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Jetzt reicht es! So wie dieser Frau geht es – gefühlt – immer mehr Menschen: Sie haben zu viel Arbeit, aber zu wenig Zeit, diese zu erledigen. Negativer Stress macht uns krank. Positiver kann hingegen lebensverlängernd wirken.

Stress lass nach

Bald ist Welttag für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz

„Allein die Dosis macht das Gift.“ Das wusste schon der Arzt Paracelsus im 16. Jahrhundert. Eine Weisheit, die heute noch gilt. Auch für Stress: Zu viel davon macht uns krank – ein bisschen kann hingegen sogar gesund sein. Ein paar Tipps für die richtige Balance.

Die gute Nachricht zuerst: Stress kann richtig fit machen. Jetzt die schlechte: Das gilt leider nicht für jede Art von Stress. „Negativer Stress, also Ärger mit dem Arbeitgeber, eine schlechte Ehe, Probleme mit den Kindern, ist sicherlich schlecht. Der positive Stress, also ein voller Tag mit erfreulichen Terminen, ist dagegen lebensverlängernd“, sagte erst kürzlich Christoph Englert in einem Interview mit Spiegel Online. Er ist Professor für Molekulare Genetik am Leibniz-Institut für Altersforschung in Jena. Und er weiß: „Wenn Sie etwa Fliegen oder Mäuse unter Stress setzen, leben diese länger. Das gilt sogar für die Verabreichung an sich giftiger Substanzen in geringen Mengen. Die Tiere aktivieren Abwehrsysteme und werden mit Herausforderungen besser fertig. In Maßen kann Stress positiv wirken.“

In Maßen. So lautet das Zauberwort. Doch genau daran hapert es offenbar immer öfter im Job. Ende des Monats ist Welttag für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz – ein guter Anlass für eine Bestandsaufnahme. Die zeichnet kein schönes Bild. Fakt ist, dass immer mehr Menschen wegen psychischer Leiden krankgeschrieben werden.

Ein Grund: „Menschen reagieren unterschiedlich auf Dauerstress. Daraus kann sich ein ,Burnout’ entwickeln, bei dem es sich um einen Zustand der totalen Erschöpfung handelt“, sagt Dr. Berthold Musselmann vom Universitätsklinikum Heidelberg. Zusammen mit Prof. Michael Wolffsohn (Interview) und zwei weiteren Experten diskutierte er jüngst bei einer Veranstaltung des „Komitees Forschung Naturmedizin“ die Folgen des steigenden Stresspegels. Und die haben es in sich. Denn unter Belastung läuft unser Körper auf Hochtouren. Er schüttet Stresshormone aus, etwa Adrenalin und Kortisol. Akuter Stress steigert damit die Herzfrequenz und den Blutdruck, leitet mehr Blut in die Muskeln, schärft unsere Sinne. Was aber, wenn dieser Ausnahmezustand anhält? Dann kommt unser Körper nicht mehr zur Ruhe – die Liste der „Nebenwirkungen“ ist lang: Infektanfälligkeit, verzögerte Wundheilung, Bluthochdruck, Diabetes, Kopfschmerzen, Depressionen, Hörsturz. Und, und, und. Was tun? Die meisten Experten raten zur Entschleunigung: Nehmen Sie sich weniger vor – und bewegen sich dafür mehr. Ernähren Sie sich gesund. Pflegen Sie Ihre Hobbys und sozialen Kontakte. Auch Entspannungsübungen helfen.

Vor allem aber: Denken Sie daran, dass Stress zuerst im Kopf entsteht. Ob eine Situation stressig ist, lässt sich nicht pauschal beurteilen. Empfinden wir sie aber als solche, hilft oft nur eines: Sie gedanklich umzubewerten – damit man sie eher positiv wahrnimmt.

„Stress ist in der Menschheitsgeschichte nichts Neues“

Prof. Michael Wolffsohn gilt als einer der führenden Experten für die Analyse internationaler Politik. Er wurde 1947 in Tel Aviv geboren und zog 1954 mit seinen Eltern nach West-Berlin. Nach Wehrdienst in Israel und Studium in Berlin, Tel Aviv und New York lehrte er von 1981 bis 2012 als Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München. Er ist auch weiterhin publizistisch tätig. Prof. Michael Wolffsohn erklärt, woher der Stress mit dem Stress kommt – und was wir dabei gern übersehen.

