+
Viele Angehörige haben kaum Zeit für ihr Privatleben. Immer wieder liegt es auch daran, dass sie Ersatzangebote nicht wahrnehmen. Foto: Patrick Pleul

Pflegende nehmen Zusatzleistungen zu wenig in Anspruch

Kein Urlaub, kein Kinobesuch, kein Wochenende. Viele Pflegende trauen sich nicht, ihre Angehörigen für ein paar Tage oder Wochen in fremde Hände zu geben - obwohl die gesetzliche Pflegeversicherung Ersatz bieten würde.

Berlin (dpa) - Pflegende Angehörige erbringen für das deutsche Gesundheitssystem eine immense Arbeitsleistung, nutzen aber kaum Unterstützungsangebote der Pflegeversicherung. Wenn man deren Stundenzahl mit dem Mindestlohn von 8,50 Euro multipliziere, liege die Wertschöpfung bei rund 37 Milliarden Euro pro Jahr, sagte der Vorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch.

Das sei vergleichbar mit den Aufwendungen der ärztlichen Versorgung und den Ausgaben für Arzneimittel. Nach dem AOK-Pflegereport 2016 kennen zwar die meisten pflegenden Angehörigen die zusätzlichen Leistungsangebote der Pflegeversicherung wie Tagespflege oder Kurz- und Verhinderungspflege während der Abwesenheit der pflegenden Person. Doch sie nutzen sie nur in geringem Maß. Ein Grund sei, dass sich Pflegebedürftige ungern von Fremden betreuen ließen. Jedenfalls sei dringend mehr Beratung nötig, um die Akzeptanz der Angebote zu steigern, so der Report. Dazu müsse man auch rechtzeitig auf Patienten zugehen, um etwa die Pflege nach einem Herzinfarkt oder einem Oberschenkelhalsbruch früh planen zu können.

Nach den Worten der Mitherausgeberin des Reports, Adelheid Kuhlmey, ist die Zunahme von Pflegebedürftigkeit in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren günstiger verlaufen als vorhergesagt. Das hänge unter anderem damit zusammen, dass die Bevölkerung zwar älter werde, aber länger gesund bleibe. Zugleich könnte die Pflegebereitschaft in der Gesellschaft sinken, weil mit rückläufiger Geburtenzahl das Potenzial für Pflegekräfte ab- und die Zahl von Einfamilienhaushalten zunehme. Kuhlmey plädierte dafür, dass sich mehr Männer in der Pflege engagierten. 73 Prozent der Privatpflegenden seien Frauen.

Litsch begrüßte grundsätzlich die Zusammenlegung der Ausbildung von Kranken- und Altenpflege, wie sie das Pflegeberufsgesetz der Bundesregierung vorsieht. Dies bringe eine höhere Durchlässigkeit in den Pflegeberufen mit sich. Zudem brauche man angesichts der mehrfacherkrankten älteren Menschen etwa in Pflegeheimen Fachkräfte, die nicht nur Alten-, sondern auch Krankenpflege beherrschten. Der Gesetzentwurf habe richtige Ziele, werde aber falsch umgesetzt, sagte Litsch.

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte der dpa: "1,8 Millionen pflegebedürftige Menschen werden zu Hause betreut. Davon nutzen nur 67 000 Leistungen der Tages- und Nachtpflege. Das sind gerade einmal 3,7 Prozent." Auch das Pflege-Darlehen nehme nur ein Bruchteil in Anspruch: Von 375 000 Berechtigen haben 242 ein Darlehen beantragt.

Brysch warf der Bundesregierung vor, die gesetzlichen Leistungen so konzipiert zu haben, "dass die überwältigende Mehrheit sie gar nicht in Anspruch nehmen kann oder will". Er unterstrich, die Bundesregierung müsse einen Entwicklungsplan "Pflege 2025" vorlegen mit dem Ziel, dass 25 Prozent der Betroffenen die gesetzlichen Hilfestellungen in Anspruch nehmen können.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Selfmade-Millionär packt aus: So werden Sie reich – in nur zehn Minuten
Sparen – das ist das Credo vieler Deutscher, wenn Sie danach gefragt werden, wie man Vermögen anhäuft. Doch dieser Finanzexperte setzt auf eine andere Tugend.
Selfmade-Millionär packt aus: So werden Sie reich – in nur zehn Minuten
Dieses simple Hausmittel reinigt jede Toilette lupenrein
Sie benutzen für die Reinigung Ihrer Toilette teure, chemische Putzmittel? Das können Sie ab sofort lassen - denn es gibt ein Hausmittel, das genauso gut wirkt.
Dieses simple Hausmittel reinigt jede Toilette lupenrein
Mann renoviert Keller seines verstorbenen Opas - und entdeckt Nachricht
Ein Mann wollte den Keller seines verstorbenes Großvaters umgestalten. Doch dort machte er eine erstaunliche Entdeckung - sein Opa hatte eine Nachricht hinterlassen.
Mann renoviert Keller seines verstorbenen Opas - und entdeckt Nachricht
Salmonellenwarnung für Bio-Eier
Salmonellen können bei Menschen und Tieren Krankheiten hervorrufen. Nun wurden sie bei einer Charge von Bio-Eiern entdeckt, die bundesweit im Handel waren. Vor dem …
Salmonellenwarnung für Bio-Eier

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.