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Adolf Timm bietet, zum Teil mit Lehrern, auch in Oberbayern Elterntrainings an - wie hier mit dem Münchner Rektor Franz Igerl.

Mehr Lernerfolg

Erfolg in der Schule: So fördern Sie ihr Kind

München - Adolf Timm leitete bis zur Pensionierung eine Privatschule in Schleswig-Holstein. Er erklärt, warum Eltern für den Schulerfolg so wichtig sind.

Adolf Timm leitete bis zur Pensionierung eine Privatschule in Schleswig-Holstein. Der renommierte Pädagoge hat mit dem Wissenschaftler Klaus Hurrelmann das Konzept des Elterntrainings entworfen. Der Buchautor („Die Gesetze des Schulerfolgs“) erklärt im Interview, was Eltern für den Schulerfolg tun können – und warum ihr Einfluss fast noch wichtiger ist als der der Schulen.

Für Bildung ist in erster Linie die Schule zuständig, heißt es oft. Wofür dann Elterntraining? 

Sicher, Bildungsprozesse finden überwiegend in der Schule statt. Aber der Beginn ist im Elternhaus. Familie ist der erste und wichtigste Ort für Erziehung, Bildung und Leistungsfreude. Mütter und Väter sind die wichtigsten Entwicklungshelfer für die Persönlichkeit. Besonders deutlich wird das an der Sprachbildung. Sie beginnt gleich nach der Geburt mit der Interaktion zwischen Mutter und Kind. Die Familie bildet Kompetenzen aus, die für den Schul- und Lebenserfolg entscheidend sind, etwa Sprachfertigkeiten, Grob- und Feinmotorik und Lernfreude. Die Familie legt das Fundament, auf dem die Schule aufbauen kann. Ohne die Eltern steht Schule auf verlorenem Posten.

Stimmt es, dass Kinder aus eigenem Antrieb lernen? 

Ja, das ist so. Kinder sind so genannte Selbststeuerer. Sie müssen nicht dazu angehalten werden, die Umwelt zu erforschen. Oft ist ihr erstes Wort ja auch „selber“ und der erste kleine Satz heißt „selber machen“. Kinder haben einen eingebauten Entwicklungsmotor: Dopamin ist eine Art Glückshormon, das dann freigesetzt wird, wenn Kinder etwas entdeckt haben.

Wie erklären Sie dann, dass aus Schullust manchmal Schulfrust wird? 

Eine Alleinschuld gibt es meist nicht. Natürlich gibt es Fehlverhalten in der Schule, etwa die Aufforderung zum Bulimie- Lernen – man lernt für eine Klausur und ist froh, wenn man den Stoff hinterher wieder ausspucken und vergessen kann. In unserem Elterntraining benennen wir über zwei Dutzend von Lernhindernissen – die aber auch überwunden werden können. Es geht um Konzentrationsstörungen, um Überbehütung, um Bewegungsmangel, belastete Familienverhältnisse, manchmal auch schlicht um Armut in den Familien. Auch falsche Schulwahl kann eine Rolle spielen und fatale Kommunikation seitens der Eltern, wenn sie etwa zuhause über missliebige Lehrer herziehen.

Sie veranschlagen die Rolle der Eltern – entgegen einem allgemeinen Trend, der die Schule als alleinzuständig ansieht, – sehr hoch.

Nicht nur ich. Der Pädagoge und Elternforscher Werner Sacher, der früher an der Universität Nürnberg-Erlangen lehrte, sieht Eltern als unentdecktes und verschenktes Reservoir für die Bildung an. Er traut sich sogar zu, exakte Prozentzahlen zu nennen, wie hoch der Anteil der Eltern an der Bildungskompetenz ist.

Und? Wie hoch ist er? 

Auf die Lesesozialisation beträgt der Eltern-Einfluss laut Sacher 66,1 Prozent, bei der naturwissenschaftlichen Kompetenz 62,6 Prozent und bei der mathematischen Kompetenz 62 Prozent. Man muss die Prozentzahlen nicht bis auf die Stelle hinter dem Komma akzeptieren. Deutlich wird aber schon, dass der Einfluss der Eltern ganz gravierend ist. Anders ausgedrückt: Bildung hat nicht nur einen Schulbezug, sondern auch einen Familienbezug.

Was folgt daraus?

Adolf Timm.

Wir müssen Eltern motivieren, Stärken ihres Kindes zu identifizieren und ihmaufbauend zu helfen, seine Potenziale und Fähigkeiten auch auszuschöpfen. Unsere Kinder können mehr. Aber die Entwicklung eines jungen Menschen ist ergebnisoffen und störanfällig. Die Lernforscherin Elsbeth Stern plädiert daher dafür, dem Bildungsrecht des Kindes eine Bildungspflicht der Eltern gegenüber zu stellen. Aus der privaten Aufgabe von Eltern, ihre Kinder zu erziehen, ist eine öffentliche Aufgabe geworden – wir können uns in unserer Gesellschaft schlecht erzogene und mangelhaft gebildete Kinder schlicht nicht leisten. Die Elterntrainings, die wir auch in Oberbayern anbieten, können ein Weg sein, dass Eltern wieder die angeborene Begeisterung ihrer Kinder für das Lernen teilen und selbst Lernende werden.

Wie gehen Sie vor?

Wir setzen auf das Einfühlungsvermögen der Eltern. Sie sollen sich selbstkritisch hinterfragen. Wir geben aber keine Gebrauchsanweisung für das Kind. Eltern können für den Bildungserfolg ihrer Kinder mehr tun, als sich viele vorstellen. Ein Schlüssel dafür ist die Anerkennung der Prinzipien „BKA“. B wie Bindung der Kinder an die Eltern, die Gewissheit, geliebt zu werden. K wie Kompetenz des Kindes, also die Selbsteinschätzung, zu können. Und A wie Autonomie, also das Bewusstsein, es selbstständig zu schaffen. Wir nennen „BKA“ übrigens die drei Schlaumacher.

Darf man eigentlich durch Belohnung motivieren? 

Vorsicht! Kinder lernen aus eigenem Antrieb – zunächst jedenfalls. Ein Schüler sollte verinnerlicht haben, dass Lernen sinnvoll ist, selbst wenn es anstrengend oder langweilig ist. Ohne Fleiß kein Preis. Nach der Pubertät lernt ein Jugendlicher aus Verantwortung für sich selbst – jedenfalls sollte es so sein. Mit materiellen Anreizen sollten Eltern behutsam vorgehen. Es wäre falsch, wenn Kinder Leistung als etwas Geldwertes betrachten. Das macht die Freude daran kaputt.

Das Gespräch führte Dirk Walter

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