Sie erziehen ihren Nachwuchs streng

Das geheime Leben der Bäume

Förster Peter Wohlleben gilt in der Försterszene als Rebell, weil er den Wald heute auf sanfte Art und Weise nutzt – aus Respekt vor den Bäumen und ihrem faszinierenden Leben. Jetzt hat er ein Buch über die grünen Riesen geschrieben.

Als Beamter ist der Förster Peter Wohlleben durch seinen Wald gestapft und hat im Kopf zusammengerechnet, welchen Profit die gefällten Bäume bringen würden. Doch je genauer er über die Jahre die Buchen, Eichen, Kiefern und Tannen beobachtet hat, desto wichtiger wurde ihm, dass es den Bäumen gut geht. In seinem 740-Hektar großen Revier in der Eifel weiß er genau, welcher Baum gesund ist, wer viele Freunde hat, wer seinen Nachwuchs streng erzieht und bei wem die Kleinen etwas über die Stränge schlagen. In der Försterszene gilt er als Rebell, weil er den Wald heute auf sanfte Art und Weise nutzt – aus Respekt vor den Bäumen und ihrem faszinierenden Leben: „Bäume sind gesellige und soziale Lebewesen, die ihre Kinder wohl behüten, und eifrig untereinander kommunizieren. Sie haben sogar ein Gedächtnis.“

Sprache

Bäume kommunizieren überirdisch mittels Duftstoffen und unterirdisch mithilfe von Pilzsporen, die den Waldboden durchziehen. Dabei knacken die Wurzeln leise. Die Pilze kassieren für ihr Wood-Wide-Web (Internet über Wurzeln) kräftig ab: Ein Drittel des Traubenzuckers, den der Baum in den Blättern über Photosynthese produziert, erhalten die Pilze im Boden.

Bäume sind ihren Feinden nicht wehrlos ausgeliefert, wenn Raupen ihre Blätter anknabbern, können sie Bitterstoffe in den Blättern einlagern, um diese weniger schmackhaft zu machen. Sie können mit Duftstoffen Wespen, die ihre Eier auf die Raupen legen und so von innen her auffressen. Zum ersten Mal wurden Duftbotschaften von Baum zu Baum in der Savanne Afrikas beobachtet, wo sich Akazien mit Ethylen gegen hungrige Giraffen zur Wehr setzen. Werden die Blätter an einem Baum bitter, gehen die Giraffen nicht zum Nachbarbaum, sondern fangen erst nach etwa 100 Meter erneut mit der Mahlzeit an. Duftstoffe werden nur über eine gewisse Entfernung mit dem Wind getragen. Da sind die Verflechtungen über Pilzsporen, die viele Hektar groß sein können, schon effektiver.

Freunde

Gemeinsam sind Bäume stark, als Wald halten sie Wind und Wetter besser stand, viele Bäume schaffen ein Ökosystem, das Hitze- und Kälteperioden abfedert. Daher sind Bäume sehr sozial: kranke Artgenossen werden aufgepäppelt und über Wurzelverflechtungen mit Zucker und Nährstoffen versorgt. Manchmal werden sogar die Stümpfe von Bäumen, die vor hunderten von Jahren umgefallen sind, noch weiterernährt.

Kindheit

Die Kindheit der Bäume dauert sehr lang, bei Buchen sind es gut 100 Jahren. Und wenn sie in dieser Zeit langsam wachsen, können die Bäume uralt werden. Eine einzige Buche produziert in ihrem Leben 1,8 Millionen an Bucheckern, daraus wird genau ein erwachsener Baum entstehen. Um langsam zu wachsen, wird der Nachwuchs im Dämmerlicht gehalten. Die Kronen von ausgewachsenen Buchen filtern 97 Prozent des Sonnenlichts, nur drei Prozent gelangt auf den Waldboden. Damit die Bäumchen nicht verhungern werden sie von den Eltern über die Wurzeln mitversorgt, quasi gestillt!

Ruhepausen

Wer einen Kastanienbaum im Zimmer hält, muss sich nicht wundern, wenn er eingeht. Der Winterschlaf ist wichtig für die Gesundheit, ebenso wie eine gewisse Nachtruhe. Weshalb auch Stadtbäume, die ständig im künstlichen Licht von Straßenlaternen wachsen, meist eher kränklich sind. Mit den Blättern werfen die Bäume im Herbst auch viele Schadstoffe ab. Der Förster Wohlleben vergleicht dies mit einem Toilettengang.

So langsam wie eine Qualle

Haben die Bäume in diesem heißen Sommer ständig vor Schmerzen geschrien?

Peter Wohlleben (Förster und Buchautor): Unterschiedlich, intakte Wälder federn Hitze und Trockenheit ganz gut ab. Diese Wälder können sich stark runterkühlen und einen Großteil der Feuchtigkeit halten. In so einem Wald warnen sich die Bäume gegenseitig vor Trockenheit, so dass sie dann mit dem Wasser haushalten. Aber wir haben nur sehr wenige intakte Wälder. Bäume als Einzelkämpfer hat es schon stark erwischt, viele haben richtig Durst gehabt. Am Schlimmsten trifft es die Säufer, also Bäume, die gewohnt sind, in Saus und Braus zu leben. Bäume der gleichen Art auf trockeneren Böden passiert nicht so viel. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass sie im Boden gespeichertes Wasser nicht im Frühjahr aufbrauchen, sondern teilen es sich ein. Bäume können wirklich dazulernen.

Bäume im Wald greifen sich ja gegenseitig unter die Äste.

Wohlleben: Das ist tatsächlich so. Wenn in intakten Wäldern Einzelexemplare krank werden, dann ist es nachweislich so, dass kranke Nachbarn über die Wurzeln mit einer Zuckerlösung wieder hochgepäppelt werden. Stadtbäume kämpfen jeder für sich.

Manche Menschen umarmen Bäume, ist das gut?

Wohlleben: Das ist den Bäumen wurscht. Ich glaube nicht, dass wir mit Bäumen kommunizieren können. Schön wär‘s. Ich würde meinen Bäumen ja gern mal zuhören. Alles was bisher entschlüsselt wurde, sind Kommunikationssignale zur Abwehr z.B. bei Insektenbefall. Die kann man messen. Es wäre spannend, was die Bäume von sich geben, welche chemischen und elektrischen Signale sie verbreiten, wenn es ihnen gut geht. Bäume sind extrem langsam, sie haben auch eine sehr langsame Reizleitung, die der von niedrigen Tieren wie Quallen entspricht. Ich glaube für Bäume leben wir im Zeitraffer, ungefähr so, wenn eine Fliege um uns rumsurrt. Bäumen stehen stoisch über die Jahrhunderte da, und ab und zu schwirrt mal jemand vorbei. Ob die uns überhaupt registrieren, wage ich zu bezweifeln.

Unterhaltsam und informativ: Das geheime Leben der Bäume, Ludwig-Verlag, 15,99 €

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