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Große Aufregung, seit bei Starnberg wieder ein Wolf gesichtet wurde.

Nach Sichtung bei Starnberg

Dr. Pschera: So können Mensch und Wolf in Bayern zusammen leben

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Große Aufregung, seit bei Starnberg wieder ein Wolf gesichtet wurde. Autor Dr. Alexander Pschera erklärt im Interview: So können Mensch und Wolf auch in Bayern zusammen leben.

Das Bild eines Wolfs geistert durch die Medien, aufgenommen von einer Kamera in einem Wald in der Nähe von Starnberg. Seitdem wird viel über die Rückkehr des Wildtiers diskutiert: Auf der einen Seite die Almbauern, die sich um ihre Schafe sorgen, auf der anderen die Tierschützer. Doch welche Auswirkungen auf die Gesellschaft hat der Wolf wirklich? Und wie lässt sich in der Gesellschaft ein besseres Verständnis für Natur entwickeln?

Der Autor Alexander Pschera beschäftigt sich unter anderem mit der Beziehung von Gesellschaft und Natur, aber auch mit dem Umgang mit moderner Informations-Technik. Sein Buch "Das Internet der Tiere. Der neue Dialog zwischen Mensch und Natur" von 2014 bekommt durch die Rückkehr des Wolfs eine neue Aktualität. Im Interview spricht er über die Zusammenhänge zwischen Wolf und Gesellschaft.

Herr Pschera, wodurch entstand das symbolische Bild vom "bösen Wolf" und welche Auswirkungen hat es auf unsere Gesellschaft?

Dr. Alexander Pschera.

Alexander Pschera: Der Prozess der Zivilisation ist ein Prozess der Zurückdrängung der Natur zugunsten menschlicher Kultur. Wir haben heute einen durch und durch positiven Begriff von Natur. Natur steht für Erholung, Regeneration, Gesundheit. Als der Mensch noch um sein Überleben kämpfen musste, war die Natur Wildnis, Urwald, Dschungel, Gefahr. Sie war ein Gegner des Menschen. Dieses negative, gefährliche Bild von der Natur als einer zutiefst feindlichen Lebensumgebung konkretisiert sich unter anderem im Mythos vom bösen Wolf, der uns vor allem durch Märchen du Legenden vermittelt wird. Dass gerade der Wolf einen solch‘ schlechten Ruf bekam, hat Gründe. Er jagt in Rudeln, ist nachtaktiv, sehr scheu, im Dunkeln sieht man nur seine Augen leuchten. Am Tag bekommt man ihn nicht zu Gesicht, am Morgen findet man blutige Schafskadaver, seine Beute. Daher hatte man Angst vor ihm und erzählte sich blutrünstige Geschichten über seine Gräueltaten, die meist der Fantasie entstammten. Wie tief diese Vorstellungen sitzen, sieht man daran, wie schnell heute Panik unter den Landwirten entsteht, wenn ein einziger Wolf eine Fotofalle am Starnberger See auslöst.

Nach Sichtung in Starnberg: "Der Wolf ist ein sehr menschenscheues Tier"

Der Wolf wagt sich immer näher an Ballungszentren heran. Gibt es dadurch eine Gefahr für die Bevölkerung?

Pschera: Das ist absoluter Unsinn. Obwohl wir es alle in den Romanen von Jack London anders gelesen haben, sind keine Fälle bekannt, in denen Wölfe von sich aus Menschen angegriffen haben. Wenn man ihnen nachstellt oder sie gar in die Enge treibt, dann sieht die Sache natürlich anders aus. Dann wehrt sich jedes Tier. Aber sozusagen intrinsisch ist der Wolf ein sehr menschenscheues Tier. Er geht Menschen aus dem Weg. Der Starnberger Jungrüde lauert bestimmt keinen Kindern und Großmüttern an Bushaltestellen auf. Und auch um Jogger und Spaziergänger wird er einen großen Bogen machen, wenn sie ihm zu nahe kommen. Insofern ist die Bedrohungssituation eine andere als mit Braunbär Bruno im Jahr 2006. Ich wohne in der Nähe von Kochel und ich muss sagen: Damals wäre ich Bruno nicht gerne auf der Straße begegnet!

