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Serie: Die Tiere vom neuen wilden Aiderbichl

Tauben: Verschmähte Weltbürger

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München - In der Serie "Die Tiere vom neuen wilden Aiderbichl" widmen wir uns heute den Tauben, die oft nicht das beste Image haben.

Im Osten Österreichs, ganz nah an den Grenzen zur Slowakei, Ungarn und Tschechien, ist die Welt ein bisschen stehen geblieben. Außer einigen Windrädern bewegt sich hier nicht viel. Neben viel Ruhe gibt es weite unbebaute Flächen, und so ist das hier der ideale Ort für ein Tierparadies der besonderen Art. Der Gründer von Gut Aiderbichl, Michael Aufhauser, hat einen ehemaligen Safaripark für die nächsten 99 Jahre gepachtet. Hier in Gänserndorf finden Tiere liebevolle Obhut, für die niemand sonst die Verantwortung übernehmen wollte: Bissige Hunde sind ins Löwengehege eingezogen, traumatisierte Schimpansen aus Versuchslaboren werden in großen Häusern mit Außengehegen betreut, aus dem Giraffenhaus ist das größte Taubenhaus Europas geworden, zerrupfte Papageien haben jetzt viele Artgenossen in einem neugebauten Vogelhaus. Verwaiste Füchse erkunden ein großzügiges Gehege mitten im Wald mit Fertigwohnungen unter der Erde, und eine Ziegenherde wohnt im ehemaligen Flusspferdbereich und beweidet die verwilderten Flächen des Parks, wobei sich die Kletterkünstler natürlich nicht von den alten Elefantenzäunen aufhalten lassen. Die tz war auf Safari in diesem wilden Aiderbichl, das am 25. April offiziell eröffnet wurde, und stellt die exotischen Bewohner und ihre Betreuer in einer Serie vor.

Susanne Stockmann

Tauben - Verschmähte ­Weltbürger

Da es jetzt endlich wieder warm ist, wurde den Tauben wieder ein Teppich ausgerollt – ein grüner Rasenteppich, auf dem sie gerne herumtrippeln und einzelne Halme auszupfen. 900 Straßentauben, davon 200 allein vom Salzburger Hauptbahnhof, die dort wegen Umbauarbeiten verschwinden mussten, leben in dem vermutlich größten Taubenhaus Europas im neuen Gut Aiderbichl in Gänserndorf. Für die Tauben wurde das ehemalige Giraffenhaus des Safariparks umgebaut und eingezäunt, dort können sie nach Herzenslust umherflattern.

Für die allermeisten dieser Tiere ist es vermutlich das erste Mal in ihrem Leben, dass sie nicht mehr auf der Flucht sind vor Menschen und Raubvögeln. Sie werden artgerecht versorgt und können endlich gesund werden. Straßentauben sind keine Wildtiere, sondern Haustiere, die auf den Schutz des Menschen angewiesen sind.

Straßentauben stammen ursprünglich von der Felsentaube ab, sie wurden schon vor Tausenden Jahren domestiziert und vor allem wegen ihres schmackhaften Fleisches geschätzt. Als Lebensmittel noch teuer und knapper waren, mussten die Tauben auf den Feldern vor den Städten nach Futter suchen. Und wurden dabei vielfach Beute von Falken und Habichten. Als die Menschen begannen, Essen achtlos wegzuwerfen, zogen die Tauben in die Städte – und konnten sich damit auch vor den Greifvögeln verstecken. Die Vögel konnten sich rasant vermehren und wurden zum Problem.

Die heute in den Städten lebenden Populationen sind eine bunte Mischung aus diesen Haustauben sowie entflogenen oder verirrten Brieftauben, von denen es in Deutschland immerhin 76 000 Exemplare gibt. Ein Taubenweibchen legt schon im zarten Alter von sechs Monaten die ersten Eier. Zwar sterben 90 Prozent der Jungvögel, dennoch steigt die Zahl der Stadttauben ständig an, und immer mehr Vögel kämpfen um das gleiche Futter, das zudem in der Stadt oft aus Abfall besteht und daher wenig nahrhaft ist und krank macht.

