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Susanne Bogdahn ist Hausmutter im Caritas Kinderdorf Irschenberg.

Kinderdorf-Mama, Debüt-Mama, Adoptiv-Mama

Besondere Mütter erzählen aus ihrem Leben

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München - Jede Mutter muss ihre eigene Rolle finden: zwischen Mann, Kind und Job. Wir lassen hier einige besondere Mütter aus ihrem Leben erzählen. Und geben ein Denkanstöße zum Muttertag am Sonntag.

Eine gute Mutter? „Muss und darf nicht perfekt sein“, sagt Ildikó von Kürthy, 46, Bestseller-Autorin und selbst Mama von zwei Buben, 7 und 4 Jahre alt. „Kinder brauchen Eltern, keine Spitzenpädagogen“, erklärte sie jüngst in einem Interview. Und gestand: „Ich bin selbst viel zu unsicher.“

Von Kürthy dürfte vielen Müttern aus der Seele sprechen, ist doch die Mutter-Rolle eine der schwierigsten überhaupt – der verantwortungsvollste Job, einer, bei dem einiges unwiederbringlich schiefgehen kann. „Die Mutter ist die erste und wichtigste Bezugsperson für jeden von uns“, erklärt Psychologin Felicitas Heyne. „Und damit extrem prägend für unser komplettes weiteres Beziehungsverhalten.“

Vor allem die ersten drei Lebensjahre beeinflussen unser späteres Leben wie eine Art Blaupause: Reagiert die Mutter feinfühlig und zuverlässig, entwickeln wir einen sicheren Bindungsstil. Ist sie abweisend oder unberechenbar, geschieht das Gegenteil. Die US-Kommunikationsforscherin Deborah Tannen nennt die Mutter-Kind-Beziehung sogar die „Mutter aller Beziehungen“. Das kann auch eine Hypothek sein.

Trotzdem: Ein Patentrezept für gutes Muttersein gibt es nicht – dafür unzählige Ratgeber, die angeblich dabei helfen, die ideale Balance zwischen Kind, Mann und Job zu finden. Mütter von heute stehen viel mehr unter Druck als früher. „In den 1950er-Jahren war klar, dass Mama daheim bleibt. Dann kam aber die Emanzipation, Mama fing mit der Arbeit an – aber irgendwie hat’s mit der Rollenumverteilung nicht so hingehauen, weil Papa doch nicht so begeistert von der Idee mit den 50 Prozent ist“, erklärt Psychologin Heyne. Die Folge: ein Dauerkonflikt in Mutters Seele – entweder sie bleibt mit schlechtem Gewissen daheim oder sie geht mit schlechtem Gewissen arbeiten. „Und egal, was Mami macht – sie wird dafür kritisiert.“

Dieses Thema ist freilich nicht ganz neu, aber es sorgt nach wie vor für mächtig Zündstoff: in der Politik, weil sich – trotz Milliarden-Investitionen – immer weniger Frauen dafür entscheiden, Kinder zu bekommen. In der Gesellschaft, weil „Heimchen am Herd“ gegen „Rabenmütter“ ätzen. Und in den Familien selbst, weil die Sehnsucht nach dem perfekten Leben wächst. „Kinder sind heute zum Luxusartikel geworden“, sagt Expertin Heyne. „Sie sind so eine Art Krönung der Zweier-Beziehung.“ Ergo: Auf sie konzentriere sich alles. Wirklich a-l-l-e-s.

Während noch vor einigen Jahrzehnten die Kinder im Alltag einfach mitgelaufen seien und als Altersvorsorge für die Eltern gegolten hätten, werde inzwischen ein regelrechter Kult um sie betrieben: „Wer als Mutter nicht im Babyschwimmen und am besten noch in der frühkindlichen Chinesischstunde ist mit den Kleinen, der wird gern schief angeschaut“, erzählt Psychologin Heyne.

Sie hört das immer wieder von Müttern – und sie weiß auch: „Man muss der Versuchung widerstehen, Kinder als ,Verlängerung’ seines eigenen Lebens zu begreifen.“ So nach dem Motto: Was ich nicht erreicht habe, erreicht mein Kind stellvertretend für mich, erst dann kann ich stolz sein. „Ich glaube, diese Versuchung ist heute größer als früher – aufgrund des heftigen Wettbewerbs um die Krone der besten Mutter von allen“, sagt Heyne.

