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Für mehr Harmonie beim Essen: Eltern sollten keine Unruhe mit an den Tisch bringen. Foto: Westend61/ Rainer Berg

Ohne Mäkeln und Machtkämpfe: Rezepte gegen Familienstreit

Das Essen steht bereit, die ganze Familie sitzt um den Tisch - das klingt nach besten Voraussetzungen für eine angenehme gemeinsame Zeit. Aber ausgerechnet zu Tisch geht es in vielen Familien ganz und gar nicht gemütlich zu.

München (dpa/tmn) - Das Kleinkind schmiert die zermatschten Kartoffeln neben den Teller, die Grundschülerin mäkelt am Essen herum, der Teenager checkt unterm Tisch seine Smartphone-News. Und die Eltern sind müde und genervt. Warum klappt es nicht mit der gemütlichen Familienrunde?

"Wir Erwachsenen bringen viel Unruhe mit an den Tisch, und das überträgt sich auf die Kinder", sagt Mathias Voelchert, Leiter von Familylab, einem Beratungszentrum für Familien in München. Der Kopf ist noch in der Arbeit, es müssen schnell ein paar Mails gelesen werden, in Gedanken wird schon mal die Einkaufsliste für den nächsten Tag aufgestellt.

"Wir haben gelernt, uns trotz unserer Unruhe zu bändigen. Doch Kinder können das nicht und zeigen unser Stresslevel an", sagt Voelchert. Die Kinder nun zu maßregeln, sei kontraproduktiv. Sein Rat: Den Alltagsstress nicht mit an den Tisch nehmen, das Smartphone weglegen und ganz bewusst einen Gang zurückschalten. Dann seien automatisch auch die Kinder ruhiger.

Das entspannte Tischgespräch mag oft trotzdem nicht so recht in Gang kommen. Je intensiver die Fragen der Eltern, umso einsilbiger werden die Antworten. "Gibt's etwas Neues?" "Nö." - "Wie war's in der Schule?" "Schön." Da wäre die Gelegenheit, in Ruhe über alles zu sprechen - und stattdessen begleitet nur genervtes Schweigen die Mahlzeit.

"Die Kinder haben in der Kita oder in der Schule so viel Input bekommen, dass sie erst einmal eine Pause brauchen", sagt Familiencoach Voelchert. Die Fragen der Eltern - die ja eigentlich nur am Alltag ihrer Kinder teilhaben wollen - blocken sie deshalb ab. "Stattdessen sollten die Eltern 'über Bande spielen' und erst einmal von ihrem eigenen Tag berichten", sagt Mathias Voelchert. Das bringt das Gespräch in Gang und nimmt der Situation den Charakter eines Verhörs.

"Kämpfe am Tisch gibt es auch, wenn Eltern zu starre Regeln bei den Mahlzeiten durchsetzen wollen, wenn sie ständig korrigieren, ermahnen und belehren", ist die Erfahrung von Rainer Hilbert vom Familienberatungszentrum in Kassel. Kleine Kinder wollten in der Regel, nachdem sie satt sind, aufstehen und weiterspielen: "Da ist es wichtig, eine Lösung zu finden, die allen gerecht wird."

Auch die Jüngsten könnten schon lernen, gewisse Regeln am Tisch einzuhalten. Im Gegenzug sollten sich auch die Eltern Tischregeln verordnen, sagt Hilbert. Dazu gehöre beispielsweise der Grundsatz: "Beim Essen werden keine Konfliktgespräche geführt." Nicht immer lassen sich die guten Vorsätze im manchmal turbulenten Familienalltag auch umsetzen. "Oft hängt die Messlatte zu hoch", sagt Mathilde Kersting vom Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund.

In einer Familie von Morgenmuffeln wird es an Werktagen, an denen es ohnehin alle eilig haben, kaum gelingen, ein gemütliches Familienfrühstück zu etablieren. "Und dann muss man es auch nicht erzwingen", sagt Kersting. Die Abendmahlzeit eigne sich dagegen in den meisten Familien gut, um in Ruhe gemeinsam zu essen. Denn das Mittagessen bekommen viele Kinder in Kita und Schule, die Eltern nutzen die Kantine.

Abends dagegen stehen die Chancen gut, dass alle zu Hause sind. Was dann auf den Tisch kommt, prägt Ernährungsgewohnheiten. "Kinder lernen Ernährung durch Vorbilder", betont die Wissenschaftlerin. Wenn die Eltern Fast Food lieben, werden die Kinder sich kaum für Rohkost begeistern. Aber eine vernünftige Mischkost sei gar nicht so aufwendig: "Das kann auch ein kaltes Abendessen mit Brot, Milch, Wurst und Käse, einem Salat und etwas Obst sein", sagt Kersting.

Aber wenn alles liebevoll zubereitet auf dem Tisch steht, geht oft die Mäkelei los: Das Gemüse wird verschmäht, die Rinde vom Brot ist viel zu hart, und die Nachbarskinder dürfen statt Wasser immer Limo trinken. Auch Streit um die Frage, was gegessen oder zumindest probiert werden muss, belastet die Atmosphäre bei Tisch. "Kinder müssen nicht alles mögen", sagt Mathilde Kersting. "Aber sie sollten lernen zu probieren."

Der Streit ums Essen sei in Wahrheit oft ein Machtkampf, sagt Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut Rainer Hilbert: "Kinder merken schon früh, wenn dem Essen - egal aus welchem Grund - eine besondere Bedeutung beigemessen wird." Wird es verschmäht, empfänden Eltern das als Kränkung - und die Stimmung am Tisch rutscht in den Keller.

"Wenn die Kinder das Essen nicht mögen, dürfen die Eltern das nicht persönlich nehmen", betont auch Familiencoach Voelchert. Ebenso wenig sollte jeden Tag das Lieblingsessen der Kinder auf dem Tisch stehen - in der Hoffnung, dass die Kleinen dann lieb und freundlich sind. "Kinder durchschauen solche Manipulationen."

Erfolgversprechender für gute Laune am Familientisch sei ein anderer Weg, sagt Voelchert. Wenn es den Eltern schmeckt, wenn sie sich wohlfühlen und das auch zeigen, dann steckt das die Kinder an.

Literatur:

Andrea Kästle, Mathias Voelchert: "Ich geh aber nicht mit zum Wandern! Die 50 häufigsten Familienkonflikte und wie Sie da gut wieder rauskommen", Kösel Verlag, 15,99 Euro, ISBN-13: 9783466310333

Forschungsinstitut für Kinderernährung

Familylab

Familienberatungszentrum Kassel

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