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Seit dem Pisa-Schock haben sich die deutschen Schüler stetig verbessert - gerade bei den Grundkompetenzen, also Leseverständnis und mathematischen Kompetenzen.

Interview

„Ein Jahr Schule bringt 10 Prozent mehr Geld“

Der Münchner Bildungsökonom Ludger Wößmann misst, wie viel Bildung zum Wohlstand von Volkswirtschaften beiträgt. Er kann aber auch sagen, wie viele Euro ein Schulabschluss bringt:

Kann man den Wert von Bildung in Euro ermitteln?

Prof. Ludger Wößmann.

Man kann zumindest den Zusammenhang zwischen Bildung undwirtschaftlichem Wohlstand des Landes ermitteln. Erstens gibt es die neue Piaac-Studie der OECD, eine Art Erwachsenen-Pisa, das 2013 erstmals die Kompetenzen von Erwachsenen verschiedener Länder gemessen hat. Jede von fünf Kompetenzstufen bei Piaac bedeutet hierzulande 23 Prozent höheres Einkommen – das sind konkret im Schnitt etwa 650 Euro im Monat. Oder anders ausgedrückt: Jedes zusätzliche Bildungsjahr über den Schulabschluss hinaus – also ein Studium oder eine Lehre mit dreijähriger Berufsschule – geht in Deutschland mit knapp zehn Prozent höherem Einkommen einher.

Und zweitens?

Zweitens kann man die Arbeitslosigkeit nach Bildungsabschlüssen untersuchen. Akademikerarbeitslosigkeit gibt es nahezu nicht. Unter Personen mit Hochschulabschluss beträgt die Erwerbslosigkeit nur etwa zwei Prozent, bei Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung, also der klassischen Lehre, sind es nur fünf Prozent. Bei Personen ohne Berufsausbildung sind es aber knapp 20 Prozent. Hier liegt die größte Herausforderung.

Was hat Bildung mit einer Volkswirtschaft zu tun?

Wenn Länder ihr Bruttoinlandsprodukt auf lange Sicht steigern, so hängt das in erster Linie davon ab, dass die Bevölkerung ihre Bildungsleistungen stark verbessert hat. Bildung ist ein entscheidender Faktor, wenn man verstehen will, wie sich Wohlstand ausbreitet.

Von welchen Staaten sprechen Sie?

Bildungsmesse:

Am 1. & 2. Februar kommen die Schultage München ins MTC (Ingolstädter Straße 45).

Zum Beispiel von den ostasiatischen Ländern. Ich betrachte die Entwicklung mit einer Mischung von Faszination und Skepsis. Ich warne davor, etwa die Bildungsleistung in Südkorea auf stupide, unkreative Paukerei zu verkürzen. Es gibt Vergleiche zwischen dem Unterricht der USA und Südkoreas – es war erstaunlich, wie viel kreativer die Schulen Südkoreas vorgingen. Ich gehe davon aus, dass uns diese Länder mehr Konkurrenz machen werden – auch bei der Fortentwicklung höherwertiger Produkte. Da muss man auf der Hut sein.

Und Deutschland?

Wenig bekannt ist, dass es vor der ersten Pisa-Studie aus dem Jahr 2000 Vorgängerstudien gab. Der erste Vergleichstest in Mathematik datiert von 1965, zwölf Staaten nahmen teil. 1970/71 war der erste Vergleichstest in Naturwissenschaft mit 19 Staaten. Deutschland landete damals auf einem der letzten Plätze. Die Konsequenz, die man damals zog, war einfach: Man nahm 25 Jahre lang an diesen Tests nicht mehr teil. Erst Ende der 1990er Jahre folgte der Neustart, dann kam der Pisa- Schock. Wir haben versucht, die deutschen Ergebnisse in der ersten Pisa-Studie und den Vorgänger-Studien vergleichbar zu machen. Ergebnis: In Deutschland herrschte Stagnation, nichts hatte sich verbessert – oder verschlechtert.

Erklärt das auch, warum Deutschland beim Erwachsenen-Pisa nur mittelmäßig abgeschnitten hat?

Genau, die hier getesteten 40- bis 60-Jährigen sind ja die Schüler von damals.

Und die Ergebnisse seit 2000?

Zumindest werden die deutschen Pisa-Ergebnisse stetig besser. Das sind nicht gleich Welten, aber wir sind doch eines der wenigen Länder, die sich stetig verbessert haben – seit dem Pisa-Schock. Das zeigt aber auch: Wenn man Pisa ernst nimmt, kann man sich verbessern, gerade bei den Grundkompetenzen, also Leseverständnis und mathematischen Kompetenzen. Diese Grundkompetenzen hat unser Bildungssystem lange Zeit sträflich vernachlässigt.

Wo könnte in den Bildungshaushalten der deutschen Bundesländer denn investiert werden?

Auf das Ausgabenniveau kommt es nicht zwangsläufig an. Da gibt es bei den Pisa-Studien keinen Zusammenhang – es ist nicht so, dass dort alles besser ist, wo viel Geld in die Bildung fließt. Zum Beispiel gibt es keinen Zusammenhang zwischen der Klassengröße und Bildungserfolg – es spielt keine Rolle, ob ein Kind in einer Klasse mit 20 oder 28 Schülern sitzt.

Das werden die Lehrerverbände nicht gerne hören.

Vielleicht. Aber sie werden sicher gerne hören, dass der Lehrer meines Erachtens einer der wichtigsten Berufe für unsere Zukunft ist. Es kommt entscheidend auf die pädagogische Qualität der Lehrer an. In den USA versucht man sogar, das zu quantifizieren. Ein schlechter Lehrer bringt Schülern in einem Jahr das Wissen von nur einem halben Schuljahr bei, ein guter Lehrer bringt gleich eineinhalb Schuljahre bei.

Wie wird man ein qualitativ hochwertiger Lehrer?

Schwierige Frage. Es hat jedenfalls nichts mit der leidigen Frage zu tun, ob ein Lehrer nun einen Bachelor- oder einen Master-Abschluss haben sollte. Hingegen haben die ersten zwei Jahre im Beruf einen großen Effekt. Ein Lehrer lernt nur in den ersten Jahren deutlich dazu.

Später ist es zu spät?

Später ist es relativ schwer, sich das anzutrainieren. Es gibt nun mal Menschen, die von vorneherein sehr gute pädagogische Grundfertigkeiten haben. Die Aufgabe der Politik besteht darin, diese Personen zu finden und für den Lehrerberuf zu begeistern. Finnland ist berühmt dafür, dass die Besten jedes Jahrgangs Lehrer werden wollen. Dabei werden sie schlechter bezahlt als in Deutschland.

Herr Wößmann, geht gute Schule auch ohne viel Geld?

Natürlich. Man darf nichts kaputt sparen. Nur die Vorstellung, wir brauchen einfach nur mehr Geld für die Schulen, ist definitiv irrig.

Das Interview führte Dirk Walter

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