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Hilfe für die armen Hunde

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Von: Susanne Stockmann

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Verena Wiegand im Park mit ihren beiden spanischen Jagdhündinnen
Verena Wiegand mit ihren Galgas Jule und Frida © Petra Dilthey

Galgos sind Spaniens todgeweihte Wegwerfhunde: Jedes Jahr werden 50000 Jagdhunde am Ende der Saison aussortiert und zum Sterben verurteilt. Die Hunde werden in einer der vielen Tötungsstationen abgegeben, ausgesetzt oder an Bäume gebunden. Um noch mehr dieser armen Tiere zu retten, organisiert Verena Wiegand nun den ersten Galgomarsch Münchens!

Zwei Hunde, zwei schreckliche Schicksale und drei Happy-Ends: für Frida, für Jule und für Verena Wiegand, die sagt: „Wir sind zu einem tollen Team zusammengewachsen.“ Zärtlich krault sie der dunklen Jule das Rückgrat, streichelt das zarte Fell am Kopf. Deren Gefährtin Frida hat sich bereits in ihrem gemütlichen Hundekorb in der Wohnküche eingerollt. Dass es sich um Windhunde handelt, erkennt sogar der Laie: An den langen Beinen, der schlanken Taille und dem typischen schmalen Gesicht. „Bei Spaziergängen werden meine beiden meistens mit englischen Windhunden, den Whippets, verwechselt“, so Verena Wiegand, die in Ramersdorf wohnt: „Die spanischen Galgos sind hier im süddeutschen Raum noch sehr unbekannt.“

Aus zwei Gründen möchte Verena Wiegand dies endlich ändern: Weil es sich um „liebevolle, sanfte und anhängliche Hunde“ handelt, die einen besonders friedlichen Charakter haben: „Null Aggressionspotenzial“, so Wiegand (53). Sie muss schlucken, als sie erzählt, dass geschätzt weit mehr als 50000 dieser arglosen Tiere jedes Jahr im Namen der Tradition umgebracht werden. Die Betriebswirtin, die bei einem Unternehmensberater als Senior Personal Assistant angestellt ist, engagiert sich ehrenamtlich für die GALGO-HILFE e.V., darüber hinaus organisiert sie den ersten Münchner Galgomarsch, der am 28. Januar 2023 eine neue Tradition begründen soll: „Wenn mehr Menschen das wunderbare Wesen der Galgos und ihr trauriges Schicksal kennen, dann könnten noch mehr gerettet werden“, hofft Verena Wiegand.

Galgo, der den Kopf hängen lässt, sitzt im Käfig
Todesangst traumatisiert die Hunde: Ein Galgo im Zwinger der Tötungsstation © Barbara Boneko

Früher war in Spanien die Jagd mit Hunden ein Privileg des Adels, heute gibt es geschätzt 180000 Galgueros, die von Oktober bis Februar Hasen hetzen. Die Hunde werden in Massen gezüchtet, oft in elenden Verschlägen oder nur in Erdgruben gehalten. Menschliche Nähe und Zuwendung, die die Hunde so suchen, gibt es nicht. „Meine Frida hatte nachgewiesenermaßen drei spanische Vorbesitzer, als sie mit noch vollen Milchzitzen in der Tötungsstation abgegeben wurde“, so Wiegand: „Sie wurde vermutlich als Zuchthündin herumgereicht, ihre linke Seite ist übersät mit alten Narben.“ Aufwendige Pflege lohnt sich für die Züchter nicht: Galgos sind die todgeweihten Jagdhunde des Landes! Am Ende jeder Saison werden meist nur drei bis zur nächsten Saison durchgefüttert und mit ihnen neue Welpen gezüchtet. Durch diese Selektion erneuter sich Innerhalb von nur sechs Jahren der gesamte Bestand an Galgos im Land.

Mit der Schlinge um den Hals an einen Baum gebunden

„Sie werden aussortiert, weil sie sich bei der Jagd verletzt oder nicht gut genug waren. Fühlt sich der Galguero in seiner Ehre verletzt, weil der Hund ihn angeblich vor Jagdgenossen blamiert hat, wird das Tier mit einer Schlinge um den Hals an einen Baum gebunden, dass gerade noch die Hinterläufe den Boden berühren. Lässt die Kraft nach, erstickt der Hund qualvoll. „Weil die Galgos dabei um ihr Leben trippeln, heißt diese Methode zynisch Klavierspielen“, so Wiegand: „Früher wurde sie sehr häufig praktiziert, heute sehen wir weniger Fälle.“ Aber Galgos dürfen auch nicht zu erfahren und zu schlau sein, so Verena Wiegand: „Der Jäger hat keinen Spaß, wenn der Hase zu schnell erwischt wird.“

So paradox es klingt, Glück haben die Hunde, die der Besitzer direkt in einer der vielen Tötungsstationen abgibt, wo sie eingeschläfert werden. Doch viele Tiere sind dem Galguero die Benzinkosten für den Transport oder eine erlösende Pistolenkugel nicht wert. Dann bleiben die Hunde verletzt im Wald zurück, werden am Parkplatz oder einer Straße ausgesetzt. Oder sie werden zum Tod durch Verdursten und Verhungern an einen Baum gebunden, damit sie nicht heimlaufen, was die treuen Hunde immer versuchen. „Meine Jule wurde vermutlich so ausgesetzt, bevor sie doch in die Station kam“, so Verena Wiegand. Sie zeigt ein anderthalb Jahre altes Bild mit der völlig abgemagerten Hündin. „Die Tiere werden durch die Ausgrenzung und die Todesangst absolut traumatisiert“, so Wiegand: „Jule hat die ersten drei Tage bei mir nur in der Dusche gesessen. Ein zitterndes Häufchen Elend.“

