Altersvorsorge

Wie man 200 Euro am besten anlegt

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Geldanlegen ist schwierig geworden. Für absolute Sicherheit bekommt man heute aufgrund der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank fast keine Zinsen mehr. Dennoch müssen die meisten Arbeitnehmer, die keine großen Erbschaften zu erwarten haben, für ihr Alter vorsorgen.

Denn die gesetzliche Rente allein hinterlässt für die meisten zu große Lücken. Wir sprachen mit der privaten Finanzplanerin Stefanie Kühn aus Grafing bei München darüber, was man mit monatlichen Sparraten von 200 Euro anfangen kann – und was man regeln sollte, bevor man an die Altersvorsorge denkt.

Notfallreserve

Wenn einem am Monatsende 200 Euro übrig bleiben, sollte man die gleich in die Altersvorsorge stecken?

Nein. Bevor man damit anfängt, braucht man erst einmal eine Notfallreserve, an die man jederzeit herankommt. Das sollten drei bis fünf Netto-Monatsgehälter sein. Das ist extrem wichtig, bevor man anfängt darüber nachzudenken, wie man die 200 Euro in die Altersvorsorge steckt. So ein Polster nimmt auch viel Stress und sorgt dafür, dass man nicht so schnell in die Verschuldung gerät.

Und die drei bis fünf Nettogehälter lasse ich auf dem Girokonto?

Nein. Die legt man als Tagesgeld bei einer Direktbank an. Da hat man zumindest den Inflationsausgleich und braucht sich keine Gedanken darüber zu machen, dass das Geld womöglich weniger wert wird.

Was ist im Vorfeld noch wichtig?

Wenn man Wohneigentum hat, sollte man erst einmal schauen, ob man mit seinen Darlehen wirklich alles optimal gelöst hat. Also Sondertilgungen in Erwägung ziehen, vor allem wenn man noch einen älteren Kreditvertrag mit höheren Zinsen zu bezahlen hat. Da geht der Schuldenabbau immer vor. Gerade, wenn jemand sicherheitsorientiert ist.

Aktienfonds

Wenn das alles erledigt ist, was mache ich jetzt mit meinen 200 übrigen Euro, die ich langfristig anlegen will?

Hier ist das wichtige Stichwort „langfristig“. Langfristig kommen immer Aktienfonds ins Spiel, weil man mit denen noch Rendite erzielen kann. Aktien sind Sachwerte in Form von Unternehmensbeteiligungen. Und das ist etwas anderes als Papiergeld.

Was heißt genau langfristig?

Sieben Jahren mindestens. Sonst würde ich nicht zu Aktien raten.

Welche Rendite ist realistisch?

Man kann mit fünf bis sieben Prozent rechnen. Manche sagen auch neun Prozent, doch ich bleibe da eher konservativ. Das Problem bei Aktien ist, man darf sich zwischendurch nicht verrückt machen lassen, wenn die Kurse auch mal nach unten gehen. Das muss man erst einmal lernen.

Welche Aktien soll ich für 200 Euro kaufen?

Keine Einzelaktien, sondern Fondsanteile. In einem Fonds befinden sich Aktien vieler Unternehmen, so dass das Risiko breiter gestreut wird.

Was kostet der Kauf eines Aktienfonds?

Normalerweise kostet der Ausgabeaufschlag fünf Prozent auf den Kaufpreis. Der lässt sich zum Beispiel durch den Kauf bei Direktbanken senken. Dort liegt der Aufschlag oft nur bei der Hälfte. Es gibt auch Anbieterplattformen, wo man Fonds ohne Ausgabeaufschlag findet. Dieser Aufschlag ist die eine Kostenseite. Die laufende Gebühr für einen gemanagten Fonds ist die andere. Sie liegt zwischen 1,5 und zwei Prozent.

Indexfonds

Geht es auch günstiger?

Es geht günstiger mit Indexfonds (ETFs). Deshalb würde ich auch ETFs empfehlen.

Was ist ein ETF?