Doch nicht nur dieser Wettbewerb bringt so manche Mutter an den Rand ihrer Kräfte, es ist zugleich der schwierige Spagat, den vor allem frischgebackene Mütter machen müssen. Muttersein, erklärt Psychologin Heyne, sei „in erster Linie eine Frage der Verantwortung: Man ist plötzlich zu 100 Prozent für jemand anderen da – von einem Tag auf den anderen wird man fremdbestimmt“. Das Thema Selbstfürsorge sei daher bald ein riesengroßes. „Das müssen Mütter Schritt für Schritt langsam und mühsam wieder lernen.“

Manchen jedoch fehlt dafür die Zeit, die Kraft, die Unterstützung des Partners. Irgendwann sprengt der Druck die Familie. Es entstehen neue Formen des Zusammenlebens, die Patchwork heißen, und die neue Herausforderungen mit sich bringen – für die Mütter und für die Stiefmütter.

„Jeder dritte Mensch macht im Lauf seines Lebens irgendwelche Stief-Erfahrungen“, schreibt etwa Felicitas von Lovenberg in ihrem soeben erschienenen Buch „Und plötzlich war ich zu sechst – Aus dem Leben einer ganz normalen Patchwork-Familie“ (S. Fischer-Verlag, 256 Seiten; 19,99 Euro). Das sei nunmal „das Schicksal von Kindern, Müttern und Vätern im Zeitalter der multiplen seriellen Monogamie“.

Von Lovenberg ist mit einem Mann zusammen, der vor der gemeinsamen Beziehung schon zwei Kinder hatte, dann bekamen die beiden zusammen nochmal zwei. Sie sagt, Patchwork sei Arbeit – deswegen stecke ja auch das Wörtchen „work“ drin. Sie selbst arbeitete 80 Wochenenden daran, erst dann fühlte sie sich als Stiefmama mit den Kindern verwachsen: „In dem Maße, wie die Kinder mich ins Herz schlossen und das auch zeigten, wurde ich in meiner Fürsorge bestärkt“, erzählt sie. Und: Sie wolle den Kindern „wenigstens im zweiten Anlauf vermitteln, dass eine stabile und glückliche Familie auf Dauer möglich ist“.

Psychologin Heyne sagt dazu etwas sehr Ähnliches: „Im Idealfall gibt es eine wichtige Bezugsperson gratis dazu fürs Kind – oder umgekehrt eine schöne Beziehung zu einem Kind, das nicht das eigene ist. Das kann für beide Seiten sehr bereichernd sein.“ Denn jetzt mal ganz grundsätzlich betrachtet, so Heyne: „Es gibt doch keine schönere und unbedingtere Liebe als die, die in der Mutter-Kind-Beziehung zu finden ist."

Die Kinderdorf-Mama

Susanne Bogdahn, 44, aus Irschenberg (Kreis Miesbach): „Ich bin seit sechs Jahren Hausmama im Caritas Kinderdorf Irschenberg, wo derzeit rund 115 Kinder und Jugendliche wohnen. Ich kümmere mich um sechs Kinder zwischen 3 und 16 Jahren. Offiziell habe ich eine 5-Tage-Woche, aber ich zähle nicht die Stunden. Ich bin auch am Wochenende da – ich verbringe die meiste Freizeit auf dem Kinderdorf-Gelände und wohne dort sogar; ich habe eine kleine Wohnung mit Durchgang zum Kinder-Haus. Für die Kinder bin ich eine feste Bezugsperson: Ich wecke sie jeden Morgen, mache ihnen Frühstück, zwischendurch bin ich immer greifbar. Die Kinder können jederzeit mit mir sprechen, wir können einen Tee zusammen trinken, auch mal fernschauen. Abends bringe ich sie dann ins Bett. Ich versuche mit den Kindern Familie zu leben – soweit das in einer professionellen pädagogischen Einrichtung geht. Wir sind eine Gemeinschaft. Manche von ihnen sagen, sie hätten zwei Mütter: Ihre richtige Mama – und mich. Das fühlt sich gut an. Zum Muttertag haben sie etwas vorbereitet. Eine Überraschung – ich darf nicht aufstehen, bevor eines der Kinder mich holt. Wir haben eine enge Beziehung. Ich will, dass sie spüren: Das hier ist ein Zuhause."

Die Adoptiv-Mama

Antonia Nitsch adoptierte ein Kind.

