Die Schimpansen entdecken den Schnee – sie wurden dabei von ihren Pflegerinnen betreut.

Tiersprechstunde

Leben mit Behinderung 

Angst macht unsicher. Schlechte Erfahrungen lassen uns vorsichtig werden. Denn das kennt jeder von uns: Wer schlimme Erlebnisse verarbeiten muss, macht bei Veränderungen dicht.

Michael Aufhauser

Leben lieben. Aiderbichl

Und manch einer reagiert mit Panik auf unbekannte Situationen. Ein Trauma lässt sich nicht leicht wegstecken.

Psychisch krank

Das gilt auch für unsere 37 Ex-Labor- Schimpansen, die im Gut Aiderbichl Affen Refugium nahe Wien leben. Sie sind seit 2009 unter unserem Schutz. Die meisten von ihnen verbrachten drei Jahrzehnte eingesperrt in engen Käfigen im Versuchslabor. Viel ist inzwischen passiert und ihr Trauma verblasst langsam. Trotzdem haben wir lange überlegt, ob wir ihnen schon wieder etwas Neues zutrauen können: Den Schnee! Unsere Entscheidung warspontan. Letzte Woche, an einem etwas wärmeren Tag öffneten wir alle Schuber. Draußen erwartete sie eine dicke Schneedecke. Würden sie es wagen?

Es war für uns alle eine große Überraschung. Die Männchen nahmen zunächst den Weg am grünen Rand entlang und steckten ab und an prüfend einen Finger in den Schnee. Der Schnee war wie ein Schatz, den es zu horten galt: Sie trugen ihn händeweise, wie wertvolle Fundstücke, hinein in die Innenanlage und trauten sich dann immer tiefer ins schneebedeckte Gelände hinein. Die Weibchen reagierten mutiger. Sie begutachteten die neue Lage kurz und staksten dann entschlossen durch die weiße Pracht, um Platz auf den Kletterbäumen zu nehmen – völlig unbefangen.

Ihr Verhalten hat uns alle in Erstaunen versetzt. Und weil die Schimpansen uns so ähnlich sind, ist es keine schlechte Idee, sich von ihrer Souveränität inspirieren zu lassen.

Gelähmt: Der Rollstuhl macht ein Leben möglich

Es mag erbarmungswürdig aussehen, doch: „Mit Rollstühlen für querschnittsgelähmte Hunde kann man eine sehr hohe Lebensqualität erreichen“, sagt die Tierärztin Barbara Schneider. Wenn ein Hund durch eine Krankheit oder nach einem Unfall querschnittsgelähmt ist, wäre er zur Bewegungslosigkeit verdammt. Sein Leben wäre nicht mehr lebenswert. Mittlerweile gibt es viele Rollstuhlmodelle, die den Tieren eine große Beweglichkeit ermöglichen – sodass der Hund wieder einer Katze nachjagen kann.

Amputiert: Handicap? Für wahre Freunde kein Problem

Der junge Tobi ist von Geburt an taub. Auf Gut Aiderbichl muss er nicht hören, umseinebesteFreundin fürs Leben zu finden: Mit Desilie versteht er sich ohne Laute, die beiden kommunizieren über Gerüche, übers Fellknabbern und Sichbelecken. Desilie war krebskrank, und ihr musste ein Bein amputiert werden. Ihr Besitzer war absolut entsetzt und forderte den Tierarzt auf, die Hündin einzuschläfern: „Mit einem dreibeinigen Hund muss ich mich ja immer schämen.“ Dies hörte ein Mitarbeiter von Gut Aiderbichl, der mit einem Tier bei dem Arzt war. Der Arzt weigerte sich, Desilie einzuschläfern, Gut Aiderbichl erklärte sich bereit, den Hund aufzunehmen.

Taub: Micky ist taub und mag lieber Hunde 

Die Katze Micky ist ein sehr vorsichtiges Tier, sie kann überhaupt nichts mehr hören und hat sich daher zurückgezogen. Micky lebt bei Dieter Ehrengruber, dem Geschäftsführer von Gut Aiderbichl. Andere Katzen mag sie nicht in ihrer Nähe, dafür genießt sie die Nähe der vier Hunde im Haushalt. Dieter Ehrengruber kann das gehörlose Tier mit Schattenspielen aus der Reserve locken: Scheint die Sonne, kann er durch das Bewegen einer Glastür, Schattenspiele erzeugen, denen Micky aufgeregt hinterherspringt.

