Keine Angst hat dieser Bub vor dem großen Hüpfer auf seiner Hand: Wie Grillen und Zikaden sind Heuschrecken harmlose Musikanten.

Insekten: Musikanten mit sechs Beinen

In den Bäumen tirilieren sie jetzt wieder. Doch die Vögel sind nicht die einzigen Sänger im Tierreich. Große Musikanten gibt es auch unter den Kleinsten: die Insekten.

Auf der Wiese ist es noch still. Doch in der Zoologischen Staatssammlung in München zirpt es schon. Hier sind nämlich die „Singenden Insekten“ eingezogen. Klaus Schönitzer hat die Ausstellung nach München geholt. Er ist Zoologe und weiß über die Sechsbeiner gut Bescheid.

Welche Insekten können singen?

Sie sirren und flöten, pfeifen und trommeln. „Singen ist eigentlich nicht das richtige Wort“, sagt Schönitzer. Doch sind viele Insekten ausgezeichnete Musikanten. Berühmt für ihre Kunst sind die Singzikaden, die in warmen Ländern wohnen. Doch auch Heuschrecken und Grillen sind große Tonkünstler.

Ihre Instrumente sitzen meist direkt am Körper. Manche Insekten ziehen eine Art Kamm über eine Kante – wie einen Bogen über eine Saite. Wenn du dich im Sommer an einen Grashüpfer anpirschst, kannst du beobachten, wie er sein Instument spielt: Manche reiben ihre Flügel aneinander. Bei anderen sitzt der Kamm am Bein, das sie über die Flügelkante ziehen. Zikaden nützen dagegen einen Klick-Mechanismus. „Wie bei einem Spielzeugfrosch aus Blech“, erklärt Schönitzer. Nur dass die Zikade so schnell klickt, dass es sich wie ein Schnarren anhört. Wieder anders musiziert die Eichenschrecke. Sie benützt ihre Hinterbeine als Schlegel und trommelt auf ein Blatt. Furchteinflößend klingen die Fauchschaben, wenn sie Angst haben. Dann klingen sie wie eine Katze.

Warum machen Insekten Musik?

Der laute Gesang ist für die kleinen Musikanten nicht nur anstrengend. Er ist auch gefährlich. Denn durch die Töne verraten sich Grillen und Heuschrecken, die sonst gut getarnt im Gras oder in Höhlen sitzen. Die Musik macht es etwa Vögeln leichter, sie zu finden.

Dennoch zirpen Zikaden und Heuschrecken, als ginge es um ihr Leben. Und um das geht es auch, zumindest um das ihrer Kinder. Denn nur wer ein guter Musiker ist, hat Glück bei den Frauen. Die wählen sich ihren Bräutigam nämlich vor allem nach den Gesangskünsten aus. Doch musizieren die Tiere nicht nur, um Frauen zu bezirzen. Einem Männchen sagt das Lied: „Weg mit dir! Dieses Revier ist besetzt.“ Manche Insekten warnen sich auch gegenseitig vor Feinden.

Jedes singende Insekt hat dabei seine eigene Musik. Wenn du deine Ohren spitzt, kannst du lernen, ihre Lieder zu unterscheiden. Ein Experte hört sofort, ob im Gras ein Grünes Heupferd sitzt oder eine Zwitscherschrecke. „Am Gesang kann man sie sogar besser unterscheiden als am Aussehen“, sagt Schönitzer. Alle kennt aber auch kaum ein Forscher: Allein von den Heuschrecken gibt es etwa 20 000 Arten.

Wie fängt man eine Grille?

Kinder sitzen lauernd vor einem kleinen Loch in der Erde. Der eine hat einen Grashalm, der andere eine Flasche mit Wasser. Der Dritte hält einen Minikäscher. Die Kinder sind auf der Jagd. Ihre Beute: eine Grille.