Leben wir in einer Stressgesellschaft? 

Natürlich! Aber das haben wir schon immer getan: Stress ist in der Menschheitsgeschichte nichts Neues. Ohne Stress kein Überleben.

Wie meinen Sie das? 

Zuerst war der Mensch Jäger und Sammler. Beides war gefährlich. Modern formuliert: stressig. So mancher Jäger überlebte die Jagd nicht. Auch das Sammeln von Pflanzen war nicht ohne: Irgendjemand musste die gesammelten Pflanzen testen, und so mancher dürfte beim „Erstgenuss“ von Giftpflanzen gestorben sein. Das war Stress.

Heute fühlen wir uns offensichtlich gestresster als früher. Wie kommt das? 

Das ist eine subjektive Wahrnehmung. Tatsache ist: Nie zuvor hatten wir so wenig Stress wie heute – und trotzdem reden wir mehr denn je darüber. Dabei war von der Vor- über die Frühgeschichte bis weit ins 19. Jahrhundert hinein schon das Überleben im Alltag Dauerstress.

Also ist der Stress von heute nur reine Einbildung? 

Jeder wähnt seine Sorgen am schlimmsten – und jeder hält seinen Stress für den schlimmsten. Das ist menschlich, allzu menschlich sogar.

Wie erklären Sie sich die steigenden Krankschreibungen: letztlich wegen zu viel Stress im Job? 

Jedenfalls nicht dadurch, dass die Aufgaben heute viel stressiger wären als früher. Jede Arbeit ist anstrengend. Aber: Arbeit, die seelisch nicht erfüllend ist, frustriert. Wenn Sie nur malochen, ohne Anerkennung und Dank, bekommen Sie Probleme. Aber dieser Stress ist letztlich ein Defizit unserer Arbeitswelt, falsche Organisation, menschliches Versagen.

Also in gewisser Weise „hausgemacht“? 

Ja – aber selbst das ist nicht neu! Früher zum Beispiel erlegte ein Jäger ein Mammut. Und dann hatte er zwei Möglichkeiten: sich zurückzulehnen, weil so ein Mammut erst mal zum Überleben reicht. Oder sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob er vielleicht nicht früher als geplant wieder zur Jagd gehen sollte, denn es könnte ja sein, dass er es sonst vielleicht nicht rechtzeitig schafft, ein neues Mammut zu erlegen.

Die zweite Variante stresst eindeutig mehr ... 

Wobei man sich stets klar machen muss: Stress ist nicht gleich Stress. Einerseits ist Stress kreativ – anderseits zerstörerisch. Wenn kreativ, ist er innovativ und bringt Mensch und Menschheit voran. Zu viel Stress hingegen ist schädlich, bisweilen sogar zerstörerisch, ja tödlich.

Und was folgt daraus?

Stress ist ein Mittel zum Zweck, eine Art Instrument. Er kann helfen, er kann schaden. Nichts anderes gilt für fast alles in der Welt – selbst fürs Messer: In der Küche kann es für Feinkost sorgen, in der Dritten Palästinenser- Intifadah sorgt es für Gewalt und Tod. Ergo ist Stress an sich weder nur gut – noch nur schlecht. Es kommt auf die Steuerung des Menschen, durch den Menschen und für den Menschen an.

Können Sie uns ein Beispiel nennen? 

Ich kann Nachrichten hören. Ich kann Nachrichten sehen. Ich kann Nachrichten hören und sehen. Ich kann Nachrichten hören und sehen und ein Spruchband auf dem unteren Bildrand lesen. Das jeweilige Mehr ist kreativ und hilfreich. Aber: Wo liegt die Grenze? Wer zieht sie? Gilt sie allgemein – oder nur individuell? Wo und wie lange ist Stress kreativ? Ab wann macht er krank? Solche Fragen muss jeder für sich beantworten.

von Barbara Nazarewska

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