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Mit dem Unfallpräventionsprogramm "P.A.R.T.Y" sollen Jugendliche von einem fahrlässigen Verhalten im Straßenverkehr abgehalten werden. Foto: Michael Latz

Schocktherapie soll Schüler vor Verkehrsunfällen schützen

Eine einzige Unachtsamkeit am Steuer kann das eigene Leben und das anderer ruinieren. Das gilt besonders für junge, unerfahrene Verkehrsteilnehmer. Unfallchirurgen wollen sie durch ein anschauliches Präventionsprogramm für die Gefahren sensibilisieren.

Stuttgart (dpa) - Wie fühlt es sich an, wenn man schwer verletzt im Schockraum einer Klinik landet, wenn man mit Halskrause essen muss oder wegen eines Unfalls die Zukunft ungewiss erscheint? "Auf gut Deutsch ist das ein Scheißgefühl", sagt Gianluca, der mit vier gebrochenen Wirbeln und schwerer Kopferschütterung im Stuttgarter Olgahospital liegt.

Von seinem Unfall, der ihm das Leben hätte kosten können, und dessen Folgen berichtet der 16 Jahre alte Schüler des Stuttgarter Geschwister-Scholl-Gymnasiums. Die Jungen und Mädchen nehmen am "Prevent Alcohol and Risk Related Trauma in Youth" (PARTY) der Deutschen Gesellschaft für Unfall-Chirurgie teil; dieses soll Jugendlichen die Risiken im Straßenverkehr vor Augen führen. In Stuttgart war der Auftakt einer bundesweiten Aktionswoche.

Bei Gianluca, einem von jährlich rund 40 ins Olgahospital eingelieferten schwer verletzten Jugendlichen, kamen alle für sein Alter typischen Risikofaktoren zusammen: Er fuhr alkoholisiert, ohne Helm und mit Kopfhörer nachts auf einem Feldweg Fahrrad und wurde dort von einem Auto frontal erwischt. Der Realschulabsolvent, dessen Abschlussparty so tragisch endete, steht für eine Gruppe junger Leute, die besonders gefährdet sind.

Gianluca gehört zu rund 20 000 verunglückten 15- bis 17-Jährigen auf deutschen Straßen, von denen 89 (2013) starben. Hauptunfallursache ist überhöhte Geschwindigkeit. Die 15- bis 17-Jährigen verunglücken doppelt so häufig wie der Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Nur von den 18- bis 24-Jährigen werden sie noch übertroffen.

Der Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und zweifacher Vater Christian Knop weiß, warum diese Altersgruppe so gefährdet ist. "Ihnen fehlt es an Erfahrung, zugleich meinen sie, sie seien unkaputtbar." Hinzu komme die Thematik Drogen und Alkohol. Hinter der zum Teil schockierenden Prävention aus Kanada steht er voll. "Wenn man 400 Schüler in einem Saal zusammentrommelt und über Vorsorge informiert, schläft die erste Hälfte nach fünf Minuten ein, die zweite wenig später." Bei PARTY sei das anders: "Die nehmen was fürs Leben mit." Dass sie dann in kritischen Situationen die richtige Entscheidung treffen, sei Ziel der Aktion.

PARTY will die jungen Menschen nicht nur für die Schmerzen und Behinderungen nach einem schweren Unfall sensibilisieren, sondern auch für die Langfristkonsequenzen. So fragt sich Gianluca, ob und wann er wieder seinen Lieblingssport Handball treiben kann und er rechtzeitig zum Start des Wirtschaftsgymnasiums genesen ist. Überdies muss er sich mit der Anzeige der Staatsanwaltschaft wegen seiner Trunkenheitsfahrt und einer fünfjährigen Sperre zum Erwerb des Führerscheins auseinandersetzen.

Vom Krankenbett aus mahnt er, verantwortungsvoll mit Alkohol umzugehen, beim Radfahren einen Helm zu tragen und lieber auf den Knopf im Ohr zu verzichten - auch wenn es "cool" sei, mit Musik zu radeln. Das halbtägige Programm besteht neben der Konfrontation mit verletzten Gleichaltrigen aus dem ganzen Ablauf der Aufnahme in die Klinik - vom Rettungswagen über den Schockraum bis hin zu Intensiv- und Normalstation. In Rollenspielen übernehmen die Schüler unterschiedliche Funktionen: Pfleger, Chefarzt oder Patient.

Lehrerin Stefanie Höhndorf findet, dass das Programm gut zu ihrer Klasse mit zahlreichen "wilden Jungs" passt. Sie selbst war als Sozia auf dem Motorrad schon in einen Unfall verwickelt, bei dem ihr Vater als Fahrer eine schwere Verletzung erlitt. Auch an der Pädagogin geht die Veranstaltung nicht spurlos vorbei. "Ich bin beeindruckt, weil man dem Tod begegnet." 

Einer der "wilden Jungs" ist Yannick, der schon Motorrad fährt. Besonders der Besuch beim schwerverletzen Gianluca geht ihm nahe. "Meine Einstellung zum Fahren hat sich geändert. Man überlegt sich schon, ob man am Stau vorbeiführt oder riskant in die Kurven geht." Zu hoffen ist, dass der Zehntklässler die guten Vorsätze auch umsetzt und es ihm nicht so ergeht wie einem früheren PARTY-Teilnehmer: Der junge Mann starb beim einem Motorradunfall.

Zahlen zu Verkehrstoten

Infos DGU

3368 Menschen sind im vergangenen Jahr auf deutschenStraßen ums Leben gekommen. Nach Angaben des StatistischenBundesamtes sind das zwar etwas mehr im Jahr zuvor. Die Zahl sei abernoch immer auf dem zweitniedrigsten Stand seit 1950. Die Zahl derVerletzten stieg im Vergleich zum Vorjahr um 4 Prozent auf rund389 000.

Gemessen an der Einwohnerzahl ist das Risiko, im Straßenverkehr zusterben, in Sachsen-Anhalt am höchsten. 2014 kamen dort auf eineMillion Einwohner 61 Verkehrstote. Am niedrigsten war der Wert inBerlin (15).

Zu Beginn dieses Jahres blieben die Zahlen nahezu unverändert: Imersten Quartal starben 653 Menschen bei Verkehrsunfällen - imVorjahreszeitraum war das ähnlich. Die Zahl der Verletzten ging indesum 6,2 Prozent auf rund 75 600 zurück.

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