Professor Michael Schrödl lehnt an einem Regal mit in Gläsern konservierten Meerestieren
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Professor Michael Schrödl in der Zoologischen Staatssammlung

Münchner Professor Michael Schrödl erklärt, wie uns Artenschutz retten kann

Die Natur ist eine wahre Schatzkiste

  • Susanne Stockmann
    vonSusanne Stockmann
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Arten- und Klimaschutz gehören zusammen. Die meisten Tierarten werden aussterben, bevor wir sie überhaupt entdeckt haben. Der Professor der Zoologischen Staatssammlung erklärt, warum wir dennoch nicht auf das Reisen verzichten sollten.

Professor Dr. Michael Schrödl ist dreifacher Vater und arbeitet in München an bei der Zoologischen Staatssammlung. Sein besonderes Interesse gilt den Weichtieren der Meere. Doch auch auf dem Festland kennt er sich bestens aus. Und sagt: Zum Klimaschutz gehört auch das Reisen. Warum das?

Herr Prof. Schrödl, warum gehört für Sie Reisen unbedingt zum Umweltschutz?
Michael Schrödl: Weil eine größere Verbundenheit mit der Natur nur draußen und beim Unterwegssein entsteht. Ich finde Reisen wichtig, man muss es eben natur- und menschenverträglich tun. Nicht als Pauschalurlauber ständig irgendwohin jetten, und vor Ort nichts mitkriegen außer einem Sonnenbrand. Individuell unterwegs sein, Land und Leute kennenlernen. Für mich wäre es heute undenkbar, mit einem ölfressenden Schrottauto durch Chile zu reisen, wie ich es als Student gemacht habe. Aber reisen werde ich weiterhin, möglichst umweltbewusst und CO2-kompensiert natürlich, und das empfehle ich auch jedem.
Ihr Kerngebiet sind Schnecken. Sie wissen also, was 2021 für ein Schneckenjahr wird?
Schrödl: Das würde ich gern wissen, weil ich es auch nicht mag, wenn mein Salat und die Blumen weggefressen werden. Die letzten trockenen Jahre waren schlecht für die Nacktschnecken. Gefährlich werden ihnen zudem strenge späte Fröste, doch dafür war es nicht kalt genug. Es wird wohl nur wenige hungrige Schnecken erwischt haben, die bereits aus ihrem Winterquartier gekrochen sind. Das Problem liegt aber woanders.
Wo denn?
Schrödl: In unseren Gärten gibt es kaum noch Tiere, die junge Nacktschnecken fressen. Sie sind beliebte Beute für Igel, Ringelmäuse, Kröten oder Laufkäfer. Wenn die fehlen, können die Nacktschnecken ungestört wachsen und sich vermehren.
Und wofür sind Nacktschnecken gut?
Schrödl: Wegschnecken sind die Geier der Gärten! Sie fressen Aas, zum Beispiel eine Maus, die von der Katze getötet und liegengelassen wurde. Sie vertilgen aber auch Kot samt aller Bakterien und Parasiten und verwandeln ihn in Kompost. Zudem sind sie wirklich nicht blöd: Sie riechen leckere Nahrung aus 40 Meter Entfernung und können gut kalkulieren, wann ihnen ein Boden zu trocken wird und sie umkehren müssen.

