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Finanzspezialisten aus Deutschland und Österreich trafen sich auf Einladung der Mediengruppe Münchner Merkur tz zum Finanzforum „Unabhängige Vermögensverwalter“ und diskutierten über aktuelle Anlagethemen.

Digitalisierung

Wenn der Anleger mit dem Roboter flirtet

Ersetzt der Robo-Advisor den Berater? Werden Anleger künftig computergesteuerte Anlagekonzepte der persönlichen Vermögensverwaltung vorziehen? Spannende Fragen, mit denen sich Anlagespezialisten derzeit auseinandersetzen müssen.

Anleger erwarten heute, dass auch Vermögensverwalter moderne Kommunikationsmittel nutzen. Doch wie weit geht die Digitalisierung, wie verändert sie die Finanzbranche strukturell? Darüber tauschten sich die Anlagespezialisten beim Finanzforum „Unabhängige Vermögensverwalter“ von Münchner Merkur tz aus. „Sie wird unser Denken und Handeln nachhaltig verändern“, sagt Prof. Thomas Druyen (Sigmund Freud Privat Universität). „Allerdings sollte man Angst davor durch digitale Kompetenz ersetzen. Die jungen Generationen sind umfassend in vielen Lebensbereichen bereits online, dies gilt sicher auch für Finanzprodukte.“

Sogenannte Fintechs, also Finanzdienstleister, die digitale Anwendungen bis hin zur Gestaltung ganzer Anlage-Portfolios bieten, könnten auch die Vermögensverwalter zunächst als Bereicherung sehen, sagt Uwe Adamla (Dr. Ehrhardt Vermögensverwaltung). „Aber wenn die Modelle nicht funktionieren, müssen die Anleger beraten werden.“ Dr. Wilhelm Berghorn (Mandelbrot) warnt vor einer Unterschätzung: „Die Modelle werden immer besser. Die Fintechs rücken nach. Zwar bieten sie heute erst einfache, meist passive ETF-Lösungen, aber bald werden auch anspruchsvollere Kundeninteraktionen möglich. Banken und Vermögensverwalter müssen sich hier jetzt schon positionieren. Das Ganze ähnelt disruptiven Ansätzen.“

Dazu müssen Fintechs vor allem definieren, wofür sie stehen, fügt Michael Gillessen (Berenberg) hinzu: „Fintech-Angebote können viele Kundenbedürfnisse nicht erfüllen. Hier müssen Vermögensverwalter mit ihren Angeboten ansetzen.“ „Wir dürfen die Entwicklungen der Zukunft nicht unterschätzen“, warnt auch Hans Jürgen Röwekamp (Tyske Bryggen). Robo-Advisors (automatisiertes und digitalisiertes Portfoliomanagement) und Social Trading (automatisierte Handelsstrategien, denen interessierte Nutzer ohne persönlichen Aufwand nachfolgen können) könnten auch das Vertrauen der Anleger gewinnen, denn sie funktionieren entweder nach wissenschaftlich fundierten Konzepten oder sie nutzen gezielt soziale Medien wie beim Social Trading.

„Insbesondere, wenn man sie in Kooperationsmodellen zwischen Banken und Fintechs einsetzt, werden sie den Markt verändern. Damit müssen wir uns auseinandersetzen“, rät Röwekamp. Die digitalen Konzepte wie zum Beispiel Robo-Advisors würden allerdings nicht den Berater ersetzen, „wir können hingegen Entwicklungen der Fintechs in unsere Geschäftsmodelle einbeziehen und sie zur Kostendegression und zur Gewinnung von Neukunden nutzen.“ „Wir können uns die Entwicklungen nutzbar machen. Sie können unser Geschäft bereichern und über Effizienzsteigerungen sogar einen möglichen Preisdruck kompensieren“, meint auch Uwe Günther (BPM – Berlin Portfolio Management). Auch für Anleger sei Rendite nicht alles, merkt Andreas Grünewald (FIVV) an. Anleger suchen Berater als Partner, „das wird uns erhalten bleiben“. Fintechs seien zudem nicht einfach nur mathematische Modelle, sondern soziale Systeme, und hier würden Unabhängige Vermögensverwalter als Navigatoren sogar verstärkt gebraucht.

