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Viele Katzen sind zu dick.

Übergewicht als Hauptursache

Diabetes bei Hauskatzen: Weniger ist mehr

München - Viele Hauskatzen sind zu dick und erkranken an Diabetes. Wie man das verhindern kann, lesen Sie hier:

Rosi kuschelt gerne, ist lieb, flauschig und zutraulich – ein richtiger Schmuser. Aber Rosi hat ein Problem: Die zehnjährige Kurzhaarkatze, die neulich zur Sprechstunde von Dr. Felix Neuerer in die Tierklinik Ismaning gebracht wurde, wirkt seit einiger Zeit müde, hat ein stumpfes Fell, trinkt sehr viel und macht wiederholt in die Wohnung, obwohl sie eigentlich schon lange stubenrein ist.

Nach einem Urin- und einem Bluttest ist für Dr. Neuerer klar: Die Katze hat Diabetes. „Es vergeht kaum ein Monat, ohne dass wir bei einem unserer Patienten Zuckerkrankheit diagnostizieren“, sagt er. Bei Katzen ist fast immer Übergewicht die Ursache für die Stoffwechselstörung. „Die meisten Tiere, die uns vorgestellt werden, wiegen zu viel“, sagt Neuerer. „Viele Besitzer haben verkehrte Vorstellungen über die normale Statur einer Katze.“ Neuerer hält selbst einen Kater, achtet darauf, das Tier nicht zu überfüttern – und muss sich von Nachbarn oder Besuchern immer wieder Vorwürfe anhören, er lasse den Kater hungern.

Auch bei Hunden führt Übergewicht häufig dazu, dass der Insulin-Stoffwechsel entgleist. Dabei greifen die gleichen Mechanismen wie bei Menschen: Das Fettgewebe produziert Botenstoffe, die die Rezeptoren des Körpers für Insulin blockieren – es kommt zum Diabetes Typ II. Können dagegen Hunde (seltener Katzen) von Geburt an kein Insulin produzieren, sprechen Tierärzte wie beim Menschen von Diabetes Typ I.

„Handelt es sich um Typ II, und die Tiere nehmen zügig ab, kann der Diabetes in einigen Fällen geheilt werden“, sagt Dr. Felix Neuerer. Er warnt aber vor radikalen Hungerkuren: „Damit die Blutwerte nicht vollends durcheinander geraten, sollte die Besitzer das Tier auf eine kontrollierte Diät setzen.“

Die Gewichtreduktion allein reicht allerdings nicht. Die vierbeinigen Patienten müssen zumindest zeitweise auf regelmäßige Insulinspritzen eingestellt werden. „Wir tasten uns langsam an die richtige Dosis heran“, sagt Neuerer. „Tierhalter sollten sich mindestens vier bis sechs Wochen Zeit dafür nehmen.“ Während dieser Zeit müssen die Besitzer entweder beim Tierarzt tageweise den Blutzuckerspiegel kontrollieren lassen – Experten sprechen von einem Blutzucker-Tagesprofil –, oder sie nehmen die Messung zu Hause mehrmals wöchentlich jeweils zur gleichen Uhrzeit zwischen zwei Insulin-Injektionen vor.

Sowohl die Spritzen als auch der regelmäßige Piks ins Ohr, um einen Bluttropfen für die Bestimmung des Zuckerspiegels zu gewinnen, schrecken viele Tierhalter anfangs ab. „Ist das keine Qual für unsere Rosi?“, fragte auch die Besitzerin. Dr. Felix Neuerer machte ihr Mut: „Die Tiere vertragen die Prozedur gut, wenn sie sich in ihrer gewohnten Umgebung befinden.“ Spezielle Einstechhilfen erleichtern den Tierhaltern die Messung. Wird der Blutzuckerwert dagegen in der Praxis gemessen und ist das Tier durch die fremde Umgebung gestresst, verfälscht dies unter Umständen das Ergebnis.

Wichtig bei den Insulin-Injektionen: Sie sollten immer an den gleichen Stellen des Körpers gesetzt werden, denn die Fähigkeit des Gewebes, Insulin aufzunehmen, ist unterschiedlich, je nachdem, wo gespritzt wird. „Als Hilfe für die Besitzerin werde ich an Rosis Flanke links und rechts eine kleine Stelle rasieren“, sagt Dr. Neuerer. Die Besitzerin wird dann abwechselnd links und rechts spritzen. Normalgewichtig und richtig eingestellt, wird die Katze Rosi wieder richtig Spaß am Leben haben, versichert Neuerer. „Schlimme Folgekrankheiten können so vermieden werden, und Rosis Lebenserwartung wird fast genauso lang sein wie die einer Katze ohne Diabetes.“

Weitere Infos: www.tierklinik-ismaning.de; Tel.: 089/54 04 56 40

Aceton-Atem signalisiert Lebensgefahr 

Was passiert, wenn diabetische Katzen nicht optimal eingestellt werden? Eine mögliche Komplikation ist die Ketoazidose, bei der das Blut übersäuert. Die Katzen urinieren viel, sind entsprechend ausgetrocknet, apathisch und wollen nicht mehr fressen. Greifen die Besitzer oder der Tierarzt nicht ein, kann das Tier ins Koma fallen.

Zur Ketoazidose kommt es entweder, weil ein Diabetiker nicht mit Insulin behandelt wird oder weil der Körper nicht mehr auf das Insulin reagiert. „Meist bringen begleitende Krankheiten (z. B. Entzündungen, Infektionen oder Tumoren) den Stoffwechsel durcheinander“, sagt Dr. Felix Neuerer. In der Konsequenz werden die Zellen unzureichend mit Zucker versorgt. Deswegen stellt die Leber auf die Verbrennung von Körperfett um und produziert sogenannte Ketonkörper, die den Säurespiegel des Blutes erhöhen. Auffallend ist bei vielen Tieren der nach Nagellackentferner (Aceton) riechende Atem.

Besitzer von diabetischen Katzen sollten deswegen, wenn ihr Tier krank ist, auf ein neues Insulinpräparat eingestellt wird oder wenig frisst, die Ketonkörper-Konzentration messen. Für diesen Zweck gibt es Messstreifen, mit denen die Ketone entweder im Urin oder im Blut nachgewiesen werden. Ist die Ketonkonzentration erhöht, braucht die Katze so schnell wie möglich eine Infusion. Sie sollte umgehend einem Tierarzt vorgestellt werden, der meist eine stationäre Behandlung zur Stabilisierung empfehlen wird. 

Nerven reagieren sensibel 

Schäden an den Extremitäten, weil der Blutzuckerspiegel dauerhaft erhöht ist – das gibt es nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Katzen. Tierärzte sprechen von der „plantigraden Fußung“, wenn die Katze nicht mehr auf den Zehenspitzen der Hinterbeine läuft, sondern den ganzen Fuß aufsetzt. Diese Störung rührt daher, dass Nerven, die die Muskeln steuern, durch den anhaltend hohen Blutzuckerspiegel geschädigt werden. Die Tierhalter müssen aber nicht unbedingt fürchten, dass der Bewegungsablauf gestört bleibt, sagt Dr. Felix Neuerer von der Tierklinik Ismaning. „Die Schädigung geht häufig wieder zurück, sobald die Katze mit Insulin versorgt und gut eingestellt wird.“

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