ETF steht für Exchange Traded Fonds. Das sind Fonds, die genau die Zusammensetzung eines Indexes widerspiegelt. Es gibt zum Beispiel Indexfonds auf den Dax, darin sind dann alle im Dax notierten Unternehmen automatisch vertreten, ohne dass ein Fondsmanager eine Auswahl treffen würde.

Was kostet mich das?

Beim Ausgabeaufschlag oder der Kaufgebühr steht bei ETFs, wenn man sie bei Direktbanken kauft, oft eine Null. Die laufende Gebühr liegt zwischen 0,2 und 0,5 Prozent. Das zeigt schon, was da an Einsparpotenzial drin ist.

Die Gebühren muss der Fonds schließlich erst mal verdienen.

Genau. Außerdem weiß man, dass die gemanagten Fonds selten besser abschneiden als Indexfonds.

Gibt es auch Nachteile von ETFs gegenüber Aktienfonds?

Nein. Rechtlich ist beides das Gleiche, beides ist Sondervermögen, das im Fall der Pleite eines Fondsanbieters nicht in die Insolvenzmasse fällt, sondern Eigentum des Anlegers bleibt. Die Kosten sind niedriger, man geht kein höheres Risiko ein. Es spricht nichts gegen einen Indexfonds. Man könnte als Nachteil höchstens nennen, dass ein Indexfonds immer voll investiert ist, während ein Fondsmanager auch mal Geld flüssig halten kann. Aber wenn man sich die Praxis anschaut, gelingt es zwar dem einen oder anderen Fondsmanager schon mal, den Index zu schlagen. Aber die Regel ist das nicht. Vor allem im langfristigen Vergleich sehen die Indexfonds da sehr gut aus.

Welchen Aktienfonds oder welches ETF soll man denn kaufen?

Man sollte sich breit aufstellen und am besten einen weltweit anlegenden Fonds nehmen. Bei 200 Euro kann man auch zwei oder drei ETF-Fonds besparen und versuchen, selbst ein bestimmtes Spektrum abzudecken. Das hängt natürlich davon ab, wie viel Lust man hat, sich mit der Geldanlage zu beschäftigen.

Und wenn man dazu keine Lust hat?

Dann nimmt man einen Indexfonds, der den MSCI Welt abbildet und einen ETF-Fonds für Schwellenländer dazu. Denn Schwellenländer sind im MSCI World Index nicht dabei. Da sind nur große und mittlere Unternehmen aus Industrieländern enthalten. China oder Brasilien fehlen zum Beispiel.

Festgeld/Tagesgeld

Was ist mit Festgeld oder Tagesgeld? Das ist doch viel sicherer?

Beides hat seine Berechtigung, auch wenn man sich bald wohl selbst bei Direktbanken schwer tut, Zinsen zu bekommen, mit denen man die Inflation schlagen kann. Das geht noch, wenn man sich genau umschaut und auch bereit ist, immer wieder mal ein neues Konto zu eröffnen – weil viele Angebote nur für Neukunden sind. Aber es wird schwieriger. Ein Tagesgeldkonto ist aber immer noch gut für die vorher erwähnte Notfallreserve. Festgeld ist gedacht für den mittelfristigen Bereich und natürlich auch als Altersvorsorge. Langfristig sollte man aber auf Aktien nicht verzichten. Wenn jemand nicht seine Altersvorsorge allein auf Aktien aufbauen will, was ratsam ist, kann er zum Beispiel 100 Euro in den Aktienfonds/ETF investieren und 100 Euro in Festgeld.

Man kann aber doch nicht 100 Euro als Festgeld anlegen?

Das stimmt, man muss ein bisschen sparen. Ab 1000 Euro nehmen etliche Banken Festgeld-Anlagen an.

Welche Rendite ist bei Festgeld möglich?

Für fünf Jahre bekommt man ungefähr noch 1,6 Prozent. Da muss man aber schon suchen.

Anleihen

Man könnte auch überlegen, in Anleihen zu investieren, zum Beispiel Unternehmensanleihen, oder?

