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Von den 250 Vogelarten, die in Deutschland brüten, sind die Hälfte Zugvögel.

Orientierung garantiert Überleben

Die Geheimnisse der Zugvögel

Zweimal im Jahr machen sich Millionen von Zugvögeln auf den Weg: Im Winter fliegen sie in wärmere Gefilde, im Sommer suchen sie die kühleren Gegenden, die mehr Nahrung bieten.

Seit einigen Jahren gibt es das Phänomen, dass klassische Zugvögel wie Störche oder Kraniche den kräftezehrenden Flug scheuen und lieber auf einen milden Winter und menschliche Fütterung hoffen. Waren es 2012 noch etwa 1000 Kraniche, die daheim blieben, schätzen Vogelkundler ihre Zahl mittlerweile auf 30 000! Gerade große Städte bieten im Winter alles, was das Vogelherz begehrt – genügend Nahrung und Wärme.

Warum fliegen Vögel Formation?

Das hängt in erster Linie von der Größe ab. Große Vögel haben eine relativ langsame Flügelschlagfrequenz, die nachfolgenden Tiere können sich anpassen und im Windschatten des Artgenossen Energie sparen. Kleine Vögel haben einen mehr schwirrenden Flug und die Tiere müssten sehr eng auf einander fliegen, um voneinander zu profitieren. Da funktioniert das Kräftesparen nicht. Die Kleinen sind daher auch oft als Einzelkämpfer unterwegs.

Früher Vogelzug – harter Winter?

Dazu sagt die Ornithologin Sophia Engel vom Landesbund für Vogelschutz: „Vögel nehmen mehr wahr, sie spüren Luftdruckveränderungen, wenn z.B. ein großräumiges Tief heranzieht. Auf solche Veränderungen reagieren sie. Aber dass sie Monate in die Zukunft fühlen können, halte ich für ausgeschlossen.“

Wie orientieren sich Zugvögel?

4500 Storchenpaare brüten in Deutschland, immer mehr überwintern schon hier, doch die meisten ziehen gen Süden.

Vieles ist noch unbekannt. Aber neueste Forschungen zeigen, dass sich z. B. Rotkehlchen schon in den ersten Lebensmonaten den Sternenhimmel einprägen. Die Vögel orientieren sich außerdem an den Feldlinien des Erdmagnetfelds, das sie wahrnehmen können: eine Art magnetischer Kompass, den sie mithilfe eines Magnetsensors auf der Netzhaut wahrnehmen. Tagsüber nutzen die Vögel zusätzlich den Stand der Sonne zur Orientierung. Meist nehmen die Vögel nicht die kürzeste Route, sondern sie fliegen oft Umwege, nutzendabei aber geschickt Windströme, sodass sie deutlich schneller ans Ziel kommen. Diese besonders ökonomischen Routen werden von vielen Vögeln genutzt, sodass sich regelrechte Vogelstraßen ausgebildet haben, die natürlich auch die Jäger kennen

Wie schnell ist die Reise?

Das ist ganz unterschiedlich. Kraniche fliegen 50 bis 70 Kilometer in der Stunde. Ein Kuckuck schafft nur etwa 50 Kilometer am Tag. Aber dafür ist er besonders ausdauernd: Mit einer Flugstrecke von 8000 bis 12 000 Kilometern legt er einen besonders weiten Weg zwischen seinen Wohnsitzen in Deutschland und Afrika zurück.

Tipps zum Erkennen

Besonders eindrucksvoll sind die Züge von Kranichen und Wildgänsen. Beide fliegen in Keil- bzw. V-Formation. Sie sind dennoch gut zu unterscheiden: Kraniche sind größer, legen zwischendurch Segelphasen ein und nutzen die Thermik zum Aufstieg. Oft stoßen sie einen laut trompetenden Ruf aus. Gänse haben einen schnatternden Ruf.

Interview: Milder Herbst – weniger Fluglust?

Dr. Sophia Engel ist Ornithologin beim Landesbund für Vogelschutz in München. Die tz fragte sie zur aktuellen Lage: Der Herbst war sehr mild, sind viele Zugvögel länger hier geblieben? 

Dr. Sophia Engel Ornithologin (LBV)

Sophia Engel: Die Vögel, die weit in ihre Wintergebiete z. B. nach Afrika ziehen, richten sich nicht nachdem aktuellen Wetter. Sie haben einen starren Jahresablauf und fliegen ab, wenn die Tagekürzer werden. Dazu zählen Mauersegler, Schwalben, aber auch Grasmücken, Gartenrotschwänze und Kuckuck. Vögel, die nicht so weit wegziehen, können flexibler reagieren. Das sind z. B. Ringeltauben und Saatkrähen. Sie harren oft aus, bis es ihnen zu ungemütlich wird. Bei uns ist das Wetter ja gerade sehr vogelfreundlich. Aber in Skandinavien und den nördlichen Brutgebieten ist es gerade ungewöhnlich kalt. Da sind die Vögel schon frühzeitig abgezogen. Der Bergfink ist einer davon. Er brütet nicht bei uns und kommt im Winter mal in geringen, mal in großen Zahlen vor. In diesem Jahr sind wegen des kalten Herbstes schon viele Bergfinken hier gesichtet worden. Wir haben viele Überwinterungsgäste. Ein wichtiger Faktor für den Lebensraum in Deutschland ist, wie gut ein Vogel Nahrung findet. Da kann jeder Gartenbesitzer dazu beitragen, indem Staudenstengel mit Samen stehen bleiben und Hecken nicht geschnitten werden, wenn sie voller Hagebutten und Beeren hängen. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen mit dem Blick eines hungrigen Vogels durch den Garten gehen und manche Arbeiten einfach liegen lassen.

Immer mehr Zugvögel sparen sich die anstrengende Reise. 

Engel: Das trifft natürlich besonders auf die Kurz- und Mittelstreckenzieher zu. Ein ganz berühmtes Beispiel ist die Mönchsgrasmücke, die zum Teil hier bei uns bleibt und zum Teil als ganz neue Tradition nach England zieht. Sie fliegt von uns aus nach Nordosten, was von der Richtung her ja total widersinnig ist. Aber weil die Winter dort mild sind und viel gefüttert wird, hat sich dieser neue Vogelzug etabliert. Schwieriger ist es bei Langstreckenziehern oder den Arten, die das ganze Jahr auf Insektenfutter angewiesen sind. Nur Körnerfresser oder Arten, die im Winter als Vegetarier überleben können, können überhaupt hierbleiben, so wie die Meisen. Das ist bei einer Gartengrasmücke nicht denkbar, die muss einfach weg.

Was kann man jetzt noch sehen?

Engel: Es gibt nach wie vor noch Meldungen von Kranichen. Das ist in Bayern eine ganz neue Entwicklung, die Kraniche haben nämlich ihre Route geändert. Der Kranich ist intensiv geschützt worden und konnte seine Brutgebiete im Norden und Nordosten von Europa aus dehnen. Die Tiere von dort fliegen jetzt südlicher über Deutschland als früher. Kraniche fliegen oft nach Spanien. Kraniche und Gänse fliegen in Formation und sogar im Familienverband. Die Kleinen lernen dabei von den Eltern

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