Wo sehen Sie Aufklärungsbedarf und wie kann das Bild des Wolfs in der Öffentlichkeit korrigiert werden?

Pschera: Die an Hysterie grenzende Reaktion der Bauern hat einzig und allein finanzielle Ursachen. Die mögen berechtigt sein, aber ich frage mich immer: Wie haben es arme Schafszüchter in den vergangenen Jahrhunderten, in denen es in Europa von Wölfen nur so wimmelte, geschafft, Ihre Herden zu schützen? Damals gab es noch keinen Ausgleichsfond, damals musste man sich noch selbst helfen. Ich würde dafür plädieren, die Schafwirtschaft wieder zu ihren Ursprüngen zurückzuführen und zum Beispiel gut ausgebildete Hunde einzusetzen, anstatt zu warten, bis der Wolf zuschlägt und dann den Freistaat und damit den Bürger zur Kasse zu bitten.

Wieder Wolf in Bayern: "Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger wünscht sich die Prädatoren zurück"

Hat die Gesellschaft ein verzerrtes Bild vom Wolf?

Pschera: Das glaube ich nicht. Da ist mittlerweile schon viel an Aufklärungsarbeit geschehen – durch Bilder, Filme, Bücher, Vorträge. Man sieht das auch bei Zeitungsumfragen: Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger wünscht sich die Prädatoren zurück, zum Beispiel auch den Luchs, dem man im bayerischen Wald ja so schrecklich und widerwärtig nachstellt. Es gibt auch noch viele ungenutzte technisch-pädagogische Möglichkeiten, die dabei helfen können, den Wolf und andere Raptoren, aber auch unproblematische, aber vielleicht „langweilig“ anmutende Tiere wie Insekten dem Menschen wieder näher zu bringen. Ich habe das in meinem Buch „Das Internet der Tiere“ ausführlich dargestellt.

Was sind das für "technisch-pädagogische" Möglichkeiten?

Pschera: Was konkret den Wolf betrifft, so könnten Wölfe, die einen GPS-Sender und vielleicht sogar eine GoPro-Kamera tragen, massiv dazu beitragen, dass die Menschen das faszinierende Leben dieser Tiere aus der Nähe kennen lernen. Die Möglichkeiten der multimedialen Datenübertragung könnten dabei helfen, den Wölfen in Echtzeit auf der Spur zu bleiben, hautnah dran zu sein, wenn zum Beispiel junge Wölfe groß gezogen werden oder wenn sie lernen, im Rudel zu jagen. Die Tiere würden dann aus der Obskurität heraustreten, in der sie zu ihrem eigenen Nachteil gefangen sind. Bei anderen Tieren wurde der Einsatz von Social Media Profilen bereits erprobt, auf die die Daten einzelner Tierindividuen, beispielsweise ziehender Vögel oder Wale, eingetragen werden. Die Menschen können sich dann sozusagen mit diesen individuellen Vertretern einer Art „anfreunden“ – das ist natürlich nur eine medial vermittelte, virtuelle Freundschaft, die aber, das zeigt das Beispiel des Waldrapps, das Verhältnis der Menschen zum Tier entscheidend verändern und die Menschen ganz neu für den Naturschutz sensibilisieren kann.

Wildlife-Cams und Facebook-Seiten von Wölfen sind in den USA schon normal

Welche Probleme können beim Einsatz von Wildkameras und GPS auftreten?

Pschera: In den USA sind Wildlife-Cams und Facebook-Seiten von Wölfen an der Tagesordnung. Als der bekannteste Wolf des Yellowstone-Nationalparks erschossen wurde, gab es einen Aufschrei, der bis auf die Titelseite der NY Times gelangte. Aber hier in Deutschland haben wir ein gespaltenes Verhältnis zur Technologie und vor allem zum Datenschutz. Denn eine massenhafte Ausstattung von wildlebenden Tieren mit GPS Sendern, die sie verfolgbar machen würden, würde natürlich Big Animal Data erzeugen – und damit neue Diskussionen über die Moralität der „Überwachung“ von Tieren. Leider sind wir in Deutschland so gestrickt.

