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Die Show in Münster geht weiter: Niemand will die Delfine haben, sie müssen sich weiter ein Minibecken im Allwetterzoo teilen.

Tierschützer kritisieren Haltung der Tiere

Gefängnisse für Delfine

Es ist eine reine Männer-WG auf sehr engem Raum: Die drei Großen Tümmler Nando, Rocco und Palawas ziehen im Zoo Münster ihre Kreise in einem nur zehn mal 20 Meter kleinem Becken.

Seit drei Jahren steht fest, dass diese tierquälerische Delfinhaltung in Münster beendet wird. Tierschützer atmeten auf, dass wenigstens dieses Gefängnis für Delfine endlich aufgelöst wird. Doch die letzte Abschiedsvorstellung vor einer Woche war restlos ausverkauft und der Direktor kündigte an, dass es weitere Shows geben werde: Denn noch immer haben die Verantwortlichen keinen Platz für die Delfine gefunden. Männchen sind schwer vermittelbar, wie die Biologin Sandra Altherr von der Münchner Artenschutzorganisation Pro Wildlife im tz-Interview (siehe unten) erklärt. Der Deutsche Tierschutzbund kritisierte das Management des Allwetterzoos Münster scharf und reichte Klage ein.

Vor allem geht es darum, dass die Akten über die Haltung der Tiere offengelegt werden. Die Tierschützer interessiert besonders, unter welchen Krankheiten die Tiere leiden und ob sie ständig Medikamente wie z. B. Beruhigungsmittel bekommen. Wenn Münster schließt, gibt es von ehemals neun Delfinarien in Deutschland nur noch zwei, in Duisburg, wo zehn Tiere gehalten werden und in Nürnberg mit sieben Delfinen. Dort kündigte der Direktor kürzlich an, dass die Pille bei einem Delfinweibchen abgesetzt wurde und der Tierpark mit Nachwuchs noch in diesem Jahr rechne.

tz-Interview mit Dr. Sandra Altherr

Biologin, Pro Wildlife e.V.

Tierqual ist Bestandteil des Systems

Warum können Delfine in Gefangenschaft nicht artgerecht gehalten werden?

Sandra Altherr: Das größte Problem neben der sehr eingeschränkten Bewegung in diesen Becken sind die künstlich zusammengesetzten Gruppen. In der Natur leben Delfine in gewachsenen Familienverbänden. Es gibt sogar Freundschaften zwischen Delfingruppen. In Gefangenschaft werden die Gruppen willkürlich zusammengewürfelt, Delfine werden zwischen den Zoos ausgetauscht, um Inzucht zu vermeiden. Der Transport und die Eingewöhnung sind jedes Mal ein großer Stress für die Tiere. Dazu kommt, dass sich nicht alle Delfine immer mögen. Es kommt zu Aggressionen zwischen einzelnen Tieren. Schwächere Tiere können nicht ausweichen. Tiere, die sich nicht mögen, können sich nicht aus dem Weg gehen. Wenn zwei Tiere dominant sind, gibt es Kämpfe und Rangeleien.

Warum sind die Delfine aus Münster so schwer vermittelbar?

Altherr: Für die Zucht sind eher die Weibchen interessant. Männliche Tiere lassen sich nur schwer in eine Gruppe integrieren. Nürnberg hat bereits Probleme mit rivalisierenden Männchen. Deshalb legt man dort keinen Wert darauf, Nando zurückzubekommen. Rocco und Palawas stammen aus Holland. Männchen haben oft den Anspruch auf die Rolle des Alphatieres, da sind Probleme vorprogrammiert. Man fragt sich, womit haben sich die Verantwortlichen in Münster die letzten drei Jahre beschäftigt? Und ich frage mich, was passiert eigentlich mit überzähligen Tieren von Arten, bei denen keiner so genau hinschaut?

Können die Delfine ausgewildert werden?

Altherr: Das hat der Zoo selbst verneint. Allein das ist die Kapitulation vor dem Ziel, dass die Tierparks einen Beitrag zum Artenschutz leisten wollen. Die Ideallösung für diese Delfine wäre eine betreute Lagune, wo sie praktisch in natürlicher Umgebung mit viel Platz leben könnten.

Der Tierpark Nürnberg will wieder züchten. Was sagen Sie dazu?

Altherr: Dort gab es in der Vergangenheit eine hohe Sterberate bei Geburten. Und die Verantwortlichen brauchen nun einen Zuchterfolg, um den Bau der neuen Lagune zu rechtfertigen. Letztes Jahr gab es Verhandlungen über die Mindestanforderungen zur Haltung von Säugetieren. Da ging es auch um Delfine. Eine unserer Forderungen war, dass bei jedem Zuchttier klar sein muss, wo das Tier langfristig unterkommt. Die Chancen stehen 50 zu 50, dass in Nürnberg ein männlicher Delfin geboren wird, den man in einigen Jahren loswerden muss, weil er nicht in die Gruppe passt. Solche Ansprüche wischen Zoos immer vom Tisch. Und sie kommen damit durch.

Wenn man Delfine anschauen will, wo sollte man hingehen?

Altherr: In Europa gibt es viele Plätze, wo man Delfine in freier Wildbahn sehen kann. In Schottland z. B., im Mittelmeer. Ich selbst war kürzlich auf Madeira und habe Tiere frei auf dem Meer beobachtet. Wer das mal gesehen hat, geht in kein Delfinarium mehr.

SUS

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