„Was passiert mit den technischen Systemen, wenn die Märkte abwärts gehen?“, führt Gökhan Kula (Myra Capital) den Faden weiter. Gerade in Krisenzeiten können die Unabhängigen Vermögensverwalter hingegen Orientierung geben. „In schweren Zeiten wie 2008 können wir unseren Mehrwert zeigen“, sagt auch Jochen Knoesel (Knoesel & Ronge). Dann sei Beratung gefragt, und die Profis können vielleicht sogar Rückgänge bremsen. „Wir hatten 2002 große Zuflüsse, als viele Dotcom-Fonds nach unten gingen.“ Auch bei Internet- und IT-orientierten Kunden könnten Unabhängige Vermögensverwalter Vertrauen gewinnen, wenn sie informieren und ihre Leistungen erklären können, ist Rainer Fritzsche (OvidPartner) überzeugt. Das fängt für Finanzprofis bereits mit der Gestaltung der Homepage an, fügt Katja Müller (Universal-Investment) hinzu. Fachbeiträge und für Nutzer hilfreiche Informationen würden auf großes Interesse stoßen. „Vermögensverwalter können zudem darauf hinweisen, dass viele Selbstentscheider eher emotionsgetrieben und daher erfolglos handeln“, ergänzt Gillessen. „Ein professionelles Anlagemanagement basiert auf rationalen Entscheidungen und ist deutlich aussichtsreicher.

Die Schaufenster der Vermögensverwalter

Wie kommen Anleger zu Vermögensverwaltern? Die Anlagespezialisten erklärten beim Finanzforum „Unabhängige Vermögensverwalter“ von Münchner Merkur tz, wie in ihrer Branche Angebot und Nachfrage zusammenfinden.

80 Prozent des Neugeschäfts kommt durch persönliche Empfehlung zustande, erläutert Andreas Grünewald, Vorstandsvorsitzender des Verbandes unabhängige Vermögensverwalter, und verweist auf eine entsprechende Umfrage innerhalb der Branche. „Wir gewinnen Kunden durch Weiterempfehlungen“, bestätigt Matthias Bohn (P & S Vermögensberatung). Der in Bayreuth ansässige Vermögensverwalter geht aber auch selbst auf mögliche Kunden zu: „Mein Ziel ist es, dass mich alle mittelständischen Unternehmer in der Region kennen.“ Auch die Gesellschaft Knoesel & Ronge habe von Empfehlungen profitiert, sagt Jochen Knoesel: „Die ersten zehn Jahre sind wir ausschließlich darüber gewachsen.“ Sehr wichtig sei auch eine langfristige und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit allen Generationen eines Familienvermögens, meint Michael Friebe (Value Asset Management): „Betreut man bereits die Kinder, verbleiben die von den Eltern vererbten Vermögen im Haus und können ausgebaut werden.“ Anbieter sollten auch die verschiedenen digitalen Wege nutzen, die sich heute bieten, rät Uwe Adamla (Dr. Ehrhardt Vermögensverwaltung). Von der Internetseite über Mails bis hin zu Fintechs stehen da viele Wege offen. Eine wichtige Chance, ihr Leistungsvermögen zu zeigen, hätten Unabhängige Vermögensverwalter mit vermögensverwaltenden Fonds, betont Grünewald. „Wenn sie gut laufen, dann kommen die Kunden in der Tat“, fügt Adamla hinzu. Solche Fonds seien ein „Schlüssel zum Erfolg“, meint Andreas Kneidl (Bankhaus Jungholz), ein „transparenter Leistungsnachweis“. „Eigene Fonds der Vermögensverwalter haben zudem den Vorteil, dass sie eine erweiterte Transparenz in Bezug auf die umgesetzte Kapitalmarktstrategie des jeweiligen Vermögensverwalters bieten und dadurch das Vertrauen der Anleger in die Vermögensverwalter weiter verbessern“, sagt Gökhan Kula (Myra Capital).„Eine gute Performance unterstreicht unser Know-how“, sagt auch Peter Schneider (Schneider, Walter & Kollegen). Die Experten nutzen dies im interaktiven Dialog mit Anlegern. Grünewald weist allerdings auf die Gefahr hin, dass die Bundesaufsichtsbehörde Bafin einen Fonds als eigenes Produkt des Vermögensverwalters wertet, das dann nicht mehr als unabhängig gilt. Es komme auf die Ausgestaltung des Fonds an, betont Grünewald. Verwalter müssten oft einen „Spagat zwischen Akquisiteur und Fondsmanager“ bewältigen, sagt Christian Mallek (Sigavest). Sie würden sich gerne auf die Portfolioverwaltung konzentrieren, müssten aber auch ihre Vermarktung im Blick haben. Ein Fonds könne helfen, dies zu lösen, da er beide Anforderungen erfülle. Jochen Knoesel (Knoesel & Ronge) weist auf ein Risiko dabei hin: „Der Fonds muss auch funktionieren, sonst hat der Verwalter ein Problem.“

Jürgen Grosche

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