Diesen großen Nutzen in der Natur haben Mücken

Apropos nützlich: Wozu brauchen wir Mücken?
Schrödl: Die Mücken entwickeln sich als Larven zunächst im Wasser und sind dort sogenannte Fischnährtiere. Wären die Gewässer ungestört, dann gäbe es bei vielen Larven – also bei viel Beute – ruckizucki viele Räuber, und es würde sich ein Niveau einpendeln ohne große Spitzen, die wir als Plage wahrnehmen. Ökosysteme sind ungeheuer komplex. Erst, wenn etwas fehlt, merkt man, was für ein Schaden entsteht.
Können Sie noch ein Beispiel geben?
Schrödl: Nehmen wir die Bären in Alaska, die dort Lachse fressen und dann ihre Häufchen im Wald machen. Dadurch wird der Wald mit speziellen Mineralien gedüngt. Fehlen die Bären oder die Lachse, leiden die Bäume. Viele Folgen hat man vorher nicht auf dem Schirm.
Wie steht es mit dem Artenschutz in Pandemiezeiten?
Schrödl: Aktuell ist er nicht vorhanden. Man konzentriert sich auf ein paar große bekannte Arten. Selbst das Insektensterben reduziert sich im Bewusstsein auf die Honigbiene, die ja ein Haustier ist und immer in Obhut des Menschen überlebt. Dabei sind weltweit bisher 1,5 Millionen Tierarten entdeckt, aber wir vermuten, dass es in Wirklichkeit drei bis 100 Millionen sind. In Bayern zum Beispiel kennen wir knapp 40 000 verschiedene Tiere, aber es gibt wohl ein Drittel mehr! Viele Arten hat man genetisch schon entdeckt, aber wir wissen noch gar nicht, wie die eigentlich ausschauen, wie und wo sie leben.
Und wie entdeckt man sie genetisch?
Schrödl: Ganz einfach, wir Artenforscher kratzen zum Beispiel von einem Windrad den Insektenmatsch ab, oder wir nehmen eine Bodenprobe, dann machen wir ein DNA-Barcoding und vergleichen die Sequenzen mit denen, die wir in der Datenbank haben. Dann finden wir rund 70 Prozent bekannte Tierarten, aber 30 Prozent kennen wir nicht.
Das sind dann Motten - oder so...
Schrödl: Genau, das sind Kleintiere wie Mücken, Fliegen, Motten, kleine Bodenlebewesen. Früher glaubte man, Deutschland sei weitgehend erforscht. Darum bin ich als Student ja auch nach Chile gereist, weil ich dachte, dort gebe es mehr zu entdecken. Wir lagen völlig falsch. Wer eine neue Art finden will, muss nur den nächsten Busch am Waldrand genau untersuchen! Die globale Natur ist eine wahre Schatzkiste. Mit den Möglichkeiten der Genetik haben wir die Schlüssel, um sie zu öffnen.
Und passiert das?
Schrödl: Leider nein, es fehlt an Fachleuten und an Geld. Dabei sollte es uns interessieren, wenn es um Lebewesen im Meer geht, die antibiotische Eigenschaften haben oder über Regulierungsmechanismen verfügen, dass sie niemals Krebs bekommen.

Begeisterung für die Genialität der Natur wecken

Michael Schrödl ist begeistert von der Genialität der Natur – und gibt sein Wissen an Kinder, Studenten und Leser gerne weiter. Der dreifache Familienvater ist überzeugt: „Nur mit Emotionen können wir die Welt retten.“ Der Münchner ist noch optimistisch, dass das klappt. „Ich habe noch nie jemanden getroffen, der sagt, ihm seien die Tiere und die Umwelt egal.“ – Drei Buchtipps von Michael Schrödl: Schneckenplage muss nicht sein, BoD-Verlag, 14,95 Euro – Unsere Natur stirbt, Komplett Media, 18,00 Euro.– Don Arturo: Der Herr der Nacktschnecken, ein Artenforscher-Roman aus Chile, BoD-Verlag, 16,99 Euro. Mehr von Professor Schrödl gibt es auch auf Youtube.

Ist während der Pandemie etwas besser geworden?
Schrödl: Anfangs schien es, als würde Treibhausgas eingespart werden. Aber der Ausstoß ist global schon wieder auf Vor-Corona-Werten. Als positiv habe ich zunächst empfunden, dass die Politik auf die Wissenschaft zu hören schien. Aber schon jetzt sieht man, dass es immer weniger um Erkenntnisse geht, die sich ja auch wandeln können. Die Gesellschaft wird müde. Genau die gleichen Mechanismen greifen bei der Diskussion zum Klimawandel.
Ein Ausblick: Können wir die Krise meistern?
Schrödl: Pandemien kriegen wir in den Griff, die molekulare und genetische Wissenschaft hat rasante Fortschritte gemacht. Besorgt bin ich bei unseren Lebensgrundlagen: saubere Luft, genügend Trinkwasser, fruchtbare Böden. Ohne Böden wächst nichts. Doch viele unsere Ackerflächen sind tot, da lebt nichts mehr. Da wird Dünger und Pestizide draufgegeben, weil sonst nichts gedeihen würde. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Man spricht von einem Verlust an bewirtschaftetem Land von einem bis zwei Prozent im Jahr. Wenn ein Ökosystem leidet, hat das Auswirkungen auf die Zivilisation. Dass im Meer in wenigen Jahrzehnten mehr Plastik schwimmt als Fische, klingt erstmal kurios, ist aber einfach nicht gut für uns.

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