Tilikum bei einer früheren Show in Seaworld.

Im Alter von zwei Jahren wurde Tilikum vor Island gefangen

Wie dieser Wal zum Killer wurde

Tilikum ist einmalig – knapp sieben Meter lang und rund 5500 Kilo schwer – der größte aller 42 in Gefangenschaft gehaltenen Orca weltweit. Tilikum bedeutet Freund, diesen Namen bekam er von den Fängern, die ihn 1983 im Alter von geschätzten zwei Jahren seiner Walfamilie abgejagt haben.

Es gibt keine einzige Meldung, dass ein freier Orca je einen Menschen attackiert hat. Tilikum jedoch hat schon drei Menschen getötet. Wie wurde der Wal zum Killer? Seine Lebens- und Leidensgeschichte wird nun in dem Kinofilm Blackfish dokumentiert.

Eines wird aus dem Film besonders deutlich: Die Trainer, dieTilikumgutkennen, haben ihn allesamt ins Herz geschlossen. Einer sagt: „Wenn du ihm in die Augen schaust, weißt du, dass jemand da ist.“ Tilikum ist aufmerksam, gelehrig und zutraulich. Aber er hat auch eine andere, eine uns grausamanmutendeSeite. Woher diese kommt, da sind sich Tierschützer, Walforscher und Psychologen relativ einig (siehe Interview). Vielleicht muss man nur ein bisschen Menschenverstand haben, um zu verstehen, dass die größten Raubtiere der Welt im Swimmingpool nicht zu niedlichen Badegefährten mutieren.

Der beeindruckende Film Blackfish der Dokumentarfilmerin Gabriela Cowerthwaite startet am 7. November im Kino, z. B. im Monopol (München)

Tilikum wurde nach seiner Gefangennahme ins Sealand nach Kanada gebracht. Dort lebte er mit zwei Walen zusammen, ein älteres Tier attackierte ihn häufig. Wenn der junge und unerfahrene Tilikum nicht alle Befehle ausführte, wurden alle Wale auf Diät gesetzt. Für diese Bestrafung des Trainers musste Tilikum nachts büßen, wenn die Orcas in ein Minibecken gesperrt wurden. Morgens war er von Bisswunden übersäht. Die Biologin Sandra Altherr von Pro Wildlife sagt zu tz: „In Freiheit können sich Orcasbei einemKonflikt ausweichen, was in Gefangenschaft nicht möglich ist – das macht sie unberechenbar. Und diese Aggressionen richten sich auch gegen Menschen.“

1991 rutschte eine Sealand-Trainerin aus und stürzte ins Becken, Augenzeugenberichten zufolge, war es Tilikum, der die junge Frau unter Wasser zog, bis sie tot war. Im Jahr 1993 brach ein geistig verwirrter Mann in den Pool ein. Am Morgen zog Tilikum seine Runden durchs Becken – auf dem Rücken die nackte Leiche des Mannes, die Genitalien waren abgebissen.

Nicht nur Tilikum wurde in der Gefangenschaft aggressiv: Zahlreiche Angriffe und Zwischenfälle mit den Tieren sind dokumentiert. Dazu gehört, die Walkuh, die bei einer Show einen Tiertrainer mehrfach für Minuten unter Wasser hielt. Als ihr Kalb aus dem Nebenbecken nach ihr rief, griff sie sich den Fuß des Trainers, anstatt die üblichen Kunststücke abzuspulen.

Sealand wurde nach dem zweiten Todesfall geschlossen, Tilikum kam nach SeaWorld in Orlando. Dort hatte er nur eine kleine Rolle in der Show, hauptsächlich ist er Spermaspender. Er ist der Zuchtbulle von Seaworld, dafür stimulieren ihn die Mitarbeiter und fangen sein Sperma auf.

Es wurde den Trainern dort nicht ausdrücklich gesagt, dass Tilikum Menschen getötet hat. Aber es war verboten, mit ihm zu schwimmen, nicht verboten war das Streicheln im flachen Wasser. Dabei griff sich Tilikum die Trainerin Dawn Brancheau (40), zog sie unter Wasser und fügte ihr entsetzliche Bissverletzungen zu. Der Grund? Vermutlich war Tilikum sauer: Die Show an diesem Tag war nicht gut gelaufen, Tilikum und die Trainerin hatten sich missverstanden, und er hatte keinen Belohnungsfisch bekommen.

SUSANNE STOCKMANN

Schwertwale brauchen ihre Familie

Es ist still geworden um Tilikum. Die tz fragte den Walschützer Fabian Ritter von der Organisation WDC:

Wie geht es dem Wal heute?

Fabian Ritter: Unsere Mitarbeiter erzählen uns nichts Gutes: Er hat gesundheitlich abgebaut. Er lebt zumeist getrennt von den anderen Orcas in einem kleinen Seitenbecken von SeaWorld Orlando. Wenn er sich senkrecht stellt, berührt seine Schwanzflosse den Boden. Tilikum hat außer durch Gitter keinen Kontakt mehr zu Artgenossen. Bei den Shows tritt er nur selten auf, dann spritzt er zum Schluss die Besucher nass. Er ist absolut isoliert. Für uns ist es fast ein Wunder, dass er überhaupt noch lebt.

Gibt es die Hoffnung, dass er ausgewildert wird?

Ritter: Es gibt überhaupt keine Pläne, irgendeinen Orca auszuwildern. Tilikum wäre gar nicht fit genug. So ein Programm ist mit großen finanziellen und organisatorischem Aufwand verbunden, die Erfolgsaussichten sind sehr schlecht abschätzbar. In freier Wildbahn leben Orcas lebenslang im engen Familienverband.

Sie kommunizieren rege und bleiben immer beieinander. Wir sprechen hier von 40 bis 60 Jahren, so alt können Orcas werden. Sie jagen gemeinsam, die jüngeren lernen von den älteren Tieren. Man spricht sogar von einer Kultur, die da weitergegeben wird. Ein Schwertwal, der seine Familie und dieses ganz außergewöhnliche Beziehungssystem verliert, erleidet unglaublichen Stress und ein lebenslanges Trauma.

Werden noch wilde Tiere für Walshows gefangen?

Ritter: Ja, leider, es nimmt sogar zu. Es ist nicht so bekannt wie bei den Delfinen, aber wir wissen, dass in Russland Orcas gefangen werden. Sie kommen entweder in eigene Haltungen, oder aber werden ins Ausland verkauft. Es ist nicht möglich, Wale und Delfine in Gefangenschaft artgerecht zu halten. Daher fordern wir von WDC, dass die Gefangenschaft dieser Tiere verboten wird.

SUS

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