite aus?

Klaus Zierer: Bildung und Wohlstand hängen sicherlich zusammen. Bildung aber darauf zu reduzieren, ist eine Engführung.

Kritiker werfen den Pisa-Studien vor, diese Engführung zu fördern. Was misst Pisa?

Pisa misst mathematische, naturwissenschaftliche und sprachliche Kompetenzen. Damit wird nur ein kleiner Ausschnitt dessen in den Blick genommen, was aus humanistischer Sicht unter Bildung zu verstehen ist.

Was ist das Bildungsideal von Pisa?

Zugespitzt könnte man sagen: Der „Homo oeconomicus“, der sich gut in das Wirtschaftsgeschehen einbinden lässt. Es geht in erster Linie um Nützlichkeit der Bildung für einen größeren Zusammenhang. Nicht zufällig hat die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Pisa in Auftrag gegeben.

Humanismus und Aufklärung sahen in der Mündigkeit und reifen Persönlichkeit das Ideal der Bildung. Vollzieht sich damit eine Umkehrung des Bildungsideals?

Es gibt Kritiker, die das durchaus so sehen. Ich würde es nicht so radikal formulieren. Lesen, Rechnen, Schreiben, auch Naturwissenschaften sind Kulturtechniken, die den Zugang zu weiterer Bildung ermöglichen, Bildung aber nicht erschöpfend beschreiben. Wir können durchaus von Pisa profitieren, wenn wir die Studie auf das zurückführen, was sie leisten kann.

Unterliegt die Bildungspolitik inzwischen selbst dieser Engführung, indem Bildung als das gesehen wird, was Pisa misst?

Teilweise leider ja und das ist die Gefahr: Der Erfolg eines Bildungssystems wird mit dem Erfolg bei Pisa gleichgesetzt. Dieser Schluss hinkt und stellt eine Überforderung von Pisa dar.

Ist Bildung als Ganzes überhaupt messbar?

Schultage München:

Die Bildungsmesse kommt am 1. & 2. Februar ins MTC (Ingolstädter Straße 45).

Nein, schon deshalb nicht, weil Bildung kein statischer Begriff ist. Bildung ist vor allem dynamisch zu sehen und somit ein lebenslanger Prozess. Pisa als Momentaufnahme kann nur einen kleinen Teilbereich messen, was unter Bildung zu fassen ist. Und auch nur den, der messbar ist: Ethische, ästhetische oder musische Fähigkeiten beispielsweise lassen sich kaum beziehungsweise nicht messen. Oder nehmen Sie Glücksfähigkeit und Zufriedenheit. All das ist wesentlich für den Einzelnen, für das Zusammenleben einer Gesellschaft und in diesem Sinn ebenso für Wohlstand.

Was zeichnet einen gebildeten Menschen aus?

Ein gebildeter Mensch muss nicht bei Pisa erfolgreich sein - ein Pisa-Erfolg ist nicht hinreichend, ja nicht einmal notwendig für Bildung! Wichtiger erscheint die Verknüpfung von Wissen und Kompetenzen mit Haltungen, Wertungen und Einstellungen. Nur allein deswegen, weil ich viel weiß und kann, bin ich noch lange nicht gebildet. Nicht zu vergessen ist das Prozesshafte von Bildung, was ich eben angesprochen habe: Menschsein ist nicht nur eine Gabe, sondern lebenslange Aufgabe. Entsprechendes gilt auch für die Bildung: lebenslang und nie abgeschlossen.

Sie haben die Metastudie des neuseeländischen Erziehungswissenschaftlers John Hattie in Deutschland herausgegeben. Er hat die Summe aus circa 50.000 internationalen Primärstudien gezogen. Zu welchem Ergebnis kommt er?

Eine Kernaussage ist, dass nicht die Strukturen über den Bildungserfolg entscheiden - also nicht die Dreigliedrigkeit, die Gesamtschule, die Ganztagsschule, die Krippe oder was sonst noch gefordert wird. Damit stehen seine Ergebnisse im Widerspruch zur deutschen Bildungspolitik.

Was ist dann entscheidend?

Entscheidend sind die Pädagoginnen und Pädagogen. Der Ort der Bildung ist nicht das System oder die Struktur, sondern der Unterricht, also die Begegnung von Mensch zu Mensch. Das lässt sich übrigens über alle Länder hinweg feststellen.

Was kennzeichnet eine gute Lehrperson aus?

John Hattie macht deutlich, dass es nicht allein Erfahrung ist, sondern Expertise. Diese zeigt sich vor allem in der Haltung, wie Lehrpersonen in den Unterricht gehen und sich selbst darin sehen. Eine gute Lehrperson sieht sich als vertrauensvollen Regisseur.

Dennoch bleibt ein Unterschied zwischen Lehrperson und Schüler, zumal die Lehrperson mehr wissen sollte.

Fachkompetenz ist sicherlich wichtig, für sich alleine aber wenig hilfreich. Hinzukommen muss pädagogische Kompetenz und didaktische Kompetenz. Die Lehrperson muss also die Fähigkeiten mitbringen, eine Beziehung zum Schüler aufbauen und ihr Wissen aufbereiten, vermitteln können. Das Entscheidende ist ja: Der Schüler muss den Bildungsweg selbst beschreiten. Die Lehrperson kann hier nur unterstützen.

Wie viel pädagogischen Elan braucht der Lehrer?

John Hattie betont, dass die entscheidende Größe im Unterrichtsprozess die am schwersten messbare ist: Die Leidenschaft der Lehrperson - für ihr Fach, für ihren Beruf und für ihre Schülerinnen und Schüler.

Was sollte die Bildungspolitik aus der Hattie-Studie lernen?

Es wäre wünschenswert, strukturellen Maßnahmen kritischer zu begegnen und die Diskussionen dazu zu entideologisieren. Strukturen sind nicht unwichtig, aber sie werden überbewertet. Stattdessen sollte man sich mehr auf den Kern, nämlich den Unterricht, konzentrieren und Lehrpersonen stärker unterstützen. Ein weniger an Strukturreformen kann ein Mehr an Unterrichtsqualität sein.

Wie sollte die Lehrerbildung aussehen?

Nimmt man die Ergebnisse der Hattie-Studie ernst, so müsste in der Lehrerbildung stärker auf die Verzahnung von Fachkompetenz, pädagogischer Kompetenz und didaktischer Kompetenz geachtet werden. Hinzukommt die Botschaft nach einer Evidenzbasierung, die nicht zu verwechseln ist mit einem Mehr an Tests a la Pisa und Co. Hier geht es vielmehr um die alltägliche Frage: Wie wirke ich auf meine Lernenden und wie kann ich diese Wirkung nachweisen? Das ist eine Schlüsselfrage, die in allen Phasen der Lehrerbildung zu thematisieren ist.

Christoph Scholz

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