Sozialarbeiter, Teamplayer, Kreativer?

Der neue Lehrer: Anforderungen steigen

München - Unterrichten ist für Lehrer längst nur noch eine Aufgabe von vielen. Manche sehen sie gar als Psychologen, Sozialarbeiter und Coaches. Dabei sind viele Lehrer schon jetzt mit den Nerven am Ende.

Sachbücher über ihre angeblichen Unzulänglichkeiten füllen ganze Regalreihen. Zum Thema Lehrer kann wohl jeder eine persönliche Geschichte erzählen - sei es in Erinnerung an die eigene Schulzeit oder wegen einschlägiger Erfahrungen als Elternteil. Den Ruf nach einem Lehrer neuen Typs gibt es schon lange. Und er bleibt aktuell, wie das jetzt erschienene Sachbuch „Deutschland, deine Lehrer“ zeigt. Es ist ein Plädoyer für mehr Mut zur Innovation - und eine bessere Schüler-Lehrer-Beziehung. Von Betroffenen und der Lehrergewerkschaft GEW gibt es ein geteiltes Echo.

Autorin Christine Eichel beschwört in ihrem Buch einen Wandel. „Die Ära der empfindungsarmen Wissensverwalter ist vorbei, das Zeitalter der emotional beteiligten Spieler, der Multitasker, der Teamplayer hat begonnen.“ Der Schulverdrossenheit vieler Kinder und Jugendlicher müssten Lehrer mit Engagement, Erfindungsreichtum und Innovationsgeist begegnen. Es hätten nur leider noch nicht alle Lehrer bemerkt, dass eine neue Zeit angebrochen sei. Zwar gebe es einige engagierte, aufopferungsvolle und hochmotivierte Exemplare - sie seien aber nicht die Regel.

Der Philologenverband verweist auf die hohe Arbeitsbelastung. „Ein Grundproblem ist, dass sich ein Großteil der Lehrer an der Grenze der Leistungsfähigkeit fühlt“, sagt der Vorsitzende Heinz-Peter Meidinger. Die Vor- und Nachbereitung von Unterricht sei extrem arbeitsintensiv, wenn man sie ernst nehme. Lehrer könnten daher sehr empfindlich reagieren bei allem, was zusätzlich auf sie zukomme. Und das ist einiges, wenn es nach dem Willen von Autorin Eichel geht: Sie fordert zum Beispiel regelmäßige Eltern-Lehrer-Stammtische und Hausbesuche.

Meidinger ist skeptisch. Solche Stammtische seien zwar durchaus vorstellbar, und es gebe auch einige. „Es gehen aber vor allem die Eltern hin, die bildungsaffin sind und sich auch sonst viel kümmern.“ Erreicht werden müssten jedoch vor allem die Mütter und Väter, die nicht zu einem Stammtisch kommen würden. Er sehe die Gefahr, dass sich die Elternschaft teile in Insider und Außenseiter. Einen regen Austausch zwischen Lehrern und Eltern befürwortet er aber auch. „Ein Elternteil muss sich zum Beispiel jederzeit per Email an einen Lehrer wenden können.“

Auch Ilka Hoffmann von der Lehrergewerkschaft GEW sieht einen Wandel der Lehrerrolle. Es seien allerdings eher die Universitäten als die Lehrer, die diesen Wandel noch nicht realisiert hätten. „Die Unterrichtspraxis, die den Lehrern an den Universitäten vermittelt wird, ist nicht unbedingt von heute“, sagt sie.

Lerncoach, Sozialarbeiter, Psychologe, Persönlichkeitsentwickler - so umreißt Autorin Eichel die Dimensionen des Lehrerberufs. Hoffmann geht das zu weit. „Das wäre eine totale Überforderung“, sagt sie. „Es gibt die Tendenz, alles, was an Wünschenswertem in der Schule geleistet werden soll, einseitig auf die Lehrer abzuwälzen.“ Wichtig sei, dass Lehrer in gut funktionierenden Teams mit Sozialarbeitern und Pädagogen zusammenarbeiteten.

Mehr Team-Play an den Schulen fordert auch Eichel: Lehrer müssten sich aus ihrem Einzelkämpfer-Dasein befreien. Meidinger vom Philologenverband sieht hier ebenfalls einen Nachholbedarf: „Es wäre ein enormer Push für gelingende Lernprozesse, wenn sich Lehrer untereinander stärker austauschen würden.“

Damit der neue Lehrertypus an allen Schulen einziehen kann, braucht es Eichel zufolge nicht nur den ernsthaften Willen jedes Einzelnen, sondern auch mehr Autonomie und weniger administrative Gängelung. Hier widerspricht ihr Meidinger energisch: Die Freiheit gebe es bereits. „Ich kenne kaum einen anderen Beruf, in dem der Einzelne so viel Freiraum hat für Eigeninitiative wie im Lehrerberuf. Eine Schulleitung kann sehr viel machen und auch der einzelne Lehrer - und sie tun das auch.“

dpa

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