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Junge Pflege-Spezialisten Anna H. und Patrick Wagner mit ihrem Professor Bernd Reuschenbach (r.).

"Das ist das Leben"!

Pflege-Studium: Die ersten Absolventen erzählen

München - Experten fordern mehr Akademiker in der Pflege. Es tut sich was: In München wird am Donnerstag der erste Jahrgang eines Pflege-Studiums verabschiedet. Zwei Absolventen erzählen von ihrem Traumberuf.

Immer wieder passiert es der Münchnerin Anna H., 24, dass sie von ihrem Beruf erzählt – und ihr Gegenüber mitleidig die Nase rümpft. Anna H. ist Pflegerin. Sie ist aber auch Akademikerin – und damit eine Vorreiterin in Bayern.

Mit der Traumnote 1,5 hat Anna H. ihre Prüfung neulich bestanden, sie hat jetzt einen Bachelor im Studiengang „Pflege dual“ an der Katholischen Stiftungsfachhochschule (KSFH) in München. Der kombiniert Ausbildung mit Studium. Donnerstagabend wird gefeiert, mit einem großen Fest – denn Anna H.s Jahrgang ist der erste, der fertig wird. Experten finden, es ist höchste Zeit, dass es mehr von ihrer Sorte gibt.

Seit 2009 bietet die KFSH den Studiengang an. Die Hochschule war die erste in Deutschland, die im Wintersemester 2009/10 ein solches duales Studium einführte. Bernd Reuschenbach, Leiter des Studiengangs, erklärt den Grund: „Wir wollen mehr Abiturienten im Pflegeberuf.“ Warum? „Weil sich das Berufsfeld verändert.“ Die Versorgung der Senioren wird immer komplexer: Weil sie im Schnitt älter werden, leiden sie an verschiedenen Krankheiten – die muss das Pflegepersonal erkennen und dann richtig handeln. Pflege, die nur Grundbedürfnisse versorgt, reicht längst nicht mehr. Ans Krankenbett müssen immer öfter Pflege-Spezialisten – auch als Bindeglied zwischen Patient, Pflegehelfer und Arzt.

Das sieht auch der Wissenschaftsrat so, ein Experten-Gremium, das die Bundesregierung berät. Professor Hans-Jochen Heinze ist zuständig für Medizin, schon 2012 forderte er im Namen des Rats eine Akademisierung der Gesundheitsversorgung. Heinze empfiehlt, 10 bis 20 Prozent eines Ausbildungsjahrgangs in den Gesundheitsfachberufen akademisch zu qualifizieren und die Kapazitäten an den Hochschulen auszubauen. Aber, ganz wichtig, sagt Heinze: „Wir wollen keine Pflegemanager, die vom Schreibtisch aus organisieren. Wir wollen Leute, die am Menschen arbeiten.“

Wie Anna H. Während der Fachoberschule machte sie ein soziales Praktikum: „Da wusste ich, dass ich in diese Richtung gehen möchte.“ Nach dem Abitur entschied sie sich für das Studium „Pflege dual“: „Das klang attraktiver als die normale Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger.“ Einschreiben kann sich nur, wer auch eine Ausbildung macht. Anna H. lernte beim Münchner Klinikum Dritter Orden. In den drei Jahren studierte sie pro Semester zwei Wochen an der KSFH, schrieb ihr Examen. Im Anschluss sattelte sie drei Semester Vollzeit-Studium drauf – am Ende hatte sie den Bachelor in der Tasche.

Und was hat’s gebracht? Anna H. sagt: „Es heißt immer, Pfleger haben eine hohe Arbeitsbelastung.“ Sie habe im Studium gelernt, zu hinterfragen, warum das so ist. Was falsch läuft. Welche Rolle die Politik spielt. Wie das Gesundheitssystem tickt. Aber auch für den Umgang mit Pflegebedürftigen hat sie viel mitgenommen – psychologisch, anthropologisch, ethisch. Zum Beispiel, welches Bild die Gesellschaft von Menschen auf ihrem letzten Lebensabschnitt hat. „Ich verstehe das nicht: Alle werden einmal alt – aber niemand will sich damit beschäftigen“, sagt Anna H. . „Aber das ist nun mal das Leben!“

Neben ihr steht Studienkollege Patrick Wagner. Er ist 27, studierte nach dem Abi BWL – „aber das war nichts für mich“. Er schrieb sich bei der KSFH ein, begann eine Pfleger-Ausbildung bei den Barmherzigen Schwestern des Heiligen Vinzenz von Paul in München, betreute Schwerkranke und ihre Angehörigen, war oft mit dem Tod konfrontiert. Und im Studium, zum Beispiel in Ethik, beschäftigte er sich theoretisch mit Sterbehilfe und lebensverlängernden Maßnahmen. Er sagt: „Ich bin durch das Studium gereift.“

Patrick Wagner und Anna H. haben während des Studiums weiter als Teilzeit-Pfleger gearbeitet. Um Geld zu verdienen, klar. Aber auch, um dranzubleiben. „Wenn ich mitreden will, muss ich viel wissen“, sagt die 24-Jährige. Beide wollen noch den Master-Abschluss draufsetzen, sich spezialisieren. Doch wenn sie wollten, könnten sie sofort anfangen zu arbeiten – qualifiziertes Personal ist Mangelware. Das Gehalt jedoch ist ein Problem: Viele Träger schätzen die Pflege-Akademiker noch nicht. „Die meisten zahlen nicht mehr für eine bessere Ausbildung“, sagt Patrick Wagner. Nur einige Privatkliniken haben den Zeitgeist erkannt – und saugen die Absolventen regelrecht ab.

Professor Heinze vom Wissenschaftsbeirat ist zuversichtlich: „Wenn sich mehr Pfleger qualifizieren und auf den Markt drängen, kann man die Träger von den Vorteilen überzeugen.“ Zum Beispiel, dass durch bessere Abläufe Einsparungen möglich sind. Und: „Duale Pflegestudiengänge führen zu einem Qualitätsschub in der Pflege. Damit wird auch das Ansehen der Pflegeberufe gesteigert“, sagt Pflegeministerin Melanie Huml (CSU). Das ist wichtig für die Branche, die seit Jahren über einen akuten Personalmangel klagt.

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Heinze sieht in Bayern Nachholbedarf, was die Pflege-Studienplätze angeht. Andere Bundesländer wie Baden-Württemberg seien viel weiter. KSFH-Professor Reuschenbach formuliert es drastischer: „Bayern ist Entwicklungsland.“ Er nimmt schon jetzt mehr Studenten an als vorgesehen. Ähnliche duale Angebote wie an der KSFH gibt es laut Kultusministerium nur in Nürnberg, an der Münchner Hochschule für angewandte Wissenschaften und in Regensburg. Auch Pflegekritiker Claus Fussek hält eine Akademisierung für wichtig. Er betont aber: „Wir müssen ein Gefälle vermeiden zwischen dem top-ausgebildeten Personal an der Spitze und der Basis, wo wir oft die Schwachen der Schwachen haben.“ Damit meint er die, die den Pflegeberuf nur ergreifen, weil sie sonst keinen Ausbildungsplatz bekommen. Und Fussek fordert gute Rahmenbedingungen – damit hochmotivierte Spezialisten wie Anna H. und Patrick Wagner auch in einigen Jahren noch Lust auf die Pflege haben.

Von Carina Lechner

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