Da haben Sie grundsätzlich das gleiche Problem. Die Renditen sind unheimlich stark gefallen. Gerade die guten Bonitäten, also große Unternehmen, zahlen nur noch magere Zinsen. Da bekommt man oft beim einlagengesicherten Festgeld mehr – und hat ein geringeres Risiko. Dazu kommt, Unternehmensanleihen lohnen sich erst ab höheren Summen, weil Kaufkosten anfallen. Unter 2500 Euro kommt das nicht in Frage.

Also keine Anleihen?

Wenn man das unbedingt will, würde ich eher zu einem Renten-ETF raten. Es gibt Euro-Staatsanleihen-ETFs oder Unternehmensanleihen-ETFs. Das ist besser, als bei relativ kleinen Summen mit einzelnen Anleihen anzufangen.

Immobilienfonds

Wenn man partout nicht an den Aktienmarkt will – was ist denn mit Immobilien? Da kann man doch auch über Fonds einsteigen.

Man muss unterscheiden zwischen offenen und geschlossenen Immobilienfonds. Von geschlossenen rate ich dem Kleinanleger grundsätzlich ab. Offene Immobilienfonds sind zwar sehr beliebt, aber ich bin kein Fan davon. Ich stehe ihnen skeptisch gegenüber, weil ich glaube, die Bewertungen der Immobilien haben einen sehr großen Spielraum. Und danach bemisst sich ja letztlich der Preis. Eine Immobilie ist einfach immobil. Durch die jüngste Gesetzesänderung können die Fondsanteile zwar nicht mehr täglich an die Fondsgesellschaft zurückgegeben werden, sondern müssen mindestens 24 Monate gehalten werden (Kündigungsfrist 12 Monate). Ich halte die Renditen in Relation zum Risiko aber immer noch für zu mau.

Wie sieht es bei Immobilienfonds mit den Kosten aus?

Wie bei Aktienfonds. Ausgabeaufschlag drei bis sechs Prozent und laufende Gebühren bis etwa 1,2 Prozent. Die Renditen liegen etwa bei zwei, drei oder manchmal auch knapp vier Prozent. Aber: Darauf gibt es natürlich keine Garantie. Das muss einem klar sein. Es kann auch hier zu Kursverlusten kommen.

Gold

Was halten Sie von Gold?

Ich finde Gold als Krisenwährung gut und rate dazu auch als Beimischung zum Gesamtvermögen. Auch der Sparer mit seinen 200 Euro braucht auf Gold nicht zu verzichten. Das geht zwar nicht so gut als Sparplan, aber man könnte ja überlegen, sich einmal im Jahr eine Viertelunze zu kaufen, das wären so 250 bis 300 Euro. Das kann man einige Jahre lang machen, um einen kleinen Bestand aufzubauen. Ich würde das aber niemals unter Renditegesichtspunkten betrachten, sondern nur als Absicherung.

Riester

Was halten Sie von Riester-Verträgen?

Es gibt Menschen, für die sich Riester lohnt. Zum Beispiel eine Mutter mit drei Kindern, die nicht erwerbstätig ist oder nur einen 450-Euro-Job hat. Da ist Riestern natürlich super. Diese Mutter bekommt alle Zulagen für die Kinder und bezahlt selbst nur 60 Euro. Es wäre schön blöd, das in diesem Fall nicht zu machen. Für alle anderen, ist Riestern eine Wette auf ein langes Leben. Man kann zu Rentenbeginn nur 30 Prozent als Einmalzahlung entnehmen. Der Rest wird verrentet, egal ob man gesund oder krank ist. Außerdem wird das Geld später voll versteuert, das frisst den Steuervorteil dann fast wieder auf. Die Rendite ist mittelmäßig. Also, ein Berufanfänger muss nicht unbedingt als erstes mit einem Riestervertrag anfangen.

Lebensversicherung

Was ist denn von klassischen Lebensversicherungen zu halten?

Die haben alle das gleiche Problem wie private Anleger. In der Niedrigzinszeit ist man in der Klemme, wenn man Sicherheit anbietet. Bei Lebensversicherungen ist ja auch nicht nur der Garantiezins, sondern auch das steuerliche Bonbon stark geschmolzen. Ich würde diesen Bereich meiden.

Interview: Corinna Maier

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