Noch heute ist der Hund ängstlich, prüft unsicher, ob der Redakteurin, die da am Esstisch sitzt, wirklich zu trauen ist: Immer wieder kommt Jule ein paar Schritte näher, blickt den Besuch aus dunklen Augen scheu an, um dann wieder die Nähe ihres Lieblingsmenschen zu suchen. Verena Wiegand erinnert sich: „Als Jule nach ihrer Ankunft aus Spanien nach Tagen erstmals zu mir getapst kam und mich vorsichtig von hinten angestupst hat, da ist mir das Herz aufgegangen.“ Es seien diese magischen Momente, die alle Anstrengungen wert sind.

Beide Hunde begleiten sie ins Büro: „Das Vorurteil, Windhunde seien besonders nervös, stimmt überhaupt nicht.“ Ein paar Mal in der Woche müssen die Hunde ordentlich rennen können, damit ihr Körper den Botenstoff Dopamin ausschüttet, den sie zum glücklich sein brauchen, so Wiegand: „Dann sind es die pflegeleichtesten Begleiter, die man sich vorstellen kann.“ Im Büro verdösen die beiden die Zeit: „Sie können sich ganz klein machen und absolut ruhig verhalten.“

Alle Hundefreunde sind zum Münchner Galgomarsch eingeladen

Nicht nur Hundebesitzer, alle Tierfreunde sind herzlich eingeladen, am Samstag, 28. Januar 2023, am ersten Galgomarsch Münchens teilzunehmen – um möglichst viele Menschen auf das Leid der spanischen Windhunde aufmerksam zu machen. Der Marsch beginnt um 14 Uhr an der Münchner Freiheit und führt über die Leopold- und Ludwigstraße bis zum Odeonsplatz, wo es eine kleine Kundgebung geben wird, bevor es zurückgeht. Parallel finden Protestmärsche in Köln und Berlin statt, am 4.2. gehen Galgo-Unterstützer in Bremen auf die Straße. Verena Wiegand verspricht: „Egal, ob einige Dutzend oder viele hunderte Teilnehmer, auch in München werden wir jetzt jedes Jahr auf die Straße gehen, bis das Leid der spanischen Wind- und Jagdhunde endlich beendet ist!“ Infos im Internet, auf Instagram und Facebook.

Jule hat sich mittlerweile entspannt, sie ist aufs Sofa gesprungen und hat die langen Beine ausgestreckt. Immer noch aufmerksam beobachtet sie das Gespräch aus der Distanz, das zur Frage kommt: Warum ist diese Quälerei überhaupt möglich, das kann doch nicht erlaubt sein? „Leider doch“, so Verena Wiegand. Es sollte in diesem Jahr in Spanien ein sehr weitreichendes Tierschutzgesetz verabschiedet werden, nach dem alle Hunde als Familienmitglieder gelten und als fühlende Lebewesen vor Schmerz und Leid geschützt werden. Alle Hunde sollten, wie es in anderen Ländern üblich ist, registriert werden müssen, so dass ihr Schicksal nachvollziehbar wird. Doch ausgerechnet die Jagd- und Gebrauchshunde werden voraussichtlich durch eine kurzfristig eingereichte Gesetzesänderung davon ausgenommen.

So müssen die Perreras, die Tötungsstationen, weiter den 1. Februar jeden Jahres fürchten: Dem Ende der Jagdsaison, an dem sie mit Hunden überschwemmt werden. Die GALGO-HILFE e.V. arbeitet mit einer Tierschützerin zusammen, die ehrenamtlich in einer Tötungsstation bei Cadiz in Südspanien arbeitet. Normalerweise werden Fundtiere nach kurzer Zeit eingeschläfert. Hunde mit guten Vermittlungschancen jedoch werden aus der Tötung genommen, aufgepäppelt sowie von einem Tierarzt vor Ort versorgt, geimpft und kastriert. „Sind die Hunde reisefit, kommen sie nach Deutschland auf eine Pflegestelle“, erklärt Verena Wiegand: „Einige der Tiere müssen hier nämlich erst mal einen Kulturschock verkraften: Sie kennen keine Alltagsgeräusche wie Staubsaugen, Klingel oder Telefon.“ Auch Frida hat sie vor zwei Jahren auf so einer Pflegestelle in München kennengelernt: „Es war Liebe auf den ersten Blick.“ Pflegestellen haben den Vorteil, dass Interessenten die Möglichkeit haben, einen Hund wirklich kennenzulernen, bevor sie sich für ihn entscheiden. Jule dagegen kam direkt aus Spanien: „Ich war ihre Pflegestelle“, so Wiegand: „Aber dann hat sie sich so schnell in mein Herz geschlichen, dass ich sie nicht mehr hergeben wollte.“

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