Antonia Nitsch, 67, aus Fürstenfeldbruck: „Ich habe zwei erwachsene Töchter, Cordula, 37, und Verena, 33. Cordula ist unser leibliches Kind, ihre jüngere Schwester Verena haben wir adoptiert – aus Indien. Mein Mann und ich wollten schon immer ein Kind adoptieren. Es gibt doch so viele Kinder, die kein richtiges Zuhause haben, keine Eltern, die sich um sie kümmern. Wir dachten damals, nach Cordulas Geburt: Wir wollen und können so einem Kind ein schönes Leben bieten. Einer meiner Schwager ist Inder, seine Nichte arbeitete zu dieser Zeit in Neu-Delhi – deshalb entschieden wir uns für Indien. Verena war ein halbes Jahr alt, als sie zu uns kam. Cordula hat sich wahnsinnig gefreut. Sie ist überall in der Nachbarschaft herumgelaufen und hat stolz erzählt, sie habe eine Schwester bekommen. Die beiden waren und sind grundverschieden, nicht nur optisch. Aber sie verstehen sich super. Und ich liebe beide Mädchen aus vollem Herzen – genau so, wie sie sind. Ich hatte nie ein Lieblingskind. Nie! Als Mutter will ich meinen Töchtern bis heute das Gefühl geben, dass sie mit ihren Sorgen und Problemen zu mir kommen können. Die Adoption hat unsere ganze Familie bereichert. Es war mir wichtig, den Kindern zu vermitteln, dass es weltweit viele andere Probleme gibt, vor denen wir die Augen nicht einfach verschließen dürfen.“

Die Intensiv-Mama

Pia Turbanisch, 35, aus München: „Ich bin Kinderkrankenschwester, Sozialpädagogin und Mama. Ich kümmere mich um Kinder, die daheim intensiv betreut werden müssen. Es sind kranke Kinder, die meisten von ihnen werden beatmet, haben eine Kanüle im Hals. Sie benötigen eine besondere Pflege. Ich habe ein enges Verhältnis zu ihnen – und sie zeigen mir, dass sie sich freuen, wenn ich komme. Sie schauen mich an, drücken mir die Hand. Ich gehe also nicht nur zum Dienst, sondern zu F. oder zu M. Das macht es sehr persönlich und familiär.“

Die Debüt-Mama

Meike Polanetzki, 32, aus München: „Ich bin im Februar zum ersten Mal Mama geworden, Emilia ist fast drei Monate alt. Ich hätte nicht gedacht, dass man von Anfang an dieses Mutter-Gefühl spürt, diese besondere Verbindung zwischen sich und dem Kind. Da ist plötzlich ein kleiner Mensch, der einen braucht – rund um die Uhr. Und egal, ob Emilia mal schreit oder nicht einschlafen will, sobald sie mich wieder anlächelt, ist alles vergessen. Als Mutter will ich sie unterstützen, dass sie ein ehrlicher, aufrichtiger Mensch wird, der seinen Weg geht.“

Die siebenfache Mama

Alinde Rothenfußer hat sieben Kinder

Alinde Rothenfußer, 73, aus Icking (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen): „Ich habe sieben Kinder – und ich war über jedes unheimlich glücklich. Das Älteste ist Jahrgang 1960, die beiden Jüngsten – es sind Zwillinge – Jahrgang 1981. Und wenn ich bei der Geburt von Antonia und Johannes nicht schon 41 Jahre alt gewesen wäre, ich hätte noch mehr Kinder bekommen. Es gibt nichts Schöneres auf der Welt. Wenn man Mutter wird, bleibt man das ja für immer. Ich versuche bis heute meinen Kindern das Gefühl zu geben: ,Egal, was ist, ihr könnt zu mir kommen, jederzeit – ich bin für euch da.’ Wir sind keine materialistische Familie, für uns zählt der Zusammenhalt. Mir war es vor allem wichtig, dass die Kinder später mal sagen: ,Bei uns war es schön.’ Zusammen mit meinem zweiten Mann Walter – wir haben fünf gemeinsame Kinder, die ersten beiden stammen aus einer früheren Ehe – habe ich mir viel Zeit genommen für die Familie. Ich wollte allen Kindern die wichtigsten Dinge fürs Leben vermitteln, Werte, die von einer Generation zur nächsten überdauern. Ich finde, es hat sich gelohnt: Meine Kinder haben ein gutes Herz – und sie wissen, wie man Ethik schreibt. Das ist wichtig.“

Von Barbara Nazarewska

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