Welche Rolle spielt eine „Personifizierung“ des Wolfs im Hinblick auf prominente Vertreter wie „Problembär Bruno“?

Pschera: Sie sprechen hier einen entscheidenden Punkt an. Wir sind es gewohnt und uns wird es seit der Schule auch so beigebracht, von Tieren in abstrakten „Arten“ zu denken. Wir sprechen von "artspezifischem" Verhalten und von "artgerechter" Haltung. Ich finde das schrecklich. Denn jedes Tier hat eine eigene Individualität, einen eigenen Charakter. Jeder Haustierbesitzer weiß das. Keine Katze gleicht der anderen. Selbst bei Fischen lassen sich jenseits des genetisch codierten Verhaltens individuelle Handlungsmuster ausmachen. Es ist für uns einfach, uns ein gutes Gewissen einzureden, wenn wir zehn Euro für den Erhalt einer Art gespendet haben. Viel schwieriger wird es, unser Gewissen zu beruhigen, wenn wir dem Waldrapp Shorty, von ihm ich ausführlich in meinem Buch erzähle, täglich auf der Spur sind. Da entsteht dann eine ganz andere Nähe und auch eine viel tiefere Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Hätte unser Problembär Bruno einen GPS-Sender getragen, hätte wir seinen Weg per Video verfolgen können, dann wäre er erstens noch am Leben, und zweitens wäre die Diskussion über ihn ganz anders verlaufen, als es geschah.

So können das Internet und soziale Medien uns den Wolf näher bringen

Ist Bayern beim Umgang mit Wildtieren wie dem Wolf zu rückständig?

Pschera: Es gibt gute Beispiele aus der oberen Lausitz, wie man mit der Rückkehr der Wölfe umgehen muss. Hier werden das Internet und die sozialen Medien aktiv als Instrumente eingesetzt, um diese Tiere den Menschen näher zu bringen. Das wünsche ich mir auch von Bayern. Denn die Natur darf nicht der Hoheitsbereich der Förster, Jäger und Naturschützer sein, sondern sie ist ein demokratischer Erlebnisraum, der allen Menschen zugänglich sein muss. Das Internet kann also auch hier eine Revolution der Nähe auslösen.

Wie gehen andere Länder mit der öffentlichen Darstellung von Wildtieren um? Gibt es in Deutschland Nachholbedarf?

Pschera: Natürlich muss man über den Schutzstatus einzelner Tierarten nachdenken, wenn Populationen stabil sind oder gar aus dem Ruder laufen. Die Frage stellt sich hierzulande ja auch bei Bibern oder Kormoranen. Allerdings ist Europa und vor allem Deutschland immer noch im Klammergriff eines Naturschutzverständnisses der 80er Jahre. Natur wird geschützt, indem man sie vom Menschen trennt, indem man No-Go-Areas einrichtet, indem man absurd hohe Strafen für Übertretungen festlegt. Als Kind habe ich begeistert heimische Reptilien und Amphibien gefangen. Würde ich das heute tun, könnte ich mit Uli Hoeneß Schafkopfen. Die Natur ist ein resilientes System ist, das sich schneller erholt, als man denkt. Dafür gibt es viele Beispiele – eines davon ist der beeindruckende Artenreichtum auf stillgelegten Bundeswehrübungsplätzen. Wichtig ist, dass unsere Kinder wieder mit der Natur in Berührung kommen. Denn schließlich kann man nur das schützen, was man kennt. Wer als Kind nie einen Schmetterling gefangen hat, aus dem wird nie ein Insektenforscher.

Buch: "Das Internet der Tiere. Der neue Dialog zwischen Mensch und Natur"

Das Buch "Das Internet der Tiere. Der neue Dialog zwischen Mensch und Natur" von Alexander Pschera ist 2014 beim Verlag Matthes & Seitz Berlin erschienen und für 19,90 Euro erhältlich. Darin geht es unter anderem um die digitale Erfassung der Tiere, den Datenschutz und das Verhältnis des Menschen zur Natur im Allgemeinen. Nun ist es auch auf dem amerikanischen Buchmarkt erschienen.

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