„Früher habe ich auch Grillen gejagt“, erzählt Dr. Jung- Shuhn Yang. Er stammt aus Taiwan und hat die Ausstellung in der Zoologischen Staatssammlung entworfen. In seiner Heimat ist die Grillenjagd ein beliebtes Kinderspiel. Dazu braucht man gute Ohren. Mit deren Hilfe und dem Kennerblick finden die Kinder den Eingang zur Grillenhöhle. Dort liegt am Rand oft ein Erdhäufchen. Die Kinder versuchen dann mit dem Grashalm die Grille herauszukitzeln. Klappt das nicht, hilft eine Überschwemmung. Der kleine Musikant taucht auf – und landet im Käscher.

Die Kinder lassen die Grillenmänner dann gerne kämpfen. Die Arena ist ein Käfig. Wird der Schieber in der Mitte geöffnet, geht es los. Der Verlierer verkrümelt sich am Ende ängstlich in einer Ecke. Der Gewinner zirpt ein Siegeslied.

Wo hält man Grillen als Haustiere?

Der Käfig wäre selbst für einen Spatz zu eng. Ein anderer Sänger fühlt sich hier allerdings durchaus wohl: In vielen Ländern Asiens halten nicht nur viele Kinder Grillen als Haustiere in kleinen Dosen oder Käfigen. Die Tiere brauchen nicht viel: etwas Wasser und Reis genügt – und man hat etwa 100 Tage lang einen musizierenden Gefährten im Haus. Länger leben die meisten erwachsenen Grillen leider nicht. „Früher waren sie auch hierzulande als Haustiere sehr beliebt“, erzählt Schönitzer. In der Ausstellung ist auch ein blau-rotes Häuschen zu sehen – der Grillenkäfig stammt aus dem bayerischen Berchtesgarden.

„Am besten man hält zwei Grillen – allerdings in zwei Käfigen“, sagt Schönitzer. Sonst kämpfen sie. So fordern sich die Männchen nur zum musikalischen Wettstreit heraus – und zirpen noch lauter.

Welche Zikaden zirpen zu Milliarden?

Viele Jahre fehlt jede Spur von ihnen. Doch plötzlich surren sie zu Milliarden durch die Luft, hängen in Trauben an Bäumen und singen im Chor. In Nordamerika gibt es Zikaden, die nur alle 13 oder 17 Jahre auftauchen. Und das nur wenige Wochen lang. Doch wo sind die Zikaden in der Zwischenzeit? „Sie leben unter der Erde“, erklärt Schönitzer. Als Larven ernähren sie sich dort von Wurzeln. Die erwachsenen Tiere schlüpfen dann fast zur gleichen Zeit, paaren sich und legen Eier – der Kreislauf beginnt neu.

Dass die Zikaden genau alle 13 oder 17 Jahre auftauchen, ist kein Zufall. Die Zahlen 13 und 17 sind Primzahlen. Das heißt, man kann sie nur durch sich selbst oder durch eins teilen. Nun gibt es aber Tiere, denen die Zikaden nur ungern begegnen, nämlich gefräßige Parasiten. Die schlüpfen aber alle zwei, drei oder fünf Jahre. Es kann zwar mal passieren, dass die Zikaden in einem Jahr schlüpfen, in dem es auch Parasiten gibt. Das nächste Mal sind sie dann aber garantiert vor ihnen sicher. Wegen der Primzahl!

Wie schmecken Heuschrecken?

Etwas nussig und lecker: So beschreiben Liebhaber den Geschmack. „Knusprig wie Pommes“, meint Schönitzer. Er hat selbst in Taiwan Heuschrecken probiert – und fand sie „tadellos“. Eine Delikatesse sind Heuschrecken und frisch geschlüpfte Zikaden aber nicht nur dort. Ob in Afrika, Südamerika oder China – überall, wo es viele dieser Tiere gibt, schätzen die Menschen sie auch in der Küche. Heuschrecken sind nämlich nicht nur leicht zu züchten, sondern auch gesund. Sie enthalten viel Eiweiß und kaum Fett. In Taiwan kann man sie sogar im Supermarkt kaufen – in Dosen.

SONJA GIBIS

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