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Viele Eltern pubertierender Jugendlicher haben das Gefühl, mit einer Wand zu reden. Das sorgt oft für Konflikte.

Ein Pädagoge gibt Rat

Notenfrust in der Pubertät: Was Eltern tun können

München - In der Pubertät fallen die Schulnoten oft in den Keller, Eltern reden bei ihren jugendlichen Kindern gegen eine Wand. Was tun? Pädagoge Christoph Bornhauser gibt Rat.

Der Pädagoge Christoph Bornhauser war Leiter einer Privatschule. Heute berät der Schweizer Schulen und Bildungsprojekte – und Eltern, die mit schlechten Noten ihrer pubertierenden Kindern konfrontiert sind.

Sie sprechen von der Pubertät als „zweite Geburt“. Ist es so schlimm?

Oder so schön! Die Persönlichkeit wird neu geboren. Das ist eine Phase, die echt schwierig ist, ja sogar schmerzhaft. Man braucht viel Kraft, Geduld und Vertrauen ins Gelingen, daher die Metapher.

Wann beginnt denn die Pubertät? 

Früher als in der Vergangenheit. Bei Mädchen setzt sie im Schnitt mit zehn oder elf Jahren ein, bei Jungs ein bis zwei Jahre später. Pubertät ist die erste Phase der Adoleszenz, sie dauert bis etwa 15. Dann wechselt sie in die mittlere Adoleszenz, sie dauert bis zum 16. oder 17. Lebensjahr. Die späte Adoleszenz endet erst mit ca. 20.

Am heftigsten... 

... ist die erste Phase. Dann entwickeln sich der Körper und die Persönlichkeit sehr rasch. Das ist die herausforderndste Phase für die Eltern.

Und diese Phase merken die Eltern am Zeugnis – es wird schlechter.

Der Pädagoge Christoph Bornhauser leitet das Beratungsunternehmen Seelab AG in Kreuzlingen am Bodensee.

Ja, das ist oft der Fall, weil das Kind jetzt komplett andere Interessen entwickelt und seine Energien umlagert. Bei Kindern, die in den schulischen Lerninhalten Lust und Sinnhaftigkeit sehen, ist das nicht so. Aber das ist leider oft eine Minderheit.

Wie können Eltern damit umgehen?

Eltern sollten mit Jugendlichen über ihre Ziele oder Lebensträume sprechen. Nicht über die Ziele in der Schule, sondern eher darüber, wie ihr Leben in zehn Jahren aussehen könnte. Man sollte das als echte Frage stellen und nicht mit pädagogischem Unterton, und versuchen, aus der jugendlichen Vision eine Projektion auf die Gegenwart und ihren Bildungsprozess zu machen. Das ist fruchtbarer, weil Pubertierende sich nicht in erster Linie an Schulabschluss und Noten orientieren, im Gegensatz zu ihren Eltern. Aus dieser Interessenskluft resultieren dann oft auch schlimme Konflikte.

Was ist, wenn der Jugendliche sich dem Gespräch verweigert?

Eine Komplettverweigerung ist sehr selten. In der Regel ist es doch so: Eltern sind für die Pubertierenden die schwierigsten Gesprächspartner. Die Kontaktaufnahme kann auch über andere Erwachsene erfolgen, zu denen der Jugendliche emotionale Bindungen aufgebaut hat. Das kann ein Trainer im Verein sein, Verwandte, ein Lehrer, den er gern hat.

Ist die Pubertät bei Mädchen und Buben gleich?

Nein. Mädchen sind früher in der Pubertät und beenden sie auch früher. Das hat einen einfachen Vorteil: Sie erreichen schon vor dem Abitur die Reife einer Erwachsenen, die Jungs erreichen die Erwachsenenreife oft erst nach dem Abi. Erschwerend für die Jungs kommt noch dazu, dass ihre Bedürfnisse noch stärker außerhalb der Schule liegenals die von Mädchen. Sie haben viel mit Bewegung zu tun, mit Risiko und Tatendrang. Um dies in die Schule einzubauen – auf Exkursionen, Projekten oder Skilagern – braucht es mutige Lehrer. Wahrscheinlich gibt es da auch hinderliche Vorschriften.

Bei den „Schultagen München“ haben Sie Fotos aus dem Zimmer Ihrer pubertierenden Tochter gezeigt. Pures Chaos – und mittendrin eine penibel geordnete Ansammlung von Nagellacken und Wimperntuschen. Was sagt uns das? 

Dass es mitten in der chaotischen Pubertät auch Ansätze von Ordnung gibt – nämlich dort, wo es das Kind will. Das gibt Eltern die Möglichkeit, zu orten, wo die Faszination und die Interessen ihres Kindes liegen und sie als Kristallisationspunkte für die Persönlichkeitsentwicklung zu nutzen.

Dirk Walter

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