Unter Tierschützern gilt übrigens der Leitsatz, dass man Tauben, da sie besonders standorttreu sind, nicht umsiedeln kann. Vielfach werden Tauben erschossen. Aber das bedeutet nur, dass im Folgejahr mehr Jungvögel überleben und der Bestand sich schnell erholt. Auf Aiderbichl hat man eine eigene Methode des Fangens entwickelt. Nachts, wenn die Tauben in ihrem Unterschlupf schlafen, werden sie mit einer Taschenlampe geblendet. Die Tiere erstarren und können so behutsam aufgenommen, in einen Transportkorb gesetzt und in der Nacht umgesiedelt werden. „Wenn sie am Morgen aufwachen, sind sie schon in ihrem neuen Zuhause“, beschreibt Michael Aufhauser das Vorgehen. Und gemäß nach dem Motto, auf das der Gut-Aiderbichl-Gründer großen Wert legt: „Jedes Tier sollte einmal am Tag ein Erlebnis haben, das sein Leben lebenswert macht“, stehen die Tierpfleger bei den Tauben vor besonderen Herausforderungen. Wer weiß schon, was eine Taube glücklich macht?

Meist wird doch viel eher überlegt: Wie mache ich die Tauben so unglücklich, dass sie von diesem Gebäude oder von diesem Platz verschwinden? In Sachen Globalisierung nämlich kann der Mensch von der Taube einiges lernen: Sie ist laut Forschern das Tier, das sich am besten an das öffentliche Leben im städtischen Raum angepasst hat. In jeder größeren Stadt rund um den Erdball hat Columba livia livia einen Nistplatz gefunden, weltweit wird ihr Bestand auf mehrere Millionen Exemplare geschätzt. Die höchste Dichte mit drei Tauben je Einwohner weist Venedig auf, in Deutschland ist Berlin die taubenreichste Stadt mit geschätzten 300 000 Vögeln. Früher wurde der Kot der Feldtaube (Guano) als Pflanzendünger sehr geschätzt und aufgesammelt. Heute ist er als Gebäudezerstörer gefürchtet, weil die saure Substanz sich in Steine frisst. Um die Taubenpopulation in den Städten zu kontrollieren, hat sich die Meinung durchgesetzt, dass ihnen Taubenhäuser angeboten werden sollen. Gegebenenfalls werden sie dort gefüttert und am wichtigsten: Ihre Eier in den Nestern werden durch Gips­attrappen ersetzt. So kann man die Vermehrung und die Verelendung der Tiere in Griff bekommen. Auch auf Aiderbichl werden die Eier entfernt.

Zurück zur Frage, was macht eine Taube froh? Die Pfleger haben sich schon einiges einfallen lassen: Ein plätschernder Wasserbrunnen lädt zum Federbad. Das Becken wird täglich gereinigt, ebenso wie die Futterschüsseln, in denen neben einem speziellen Taubenfutter mit viel Mais auch Salat liegt. Zur Abwechslung bekommen die Vögel mal Stroh, mal Heu, und einmal im Monat ist Großreinemachen angesagt, da werden dann auch alle Sitzstangen abgeschrubbt.

Tauben gelten als Überträger von Krankheiten und Parasiten, Hygiene ist da immer die beste Vorsichtsmaßnahme, auf die Michael Aufhauser viel Wert legt, auch wenn er erklärt: „Wir haben es bisher noch nicht erlebt, dass jemand durch eine Taube krank geworden ist. Aber wir wollen natürlich auf Nummer sicher gehen.“

Leben lieben. Aiderbichl

von Michael Aufhauser

Auf Gut Aiderbichl gilt, dass alle Tiere Lebewesen sind – selbstverständlich gehören die Tauben dazu. Daher betreiben wir für sie den gleichen Aufwand wie für ehemalige Rennpferde, Hunde oder Katzen. Die ersten Tauben kamen übrigens im Jahr 2001 aus Kassel. Ich musste einer weinenden Rentnerin am Telefon versprechen, die Stadttauben aufzunehmen, die sie täglich fütterte und die abgeschossen werden sollten. Sie verabschiedete sich: „Ein Freund wird mich fahren.“ Einige Tage später fuhr ein 3,5-Tonner auf den Hof mit 150 Tauben. Viele haben mich gewarnt, bald seien unsere Gebäude vom Kot geschädigt, Pferde und Rinder würden durch die Hinterlassenschaften der Vögel auf den Weiden vergiftet. Nichts dergleichen ist passiert. Alle Vorurteile rechne ich der Hysterie von heute zu. Autoabgase sind gut, Taubenkot das Schrecklichste, was man sich nur vorstellen kann. Es wird höchste Zeit, das schlechte Image der Tauben zu korrigieren. Tauben leben viele Jahre, sie können sehr liebevoll sein, und manche suchen die Nähe des Menschen. Ihre Intelligenz sollte man auch nicht unterschätzen: Unsere Tauben wissen längst, wie ein Gipsei aussieht. Mit ihren Schnäbeln wiegen sie es hin und her. Sie setzen sich nur dann darauf, wenn wir es mit Quarz füllen. Es wird Zeit, dass diese Vögel mal ohne Vorurteile erforscht werden.

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