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Die Arbeitswelt ist in Bewegung: Immer mehr Menschen sind noch aktiv, wenn andere längst Feierabend haben.

Globalisierung

Überstunden & Co.: Der Kampf um die Arbeitszeit

Der deutsche Arbeitsmarkt verändert sich. Überstunden und ungewöhnliche Arbeitszeiten sind für viele Beschäftigte Alltag. Gewerkschaften und Arbeitgeber drängen aus unterschiedlichen Motiven auf neue Regeln.

Wiesbaden – Die Arbeitswelt in Deutschland ändert sich rasant. 43,5 Millionen Menschen gehen aktuell einer Erwerbstätigkeit nach, so viele wie noch nie zuvor. Globalisierung und Digitalisierung setzen die Firmen unter Druck, ihre Mitarbeiter möglichst flexibel und rund um die Uhr einzusetzen. Auf der anderen Seite formulieren Arbeitnehmer immer selbstbewusster ihre Bedürfnisse nach Planungssicherheit und selbstbestimmter freier Zeit.

„Die Arbeitswelt ist vielfältiger und weiblicher, aber auch instabiler geworden“, formuliert das Bundesarbeitsministerium in seinem „Grünbuch Arbeit 4.0“. Was das heißt, hat das Statistische Bundesamt in seiner Sammlung „Qualität der Arbeit“ zusammengetragen, die am Donnerstag vorgestellt wurde.

Fast jeder dritte Erwerbstätige in Deutschland arbeitet inzwischen in Teilzeit, mit 28 Prozent eine der höchsten Quoten in Europa. Vor allem die ausgeweiteten Ladenöffnungszeiten haben für viele Beschäftigte zu zusätzlicher Abend- und Samstagsarbeit geführt. Im Schnitt 40,5 Stunden arbeiten abhängig beschäftigte Vollzeitkräfte in einer normalen Arbeitswoche – eine halbe Stunde länger als vor 20 Jahren. Das ist deutlich weniger als gesetzlich zulässig (48 Stunden), aber auch viel mehr als laut DGB tariflich vereinbart (37,7). Die Folge sind 764 Millionen bezahlte und 940 Millionen unbezahlte Überstunden im vergangenen Jahr, wie das bundeseigene Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) errechnet hat.

Die IG Metall will den Verfall geleisteter Arbeitszeit nicht länger hinnehmen und macht ihn zum Bestandteil ihrer nächsten großen Kampagne, die in die Tarifrunde Anfang 2018 münden soll. Konkret will die IG Metall Wahlmöglichkeiten durchsetzen, die es ermöglichen, Kinder, Pflege und Weiterbildung besser mit der Arbeit zu vereinbaren. Der Deutsche Gewerkschaftsbund pocht angesichts langer und atypischer Arbeitszeiten auf Reformen für mehr Arbeitszeitsouveränität. Überstunden müssten besser erfasst und komplett vergütet werden, verlangt Bundesvorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Zudem müssten die Beschäftigten deutlich mehr Einfluss auf die Gestaltung ihrer Arbeitszeit erlangen.

Die Arbeitgeber verfolgen hingegen das Ziel, die zulässige Arbeitszeit im Wochenverlauf flexibler aufteilen zu können. An die Stelle des jetzt gesetzlich fixierten Achtstundentags (bei sechs Werktagen) will der BDA die 48-Stunden-Woche setzen, die auch in der EU-Arbeitszeitrichtlinie als Höchstgrenze enthalten ist. Damit würde die tarifvertraglich oder im Arbeitsvertrag vorgesehene Arbeitszeit der Beschäftigten nicht erhöht, erläutert ein Sprecher. Die Arbeitszeit könne aber an den einzelnen Wochentagen individueller aufgeteilt werden. Bei dieser Gelegenheit soll auch die elfstündige Pause zwischen zwei Arbeitseinsätzen fallen. Der IAB-Experte Enzo Weber sieht gute Chancen für eine Neuregelung der Arbeitszeit, weil es von beiden Seiten Bedarf gebe. So müssten die Firmen Antworten auf globalisierte Abläufe finden und die Vorteile digitalisierter Produktionsformen nutzen können. Bei den Arbeitnehmern gebe es hingegen gerade in der Familienphase früher nicht gekannte Bedürfnisse nach flexibleren Arbeitszeiten.

Hier einige ausgewählte Erkenntnisse aus dem „Grünbuch 4.0“:

  • Vor allem junge Leute werden zunächst befristet eingestellt. Knapp jeder fünfte (17,9 Prozent) Arbeitnehmer unter 25 Jahren hat nur einen befristeten Arbeitsvertrag. Bei allen Arbeitnehmern liegt die Quote bei 8,4 Prozent.
  • Arbeitsunfälle werden immer seltener. 2013 verunglückte statistisch gesehen von 100 000 Erwerbstätigen eine Person tödlich. 1995 waren es noch drei Mal so viele.
  • Der Krankenstand ist seit 2008 wieder leicht gestiegen. Im Schnitt fielen Arbeitnehmer im vergangenen Jahr 10,0 Tage (2007: 8,1 Tage/1991: 12,8 Tage) aus.
  • Frauen bilden sich häufiger fort als Männer. In den Befragungen im vergangenen Jahr gaben 5,4 Prozent der Frauen an, im vergangenen Monat an einer Fortbildung teilgenommen zu haben. Bei Männer betrug der Anteil 4,7 Prozent.
  • Jeder zehnte Erwerbstätige hält sich für überqualifiziert für seinen Job. 73 Prozent hingegen sind der Meinung, für die eigene Tätigkeit genau richtig ausgebildet zu sein.
  • Zwei von drei Erwerbstätigen haben gute Freunde bei der Arbeit. Von ihren Kollegen unterstützt fühlen sich 89 Prozent. Von ihren Chefs sagen das hingegen nur 47 Prozent.

Von Christian Ebner

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