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Der Großteil der Arbeitszeugnisse fällt gut aus. Mehr als 80 Prozent haben gute bis sehr gute Bewertungen. Doch hinter positiv klingenden Sätzen versteckt sich oft Kritik – die zu entschlüssen ist für ungeschulte Augen nicht leicht.

Arbeitnehmer

Versteckte Noten im Arbeitszeugnis

Der Chef muss Arbeitszeugnisse wohlwollend schreiben – so ein Urteil des Bundesgerichtshofs. Hinter scheinbar positiven Formulierungen verstecken sich deswegen oft vernichtende Urteile. Diese Sprachcodes zu entschlüsseln, ist oft nicht leicht. Wir erklären, worauf man beim Thema Arbeitszeugnis achten muss.

„Er war stets ein geschätzter Gesprächpartner.“ Liest ein Arbeitnehmer diesen wohlklingenden Satz in seinem Arbeitszeugnis, steckt dahinter ein schonungsloses Urteil vom Chef: Der Mitarbeiter war geschwätzig und führte während der Arbeitszeit lange Privatgespräche. Die Zeitschrift „Finanztest“ hat die Floskeln wie diese in Arbeitszeugnissen analysiert und zeigt welche Beurteilungen hinter bestimmten Sätzen stecken und wie Arbeitnehmer doch noch zu einem guten Zeugnis kommen.

Beratung und Hilfe

Die wenigsten Arbeitnehmer wissen: Unzulässige Zeugnisformulierungen können vor Gericht angefochten werden. Doch für diesen juristischen Schritt muss der Empfänger die Sprachcodes erst einmal entschlüsseln. Ohne Hilfe ist das gar nicht so einfach. Im Internet gibt es Beratungsseiten, die bei der Entschlüsselung helfen, unter anderem arbeitnehmerkammer.de (Stichwort Arbeitszeugnis) und arbeitszeugnis.de (Kosten für eine Analyse: ab 19,90 Euro). Hilfe kann man sich auch bei einem Anwalt für Arbeitsrecht holen. Der Betriebsrat ist auch eine geeignete Anlaufstelle bei Unwissenheit. Dieser darf aber nur beraten, ein Mitspracherecht bei der Zeugnisformulierung hat er nicht.

Anspruch

Ein Arbeitszeugnis können Arbeitnehmer, freie Mitarbeiter und Auszubildende verlangen, wenn sie den Betrieb verlassen. In der Regel wird ihnen das Zeugnis am letzten Arbeitstag ausgestellt. Anders ist es bei einer Kündigung: Der Mitarbeiter kann bereits sein Zeugnis verlangen, wenn er gekündigt wird. So kann er sich noch während der Kündigungsfrist auf eine neue Stelle bewerben.

Zwischenzeugnis

Arbeitnehmer sollten regelmäßig ein Zwischenzeugnis verlangen. Das aktuellste kann man während der Kündigungsfrist einer Bewerbung beilegen. Ein Zwischenzeugnis hat einen weiteren Vorteil: Es erleichtert den Nachweis für ein besseres Schlusszeugnis. Der Arbeitgeber ist beim Endzeugnis an die Beurteilung im Zwischenzeugnis gebunden. Nur wenn sich nach dem Zwischenzeugnis die Leistungen und das Verhalten stark verändert haben, darf das Urteil schlechter ausfallen. Fällt das Endzeugnis schlechter aus (und ein Gerichtsprozess brachte keine bessere Bewertung) dann kann der Arbeitnehmer für weitere Bewerbungen das gute Zwischenzeugnis einreichen. Das schlechtere Endzeugnis könne dann unter den Tisch fallen gelassen werden, sagt Alexander Bredereck, Fachanwalt für Arbeitsrecht.

Formalitäten

Das Arbeitszeugnis sollte schriftlich und, falls vorhanden, auf Firmenpapier in einheitlicher Schrift gedruckt werden – ohne Flecken, Eselsohren oder Radierungen. Nicht erlaubt ist, das Arbeitszeugnis seinem ehemaligen Mitarbeiter nur als E-Mail zu schicken. Hält der frühere Chef diese Vorgaben nicht ein, kann der Arbeitnehmer ein neues Zeugnis anfordern. Ist das Zeugnis nicht ordentlich, muss der Chef ein neues ausstellen – das gleiche gilt auch, wenn es Arbeitgeber oder Arbeitnehmer verlieren. Der Anspruch auf ein Zeugnis gilt gesetzlich noch drei Jahre nach Verlassen des Unternehmens. Doch in der Praxis sehen Gerichte einen Zeitraum von vier bis zehn Monaten für ausreichend.

Inhalt

Es gibt zwei Arten von Arbeitszeugnissen: das einfache und das qualifizierte Zeugnis. Bei einem Praktikum oder einer Beschäftigungsdauer von einigen Tagen oder Wochen, stellen Arbeitgeber meist nur ein einfaches Zeugnis aus. In der Regel erhält ein Arbeitnehmer mit längerem Arbeitsverhältnis ein qualifiziertes Arbeitszeugnis, das mindestens eine Seite lang ist, aber nicht länger als zwei Seiten. Das qualifizierte Zeugnis sollte die Personalien, die Beschäftigungsdauer, eine Tätigkeitsbeschreibung, die Beurteilung von Leistung und Verhalten sowie eine Schluss- und Wunschformel enthalten. Im Schlussteil wird auch der Grund genannt, weshalb der Mitarbeiter den Betrieb verlässt. Prinzipiell kann jeder Arbeitnehmer sein Arbeitszeugnis auch selbst schreiben. Doch davon ist abzuraten, denn: Ein Selbstschreiber kennt nur selten die Zeugnissprache und stellt sich möglicherweise nur ein mittelmäßiges Zeugnis aus. Eine bessere Möglichkeit ist, sich mit dem Chef abzusprechen. Dann schreibt der Arbeitnehmer den Teil des Zeugnis über seine Person und seine Tätigkeiten. Der Arbeitgeber übernimmt die Bewertung von Leistung und Verhalten.

Zeugnis einklagen

Hat der Arbeitnehmer um ein Zeugnis gebeten, der Chef stellt aber keines aus, dann kann es beim Arbeitsgericht eingeklagt werden. In dringenden Fällen kann das Zeugnis auch in einem Eilverfahren per einstweiliger Verfügung eingefordert werden. Fällt die Bewertung im Arbeitszeugnis schlecht aus und der Arbeitnehmer will eine Verbesserung, dann sollte er zuerst das Gespräch mit dem ehemaligen Chef suchen. Erst wenn ein Gespräch keine Wirkung hat, sollten juristische Schritte folgen. Eine Korrekturklage ist aber mit vielen Risiken und einem großen Aufwand verbunden. Solange der Rechtsstreit in der ersten Instanz ist, also vor dem Arbeitsgericht stattfindet, trägt jede Partei ihre Anwaltskosten selbst, unabhängig davon wer gewinnt und verliert. Alleine die Kosten für einen Anwalt, der bei einer Klage zu empfehlen ist, können sich auf über 750 Euro belaufen.

fr

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