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Die Digitalisierung verändert die Finanzwelt. Darauf müssen auch Vermögensverwalter Antworten finden.

Fintechs nicht mehr wegzudenken

Digitalisierung: Vermögensverwalter in der Pflicht

Digitale Entwicklungen sorgen gerade in der Finanzbranche für Wirbel. Damit müssen sich auch Vermögensverwalter und Family Offices auseinandersetzen. Sonst könnten sie den Anschluss verpassen, warnen Experten.

Banken sind schon lange dran, Vermögensverwalter beschäftigen sich ebenfalls immer intensiver damit: Die Finanzbranche erlebt gerade durch die Digitalisierung einen epochalen Umbruch. Family Offices reagieren noch zurückhaltend, doch auch sie müssen sich damit befassen, sagen Lars Sørstrøm und Hans-Jürgen Röwekamp, Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Tyske Bryggen.

Die Spezialisten wissen, wovon sie reden. Tyske Bryggen berät im Finanzdienstleistungsbereich neben Banken, Fintech-Unternehmen und Versicherungen auch Vermögensverwalter und Family Offices. Die Experten kennen sich insbesondere im gerade aufblühenden Markt der Fintechs aus, den jungen Unternehmen, die mit digitalen Dienstleistungen aller Art die Finanzbranche gerade so kräftig aufmischen.

Hans-Jürgen Röwekamp, Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Tyske Bryggen.

Doch es geht nicht nur um Neugründungen. In manchen Vermögensverwaltungen und Family Offices herrscht noch die Ansicht vor, ihre Dienstleistungen seien so komplex und der persönliche Kontakt zu den Mandanten so wichtig, dass Robo-Advisors (computergesteuertes Portfoliomanagement) oder Social Trading Anlagestrategien analog Wikifolio für sie keine Gefahr darstellen. Sie könnten sich gewaltig täuschen, insbesondere wenn sie daran interessiert sind, ihre eigenen Anlagestrategien einem breiteren Publikum oder im B2B-Geschäft zur Verfügung zu stellen. „Die Entwicklung bei den Banken setzt die Vermögensverwalter unter Druck, auf Dauer werden auch die Family Offices davon betroffen sein“, ist Sørstrøm überzeugt.

Erste Häuser reagieren bereits. Im Sommer machte HQ Trust, das Multi Family Office der Familie Quandt, Schlagzeilen mit der Meldung, zusammen mit der Fintech-Firma Liqid Investments GmbH eigens entwickelte Anlageportfolios, die bisher Hochvermögenden vorbehalten waren, auch einem breiteren Publikum anzubieten.

Wenn man sich anschaut, was da eigentlich passiert, welche Folgen – und Chancen – die Digitalisierung der Finanzwelt hat, dürfte die Dramatik der Entwicklung klar werden. Denn sie stelle an die Family Offices ähnliche Anforderungen wie an die Vermögensverwalter, erklärt Röwekamp. Beide betreuen mit hoch komplexen Dienstleistungen sehr vermögende Menschen. Fintechs bieten den Anlageexperten immer ausgefeiltere Systeme zur Bewertung von Anlageobjekten, automatisierte Markt- und Kundenanalysen, Social-Media-Konzepte, individualisierbare Portfolios und Multikanallösungen an.

Lars Sørstrøm, Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Tyske Bryggen.

Das professionalisiere die Arbeit der Anlagespezialisten, „Fintechs tragen damit zur Verbesserung der Qualität des Vermögensmanagements für bestimmte Zielgruppen bei“, betont Röwekamp, und das zu wesentlich geringeren Kosten als bei herkömmlicher Vorgehensweise – ein durchaus wichtiger Faktor im Wettbewerb. Digitale Lösungen helfen auch dabei, Marktturbulenzen abzufedern. Dafür gebe es bereits erprobte Strategien, die Faktoren wie Marktliquidität, Produktkosten, Gegenparteienrisiken und tracking error berücksichtigen, mit Swap-ETFs arbeiten und viele weitere ausgeklügelte Methoden beherrschen, sagt Röwekamp. Für ein professionelles Risikomanagement können die Vermögensspezialisten ebenfalls auf Fintech-Lösungen zurückgreifen, ergänzt Sørstrøm. Umfangreiche Modelle könnten einzelne Verwalter oder Family Offices nicht wie Banken darstellen, von großen Banken können sie keine Lösungen kaufen, daher nehme die Nachfrage nach Angeboten von Dienstleistern zu, beobachtet Sørstrøm. Vor allem brauchen die Anlageexperten Systeme, die in Finanzkrisen sehr schnell Lösungen bringen.

Für die Angebote der jungen Branche sprechen nicht zuletzt die Kunden der Vermögensverwalter und Family Offices. „Ihre Erwartungshaltung ändert sich“, stellt Sørstrøm fest: je jünger, desto online-affiner. Sie wollen eine ständige Verfügbarkeit von Informationen, brauchen aber weniger häufig den persönlichen Kontakt. Sie gleichen Beratungsergebnisse im Internet ab, informieren sich dort, nutzen Musterdepots.

Um solche Kunden zu halten oder über die modernen Kanäle neue Kunden zu gewinnen, müssen sich die Anlageexperten – gleich ob Vermögensverwalter oder Family Offices – mit der Digitalisierung befassen, betonen die Tyske Bryggen-Berater. Vermögensverwalter profitieren davon, wenn sie mit Fintech-Lösungen digitalisierte Anlagestrategien anbieten, die auch für jeden einzelnen Vermögensverwalter individualisiert werden können, hierdurch ihre Kosten senken, zusätzliche Neukundenakquise erzielen und zudem regulatorische Dokumentationspflichten schneller umsetzen können, bilanziert Röwekamp. „Auch kleinere Vermögensverwalter können so ihr Geschäft stabilisieren.“ Und die Experten können ihren Mehrwert weiterhin anbieten: Neben aller Technisierung punkten sie mit der persönlichen Beratung.

Sørstrøm und Röwekamp sehen nun ihre Aufgabe darin, Vermögensverwaltern und Family Offices in diesem quirligen Marktumfeld Orientierung zu bieten. „Wir begleiten unsere Kunden bis hin zur konkreten Umsetzung zum Beispiel von IT-Lösungen“, sagt Sørstrøm. Da die Experten den Fintech-Markt kennen und wissen, welche Unternehmen solide und nachhaltig arbeiten, beraten sie auch bei der Auswahl und Integration solcher Partner. Damit auch Vermögensverwalter weder mit Furcht noch mit Ignoranz die neue digitale Welt betreten können.

Jürgen Grosche

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