Tierbesitzer machen sich große Sorgen

Verändert eine Behinderung das Verhalten eines Tieres?

tz-Interview mit Barbara Schneider

Fachtierärztin für Verhaltenskunde

Dr. Barbara Schneider: Das kommt drauf an. Katzen mit Erblindung kommen zum Teil hervorragend zurecht. Bei reinen Wohnungskatzen merken die Besitzer oft gar nicht, dass die Katze erblindet ist, bis auf einmal die Möbel umgestellt werden. Die Katze denkt, der Sessel steht noch am selben Ort und versucht hinaufzuspringen, und fällt ins Leere. Wird ein Hund langsam taub, fällt es den Besitzern meist auf, weil sie immer lauter werden müssen, bis der Hund reagiert. Wird ein Hund taub geboren, ist das nicht immer auffällig. Ich hatteeinmalinmeiner Praxis eine Harlekin- Dogge, die im Tierheim abgegeben wurde, weil sie nicht gehorsam genug war. Es war nicht bemerkt worden, dass das Tier nicht hören konnte.

Gibt es Zeichensprache für Tiere?

Schneider: Ich empfehle immer, von Anfang an mit den Hunden Hör- und Sichtzeichen zu trainieren. Also den Zeigefinger hochheben und „Sitz!“ sagen. Sichtzeichen sind für Hunde leichter zu verstehen, sie sind beständiger als Hörzeichen. Unsere Stimme ist sehr von unseren Stimmungen abhängig und falls der Hund später taub wird, kann er die Sichtzeichen schon.

Nutzen blinde Hunde den Geruchssinn stärker?

Schneider: Hunde leben in einer geruchsorientierten Welt und orientieren sich auch blind in der Regel sehr gut. Schwer fallen ihnen Interaktionen mit anderen Hunden, da ihnen die komplette Körpersprache fehlt. Eine Klientin von mir hatte zwei Hunde, der Rangniedere wurde blind, und es kam zu Aggressionen. Dort passierte folgendes: Wenn der Ranghöhere nun kam und den anderen Hund angestarrt hat, damit er aus dem Weg geht, konnte der rangniedere Hund das nicht mehr sehen und entsprechend reagieren. Der ranghöhere Hund fühlte sich ignoriert und ist stärker in seiner Drohung geworden. 

Eine Möglichkeit ist, dem ranghöheren Hund ein Glöckchen ans Halsband zu binden, damit der andere Hund ihn besser kommen hört.

Sind Halter schockiert, wenn ihr Tier behindert ist?

Schneider: Werden Tiere behindert geboren, gibt es oft große Sorgen, ob sie ein lebenswertes Leben haben können. Diese Überlegung wird vor allemauch dann angestellt, wenn eine Gliedmaße amputiert werden muss. Hundehalter werden ja ständig auf den „armen“ dreibeinigen Hund angesprochen. Ich denke, dass die allermeisten Tiere sehr gut mitihrerBehinderung zurecht kommen. Katzen brauchen meist ein, zwei Wochen nach einer Gliedmaßenamputation, um sich auszubalancieren, aber dann können sie meist wieder Mäuse fangen oder sogar auf Bäume klettern. Aus der Schweiz gibt es eine Studie, in der Tierbesitzer gefragt wurden, ob sie die Entscheidung ihrem Tier eine Gliedmaße zu amputieren, wieder so treffen würden. 95 Prozent haben mit Ja geantwortet.

Werden Tiere auch dement? Schneider: Hundealzheimer ist häufiger als man denkt. Erkennen Hunde die Halter nicht mehr? Schneider: Das ist eines der Symptome, und das stresst die Besitzer enorm. Sie kommen heim und wissen nicht, ob der Hund sich freut, dass sie da sind, oder ob er sie verbellt, weil er sie für Fremde hält. Die Beziehung zwischen Mensch und Tier ist nicht mehr da, es gibt oft kaum noch soziale Interaktion. Der Kamerad, der Freund seit Jahren ist plötzlich nur noch eine leere Hülle. Mit Medikamenten und einer Futterumstellung kann man da zu Beginn der Erkrankung noch viel erreichen. Natürlich kann man den Verfall nur bremsen, heilen können wir ihn nicht: Die Frage ist immer, wie hoch ist die Lebensqualität des Tieres, bzw. wie lange bleibt sie akzeptabel?

 

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