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Auf's Altenteil abgeschoben: Auch alte Tiere brauchen ganz viel Liebe.

Münchner Tierheim wird zum Altersheim

Jugendwahn: Immer mehr alte Tiere werden ausgesetzt

München - Vielen Tierbesitzern ist die Pflege ihres alten Tieres einfach zu viel - die "Oldies" landen im Tierheim. Darüber haben wir mit Judith Brettmeister vom Münchner Tierheim gesprochen.

Bei sehr großen Hunden muss man ab dem sechsten Lebensjahr mit Altersbeschwerden rechnen, kleine Hunde plagen ab neun Jahren die ersten Zipperlein. Hauskatzen, die leicht 15 Jahre werden können, gelten ab etwa neun Jahren als alt. Im Alter müssen Tiere genauer beobachtet, regelmäßig abgetastet und vom Tierarzt angeschaut werden. Denn mit den Jahren kommen die Zipperlein: Hunde leiden vermehrt unter Arthrose, Katzen bekommen eher Stoffwechselprobleme. Medikamente können meist gut helfen, dennoch ist das vielen Haltern offenbar zu mühsam oder schlicht zu teuer, wie Judith Brettmeister im tz-Interview vermutet. Der deutsche Tierschutzbund schätzt, dass jedes Jahr 210 000 Tiere ausgesetzt werden, sehr oft sind es alte Katzen und auch Hunde: Jugendwahn auch bei den Tieren!

Früher hat man es sich einfach gemacht: Ein Lebensjahr von Hund und Katze wurde in sieben Menschenjahren umgerechnet. Doch weil Tiere anders altern als Menschen, gilt diese Faustformel als überholt, die ersten Lebensjahre des Tieres müssen stärker gewichtet werden. Bei Hunden gilt Folgendes: Das erste Lebensjahr entspricht zwölf bis 15 Menschenjahren (je nach Größe des Hundes), das zweite Hundejahr zählt sechs Jahre, alle weiteren Jahre zählen je fünf Jahre. Das Lebensalter von Katzen wird so umgerechnet: Nach sechs Monaten ist das Tier zehn Menschenjahre alt, ein Katzenjahr entspricht 15 Menschenjahre, nach zwei Jahren ist die Katze in Menschenjahren schon 24, danach zählt jedes weitere Katzenjahr etwa vier Menschenjahre.

Wie alt ist Ihr Tier in Menschenjahren?

Wird das Tierheim München zum Altersheim für Tiere?

Judith Brettmeister: Wir haben tatsächlich immer mehr alte Tiere, die ausgesetzt aufgefunden wurden. Sehr häufig handelt es sich um betagte Katzen, die immer auch eine tierärztliche Betreuung brauchen, weil sie chronische Wehwehchen haben: Sie sind nierenkrank oder brauchen Schilddrüsenmedikamente. Wir vermuten, dass den Besitzern das auf Dauer zu mühsam und zu teuer ist. Aber wir erhalten auch unheimlich viele von der Polizei beschlagnahmte Hundewelpen. Bei den Hunden bekommen wir also sehr junge Welpen, bei den Katzen überwiegend alte Tiere. Beides führt dazu, dass unsere Tierarztkosten im vergangenen Jahr explodiert sind. Zudem wünschen wir uns dringend mehr Platz und bitten um Spenden für unser neues Katzenhaus. 150 Katzen können komfortabel bei uns wohnen, zurzeit haben wir jedoch über 200 Katzen. Die Tiere sind zum Teil im Keller untergebracht, zum Teil in zu kleinen Boxen. Das ist für ein bewegungsfreudiges Tier ein Trauerspiel.

Haustiere müssen gechipt oder früher tätowiert sein. Da müsste es doch einfach sein, die Besitzer zu finden.

Brettmeister: Nach der EU-Haustierverordnung müssen die Tiere gechipt sein, eine Tätowierung reicht nicht mehr aus. Doch wir stellen fest, dass erstaunlich viele Katzen gar nicht gekennzeichnet sind. Und wenn sie z. B. einen Chip haben, dann haben die Besitzer ihre Tiere nicht registrieren lassen. Das ist – für mich völlig unverständlich – nicht vorgeschrieben. Bei den jungen Hunden, die mit sechs Wochen über die Grenze geschmuggelt werden, sind alle Papiere gefälscht. Denn gegen Tollwut kann ja erst mit zwölf Wochen geimpft werden. Ein Problem sind auch die Katzenwelpen, die oft viel zu früh ins Freie gelassen werden und dann den Weg nicht mehr heimfinden. Wir haben hier z. B. eine Heilige Birma, eine traumhaft schöne Katze, die erst circa zwölf Wochen alt ist. Die Leute sind einfach unbedarft. Eine Katze muss erst kastriert sein und mit etwa einem halben Jahr kann man sie guten Gewissens rauslassen.

Tiere aussetzen ist strafbar. Wie werden Tierhalter zur Rechenschaft gezogen?

Brettmeister: Selbst wenn man den Besitzer findet, passiert nichts. Die Staatsanwaltschaft ist überlastet. Deshalb fordern wir seit Jahren das Verbandsklagerecht, damit wir als Tierheim die Rechte der Tiere einklagen können.

Vermitteln sich alte Tiere schwerer als junge? 

Brettmeister: Nicht unbedingt, es gibt viele Menschen, die eine sehr soziale Ader haben. Aber diese Menschen haben oft nur wenig Geld, da können regelmäßige Tierarztkosten schon zu teuer sein.

sus

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