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Dr. Ulrike Werner mit ihrem Hund Moses, der ihr bei einigen Einsätzen zur Seite steht.

Tiersprechstunde: Erste Hilfe bei Verhaltensstörungen

Seelenklempnerinfür Hunde

Wenn der Ehemann nicht mehr ins Bett darf, wenn der Hund entscheidet, wann telefoniert wird, wenn die Menschen nur noch tun, was ihr vierbeiniger Mitbewohner erlaubt – dann ist es höchste Zeit für Dr. Ulrike Werner, Tierärztin für Verhaltensmedizin und Verhaltenstherapie.

Sie schaut sich das Zusammenleben von Mensch und Tier in deren gewohnten vier Wänden im Rahmen einer Anamnese an. Die verrücktesten Geschichten aus dem Alltag einer Seelenkempnerin für Hunde hat sie nun aufgeschrieben. Ihr Fazit: „Je kränker die Gesellschaft und die Beziehung der Menschen untereinander, umso größer wird der tierverhaltenstherapeutische Behandlungsbedarf.“

Einige der Fälle der Berliner Tierärztin: Karlchen, ein Yorkshire-Terrier-Zwergdackel- Mix, hatte seinen Besitzer fest im Griff – ein größenwahnsinniger Zwerg, so die Diagnose der Tierärztin. Der Kontrollzwang entstand, weil Karlchen immer agiert und sein Herrchen nur reagiert. Karlchen muss in der Beziehung sagen, wo es langgeht. Daran ist er so gewöhnt, dass er in einen Wutrausch gerät und alles kaputtbeißt, wenn sein Besitzer mal telefoniert oder es wagt die Wohnung zu verlassen. Die Therapie: Das Herrchen musste lernen, Regeln aufzustellen, klare Grenzen aufzuzeigen, in jeder Lebenslage als Erster zu agieren, damit der Bonsai-Terminator sich endlich entspannen kann. Die zahlreichen Jobs hatten ihn einfach überfordert.

Shiro biss zu, weil ihn jemand streicheln wollte

Shiro, ein chinesischer Faltenhund, biss zu, wenn ihn jemand streicheln wollte. Faltenhunde haben ein angeborenes Problem in der Kommunikation mit anderen Hunden. Durch ihre gekräuselte Nase, der Haarbürste auf dem Rücken und der ständig hochstehenden Rute wirken sie auf Artgenossen bedrohlich. Andere Hunde reagieren mit Drohgebärden, es kann zu Kämpfen kommen. Bei Shiro waren die Augenfalten so stark ausgeprägt, dass sie wiederholt vom Tierarzt mit Klammern an den Kopf getackert wurden, die Wunden eiterten. Das arme Tier hatte also die Erfahrung gemacht, dass Hände am Kopf nichts Gutes bedeuten, und wehrte sich mit Beißen. Die Therapie: Shiro wurde in einer Tierklinik geliftet und schmerzfrei. Nach einer Verhaltenstherapie ließ er sich wieder streicheln.

Die Geschichte von Moses, einem von Ulrike Werners drei Hunden: Moses war bei seiner Vorbesitzerin als junger Hund einer attraktiven Hündin hinterhergespurtet, mitten in Berlin von einem Auto überfahren und mehrere Meter mitgeschleift worden. Passanten stoppten das Auto, beugten sich hinunter und bargen den schwerverletzten Hund. Die Schmerzen des Unfalls verband Moses von da an mit Gesichtern von Menschen und nicht mit Autos und Reifenquietschen – er entwickelte eine schmerzbedingte Aggression und wurde gegenüber Menschen kaum berechenbar. Ulrike Werner übernahm ihn: „Ich habe keine besonders tollen Wunderhunde Auch meine Hunde sind ganz „normal gestört“. Moses bekam ein Leben mit Ulrike Werner und ihrem Mann auf dem Land. Ohne Stress. Seine „Therapie“ war ein gesundes Leben mit Menschen, an denen er sich orientieren kann.

Und zum Schluss noch die Geschichte, die dem Buch seinen Namen gab: Beim liebestollen Beagle handelt es sich um einen jungen Jagdhund aus England, der sich auf den Nachthemden seiner Besitzerin selbst befriedigte. Die Heilung war recht unkompliziert: Das Tier wurde umgehend kastriert.

SUS

Auffällige Tiere sind oft krank

Was halten Sie von dem Satz: „Keine Angst, er will nur spielen“?

Dr. Ulrike Werner: Das heißt übersetzt: „Ich kann meinen Hund nicht kontrollieren.“ Es ist irrelevant, ob der Hund spielen will. Da ist ein Mensch, der nicht belästigt werden möchte, und der Halter muss dafür sorgen, dass der Hund ihm gehorcht.

Gibt es auch hoffnungslose Fälle?

Werner:  Es gibt z. B. Fälle, wo das Hund-Halter-Team nicht zusammenpasst, wenn ein Mensch z. B. sehr unsicher ist. Ein Hund muss sich geführt fühlen, sonst übernimmt er die Führung. Es gab tatsächlich den Fall, wo drei Yorkshire-Terrier auf dem Bett sitzen und den Ehemann nicht hineinlassen. Ich fragte die Frau, welchen Vorteil sie davon hat. Denn natürlich kann man drei Yorkis aus dem Bett schaffen. Viele Menschen wollen nichts ändern.

Sie beschreiben viele Störungen, die eigentlich Krankheiten sind.

Werner: Bei etwa 50 bis 60 Prozent meiner Patienten liegt dem Problemverhalten eine organische Ursache zugrunde. Mir tut es oft leid, weil diese Tiere meist zwei Jahre gelitten und im Schnitt sechs Hundeschulen absolviert haben, bevor sie zu mir kommen. Im Gegensatz zu selbst ernannten Hundeflüsterern bin ich ausgebildete Tierärztin. Die Berliner Haustierärzte überweisen an mich, und wenn ich einen Verdacht auf eine Krankheit habe, bitte ich sie um weiterführende Untersuchungen, z. B. Bluttests oder neurologische Untersuchungen oder auch um einen Sehtest.

Wann setzen Sie Ihre eigenen Hunde ein?

Werner: Wenn es um die Resozialisierung von Hunden geht, die z. B. Defizite im Kommunikationsverhalten haben. Oder wenn eine Hund- Hund-Aggression vorliegt, und die Tiere ihr neues, zuvor erlerntes Alternativverhalten einsetzen sollen. Mein Hund Moses ist nicht ungefährlich. Aber er wird kontrolliert geführt, sodass er sich völlig neutral verhält. Das ist intensives Training, von dem jeder Hund profitierenkann.Damuss man als Halter keine Wunder vollbringen, sondern das ist Handwer

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