Aus falscher Tierliebe heraus musste der Dackel Susi vier Jahre lang in diesem stinken Verschlag leben.

Haustiere aus Unwissenheit und Egoismus gequält

Falsche Tierliebe

München - Diese stinkenden zehn Quadratmeter waren das Zuhause von Dackelmischling Susi. Vier lange Jahre lebte sie in diesem kleinen Verschlag.

tz-Interview mit Sandra Altherr

Artenschützerin von Pro Wildlife

Sie durfte nie ins Freie, sie durfte nicht einmal zu ihrem Herrchen in die Küche oder in einen anderen Raum des Hauses. Manchmal, wenn sie zu arg winselte, ließ der Besitzer Susi in einem total vermüllten Speicher ein wenig herumlaufen. Der alte Herr hatte schon zwei Hunde verloren, sie waren ihm überfahren worden. Dies sollte ihm mit Susi nicht passieren – er sperrte das Tier rund um die Uhr ein.

Als er nun krank wurde und der Notarzt kam, wurde Susi befreit. Ein Tierarzt nahm sich der Hundedame liebevoll an, dennoch war sie lange nicht in der Lage überhaupt transportiert zu werden, so aufgeregt war sie, wenn sich ihr jemand näherte.

Seit sechs Tagen wohnt Susi auf Gut Aiderbichl Deggendorf in einem großen Zimmer. Nur selten verlässt sie ihren Drahttransportkäfig, dort fühlt sie sich einfach am sichersten. Das Tier leidet unter einem Kasper-Hauser-Syndrom und ist schwer traumatisiert. Michael Aufhauser: „Es wird sehr lange dauern, bis Susi Vertrauen zu Artgenossen und Menschen fassen wird. Wir geben ihr diese Zeit.“

Exoten gehören nicht ins Wohnzimmer

Heute steht im Bundestag ein Antrag der SPD auf der Tagesordnung, in dem gefordert wird, den Handel und die Haltung von Wildtieren einzuschränken, um den Artenschutz zu stärken. „Dieser Antrag wird keine Mehrheit bekommen“, so Sandra Altherr, von der Münchner Artenschutzorganisation Pro Wildlife: „Aber es freut uns, dass sich die Politik endlich mit diesem Thema auseinandersetzt.“ Denn exotische Tiere werden als Heimtiere immer beliebter. Andererseits werden gerade diese Tiere besonders oft gequält: Nicht nur wenn sie in unserem für sie tödlichen Klima ausgesetzt werden, sondern weil sie hohe Ansprüche haben.

tz-Redakteurin Susanne Stockmann sprach darüber mit der Biologin Sandra Altherr.

Warum werden Exoten immer beliebter?

Sandra Altherr: Hamster und Zwergkaninchen haben leider ausgedient, man möchte jetzt ein Haustier, das der Nachbar nicht hat.

Und so holt man sich Tiere wie Präriehunde oder Grüne Baumpythons ins Haus, deren Ansprüche man gar nicht kennt.

444 000 bis 850 000 lebende Reptilien

werden jährlich nach Deutschland importiert. Genaue Zahlen gibt es nur für Cites-geschützte Arten. 

Sandra Altherr: Exotische Tiere kann man leicht kaufen. Aber die Haltung wird unterschätzt. Die Beratung beim Kauf ist oft katastrophal. Meist wird behauptet, die Tiere seien anspruchslos. Sie müssten zum Beispiel wochenlang nicht gefüttert werden, und man könne in Urlaub fahren, ohne dass sich jemand um das Tier kümmern muss. Verschwiegen wird, dass diese Tiere von ihrer Umgebung, also von Temperatur und Luftfeuchtigkeit, vollkommen abhängig sind. Für Reptilien werden immer häufiger Plug-and-Play-Terrarien angeboten, die man nur noch an der Steckdose anschließen muss.

Das klingt doch recht praktisch.

Sandra Altherr: Aber das bedeutet auch, dass sich die Käufer nicht einmal mehr mit den Ansprüchen der Tiere auseinandersetzen und diese kennen. Unterschätzt wird auch, dass viele der Tiere uralt werden. Man übernimmt eine Verantwortung für Jahrzehnte. Dann kauft man ein Tier, das besonders hübsch bunt ist, denkt aber nicht an die Folgen. Die Botschaft der Händler ist: Alles ganz easy. Aber es ist eben nicht alles ganz einfach und leicht. Dazu kommt, dass wir über Wildtiere reden, es sind keine domestizierten Arten, diese Tiere werden nicht zahm. Kleine Geckos zum Beispiel haben einen Fluchtinstinkt. Und dann kommt die Menschenhand und greift die verschreckten Tiere wie ein Beutegreifer. Es ist in vielerlei Hinsicht keine Umgebung, in der sie sich wohlfühlen.

Können Exoten bei uns nachgezüchtet werden?

Altherr: Einige Arten werden hier regelmäßig nachgezüchtet. Doch Deutschland ist noch immer trauriger EU-Spitzenreiter beim Import lebender Reptilien. Wir fordern, deshalb einen Importstopp für Wildfänge. Wenn hier eine Art seit 20 Jahren importiert wird und wenn es immer noch nicht möglich ist, diese Tiere genügend nachzuzüchten, sind sie zur Heimtierhaltung nicht geeignet. Gerade bei ungeschützten Arten sind viele Tiere Wildfänge, wie der Tokee, oder gerade sehr beliebt, der Moosfrosch aus Vietnam. Oder der Türkiszwerggecko, den es nur in einem winzigen Waldgebiet in Tansania gibt. Als er auf die rote Liste der gefährdeten Arten kam, stieg sein Preis hier auf den Tierbörsen stark an. Der Run auf die letzten Exemplare hat eingesetzt. Dieser Gecko ist akut vom Aussterben bedroht, aber ungeschützt.

Gibt es Exoten, die man gut bei uns halten kann, wie Schildkröten?

Altherr: In den 70er- und 80er-Jahren wurden Millionen Landschildkröten importiert. Davon lebt heute nur noch ein Bruchteil, dabei haben diese Tiere eine Lebenserwartung von 70 bis 80 Jahren. Die Haltung von Exoten wird eben einfach unterschätzt.

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