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Darf laut Gericht nicht im Zoo sitzen: Orang-Utan Sandra.

Interview mit Kritiker 

Die einsamsten Zootiere der Welt - warum darf ihnen niemand helfen?

Was in diesem geschlossenen Zoo in Buenos Aires passiert, macht Tierschützer unendlich wütend und traurig. Wieso scheint es nicht möglich zu sein, den Tieren möglichst schnell zu helfen? Wir sprachen mit Colin Goldner vom Great Ape Project. 

„Diese Tiere sind ein Schatz der Natur. Sie dürfen nicht länger dem Dreck und den Abgasen in der Großstadt ausgesetzt werden“, damit begründete der Bürgermeister von Buenos Aires vor einem Jahr die Schließung des städtischen Zoos. Die Entscheidung wurde weltweit sehr gelobt. Der Tierpark war in den 140 Jahren seit seiner Gründung mächtig heruntergekommen. Tiere verendeten, weil die bis zu 10.000 Besucher täglich sie füttern durften. Doch seit der Schließung ist nichts passiert: Die Orang-Utan-Dame Sandra, die von einem argentinischen Gericht in einem Aufsehen erregenden Urteil Menschenrechte zugesprochen bekommen hat, ist nicht in eine Auffangstation umgesiedelt worden. Sie harrt weiter allein in einem Betonkäfig aus. Bedrückend ist auch die Situation der anderen Affen, der Mandrill sitzt ebenfalls allein in seinem Gehege, Schimpansen sind in einem trostlosen Käfig eingesperrt. 

Ein Parvianbaby klammert sich im ehemaligen Zoo von Buenos Aires (Argentinien) an seine Mutter.

Erschütternd auch die Situation der Elefanten, die verhaltensgestört durch ihren Käfig trotten. Die Leopardendame Cleo springt immer noch an die Scheibe, wenn sie Menschen sieht. Sie ist traumatisiert von Besuchern, die täglich klopften und schrien. Der ehemalige Tierarzt des Zoos, Carlos Sassaroli, klagt: „Die Situation hat sich von schlecht zu schlechter verschlimmert. Hier leben die traurigsten Zootiere der Welt.“ Die einzige Verbesserung: Täglich dürfen nur noch 2000 Besucher aufs Gelände. Füttern ist mittlerweile verboten. Trotz eklatanter Missstände und eines Gerichtsurteils scheint es nicht möglich zu sein, den Tieren möglichst schnell zu helfen. Warum ist das so? Die tz sprach mit dem Zookritiker Colin Goldner vom Great Ape Project.

Warum ist die Orang-Utan-Dame Sandra immer noch nicht umgesiedelt? 

Colin Goldner: Das Gericht verfügte, dass Sandra nach 22 Jahren Zoogefangenschaft in ein Primatenrefugium überstellt werden müsse. Man entschied sich für ein Refugium in Florida. Da die restriktiven Einfuhr- und Quarantäneregularien der US-Behörden Sandras Umzug monatelang verzögerten, blieb sie vorläufig im Zoo. Im Juni 2016 beschloss die Stadtverwaltung Buenos Aires, den völlig heruntergekommenen Zoo binnen eines Jahres aufzulösen und in einen Ökopark umzuwandeln. Der Beschluss sah vor, die rund 2500 Tiere des Zoos, sofern möglich, auszuwildern bzw. in eigens eingerichtete Reservate umzusiedeln. Die rund 50 nicht auswilder- oder umsetzbaren Tiere, darunter Sandra, sollen in größeren und besser ausgestatteten Gehegen auf dem Zoogelände verbleiben, sollen aber nicht mehr zur Schau gestellt werden.

Der Zoo behauptet, die Tiere könnten nicht an bessere Einrichtungen abgegeben werden, weil die Transporte zu gefährlich seien. Zootiere seien so an ihre Umgebung gewöhnt, dass der Transportstress lebensgefährlich wäre. Was ist da dran? 

Das Elefantenbaby Pupy liegt am 12. Mai im ehemaligen Zoo von Buenos Aires im Matsch.

Goldner: Der Zoo wurde der katastrophalen Bedingungen wegen geschlossen, unter denen die Tiere über Jahre hinweg gehalten worden waren. Der private Betreiber machte sich daraufhin aus dem Staub und bürdete der Stadt die Verantwortung für die zurückgelassenen Tiere auf. Die Umsiedelung einer so großen Zahl von Tieren unterschiedlichster Arten erwies sich für die Stadt als schwieriger denn gedacht, zumal für viele Arten eigene Reservate erst eingerichtet werden müssen. Hunderte Vögel wurden allerdings bereits in Freigehege überstellt oder ganz in die Freiheit entlassen. Für einige der älteren Tiere wäre der Stress des Umzuges mit der dafür notwendigen Narkose in der Tat zu riskant. 

Sie sagen, Zoos seien Gefängnisse für Tiere. Gibt es keine guten Zoos, z.B. nur mit solchen Tieren, die auch artgerecht in Gefangenschaft gehalten werden können?

Goldner: Unter den 865 Zoos und zooähnlichen Einrichtungen hierzulande gibt es bessere und schlechtere. Gefängnisse für die auf Lebenszeit darin eingesperrten und jeder Regung ihres Wesens beraubten Tiere sind sie allemal. Je mehr Erkenntnisse zur kognitiven und affektiven Ausstattung von Tieren gewonnen werden, desto deutlicher wird die Unmöglichkeit, sie auch nur annähernd ihren Bedürfnissen entsprechend in Zoos halten zu können. Vielen Zootieren werden fortlaufend Psychopharmaka verabfolgt, dazu Antibiotika, Hormonpräparate, Immunstimulantia, Schmerzmittel und unzählige andere Medikamente, damit sie überhaupt am Leben bleiben. 

Gerade erst musste wieder ein Elefantenjunges in Köln eingeschläfert werden, obwohl die Haltung dort als vorbildlich gilt. Viele sagen, solche Verluste seien ganz normal und kämen auch in freier Wildbahn vor. Wie ist Ihre Meinung? 

Ein Tapir legt seine beiden Hufe auf eine Türöffnung.

Goldner: Zoos verlieren jährlich ein Fünftel bis ein Viertel ihrer Tierbestände. Den normalen Besuchern fällt das weiter nicht auf, sie bemerken allenfalls das Fehlen von publikumsattraktiven und insofern individuell bekannten Großsäugern, über deren Tod auch in den Medien zu lesen steht. Trotz veterinärmedizinischer Dauerversorgung weisen Zoos extrem hohe Todesraten auf. Insbesondere bei Neugeborenen kognitiv hochentwickelter Arten wie Elefanten, Eisbären, Menschenaffen oder Delfinen ist die Sterblichkeitsrate wesentlich höher als im Freiland. Der Grund liegt mithin darin, dass Tiermütter unter den widernatürlichen Bedingungen des Zoos mit ihrem Nachwuchs vielfach nichts anzufangen wissen und ihn nicht annehmen oder gar töten. Der Öffentlichkeit werden diese Zusammenhänge gezielt verschwiegen.

tz

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