Professor Martin Wikelski mit einer der Ziegen, die mit einem Sender ausgerüstet wurde.

Professor forscht

Sechster Sinn: Warnen Ziegen vor Vulkanausbrüchen?

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München - Können Tiere Naturkatastrophen tatsächlich vorausahnen? Dieser spannenden Frage widmet sich Dr. Martin Wikelski und untersucht dazu Ziegen am Vulkan Ätna. Mit verblüffenden Ergebnissen.

Geschichten über den sechsten Sinn von Tieren – über deren magische Fähigkeiten, Naturkatastrophen intuitiv zu erspüren, gibt es viele: Die Elefanten, die beim Tsunami 2006 ins Landesinnere marschierten. In einem indonesisischen Sprichwort heißt es sinngemäß: „Wenn die Tiere verrückt spielen, lauf weg vom Meer und flüchte ins Hochland.“ Die Frage, ob Tiere die Gefahren wirklich erfühlen können, soll anhand eines Forschungsprojekts beantwortet werden. Professor Martin Wikelski, Direktor am Max- Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell, erforscht gerade am Ätna, ob Ziegen zur Vorhersage von Vulkanausbrüchen eingesetzt werden können.

Die Tiere stammen von dortigen Hirten, die ihre Tiere auf den fruchtbaren Hängen des aktivsten Vulkans in Europa weiden lassen. Anhand von speziell entwickelten Sendern wird genau aufgezeichnet, wie und wo sich die Tiere bewegen. Und mit dieser Technik ist der Professor gut vertraut, erforscht er doch Tierwanderungen rund um den Globus. Er verfolgt die Reisen von Störchen zwischen Europa und Afrika, die Flüge von Monarchfaltern zwischen Kanada und den USA oder die Streifzüge von Nagetieren, die im südamerikanischen Regenwald Samen verbreiten.

Auf die Ziegen kam er durch Zufall: Eigentlich wollte Wikelski mit Gänsen experimentieren, die ja als besonders wachsam gelten. Aber die Menschen am Ätna hätten gesagt: „Vergiss Gänse, nimm lieber Ziegen.“ Die ersten Forschungsergebnisse sind ausgewertet. Und sie sind verblüffend: Ziegen sind tatsächlich Alarmmelder auf vier Beinen! Die Idee hat sich das Forscherteam schon patentieren lassen. Die tz sprach mit Professor Wikelski über seine spannende Arbeit.

Die Ziegen am Ätna werden nur zweimal im Jahr zusammengetrieben, sonst leben sie relativ frei am Vulkan. Sie haben Tieren Sendern umgehängt und die Laufwege aufgezeichnet. Hat es Sie verblüfft, dass Ziegen tatsächlich einen Ausbruch Stunden früher spüren?

Dr. Martin Wikelski: Ich war sehr überrascht. Ich wollte eigentlich nur testen, ob wirklich etwas hinter diesen Storys über das Verhalten von Tieren bei Naturkatastrophen steckt. Anfangs haben wir keine Auffälligkeiten gesehen, weil wir alle Ausbrüche gezählt haben. Die Vulkanologen zählen ja auch die Ausbrüche, bei denen keine Lava nach außen aus dem Krater tritt. Dann haben wir genauer hingeschaut und nur die Ausbrüche ausgewertet, bei denen Lava nach außen geflossen ist und in Luft geschleudert wurde. Denn das ist ja die Situation, bei der den Ziegen Gefahr droht und auf die sie sich vorbereiten müssen. Wir konnten anhand unserer Messdaten zeigen, dass die Ziegen nur die großen Ereignisse vorausahnten, bei denen auch Lava ausgetreten ist. Wir haben uns dieses Wissen patentieren lassen.

Können Sie die Tiere nun wirklich als Alarmmelder auf vier Beinen einsetzen?

Wikelski: Davon sind wir noch ein ganzes Stück entfernt, es sind noch sehr viele Tests nötig. Bisher haben wir im Nachhinein immer gesagt, wir hätten einen Ausbruch vorhersagen können. Natürlich wollen wir uns auch an Vorhersagen probieren. Aber wir wollen auch nach Indonesien gehen, um zu sehen, ob Erdbeben dort auch ähnlich von Tieren vorher erspürt werden. Das würden wir denken, aber das wissen wir nicht. Dort werden wir mit Hühnern und Wasserbüffeln und eventuell auch mit Elefanten arbeiten, weil es unter den Einheimischen viele Geschichten über die Fähigkeiten dieser Tiere gibt.

Welche Sinnesleistung versetzt die Ziegen oder andere Tiere in die Lage, so lange vorher eine Naturkatastrophe zu ahnen?

Wikelski: Das ist das, was jeder gerne wissen möchte. Wir sagen, dass die Tiere ihre Sinne kombiniert einsetzen und sie damit so viel feiner und besser funktionieren als manches Messgerät. Das kann mit Geruch, mit Bewegung oder auch mit anderen Dingen zu tun haben, die wir noch nicht kennen.

Wie benehmen sich die Ziegen vor einem bevorstehenden Ausbruch?

Wikelski: Die Ziegen werden vier bis sechs Stunden vorher deutlich aktiver, z. B. wenn der Ausbruch nachts oder in den frühen Morgenstunden stattfindet, dann laufen die Tiere auch nachts herum. Sie sind nervös und springen herum. Tagsüber laufen die meisten Tiere aus den Gebieten weg, wo sie nicht gut geschützt sind. Im Gegensatz zu sonst laufen sie gradlinig auf einen Ort zu, an dem sie sich in Sicherheit fühlen, also zu Bäumen oder einem anderen Schutz.

Wie viele Stunden vorher können Messinstrumente einen Ausbruch ankündigen?

Wikelski: Am Ätna gibt es Untersuchungen mit technischen Infraschallmessungen, die eine halbe Stunde vorher registrieren, dass sich am Berg etwas bewegt. Aber daraus kann man nicht ablesen, wie groß der Ausbruch sein wird. Die Ziegen haben nur die großen Ausbrüche vorausgeahnt, was für ein zukünftiges Frühwarnsystem viel effizienter sein könnte.

Aus dem Hafen von San Franscisco sind alle Seelöwen verschwunden. Könnte das mit einem bevorstehenden Erdbeben zu tun haben, wie dort einige Menschen vermuten?

Wikelski: Die Menschen neigen dazu, Dinge in das Verhalten von Tieren hineinzuinterpretieren. Das ist zu einfach gedacht. Da gibt es sehr viel Scharlatanerie und vermeintliches Wissen, das aber nur auf Hörensagen basiert. Tiere haben fantastische Fähigkeiten, aber sie vollbringen keine hellseherischen Wunder. Wir sagen, dass man die Tiere in diesen Gegenden mit Sendern ausstatten muss, und dann kann man wirklich messen, was passiert, und sehen, zu welchen Leistungen die Tiere fähig sind.

S. Stockmann

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