Henning Wiesner mit Leihhund Eddie. Einen eigenen hat er heute nicht. „Als rastloser Rentner hätte ich für das Tier zu wenig Zeit.“

Ansichten eines Hundes

Rund zehn Millionen Menschen in Deutschland leben in einem Haushalt mit Hund. Einer davon ist Henning Wiesner, Tierarzt und ehemaliger Direktor des Münchner Tierparks.

Wie viele andere Hundehalter würde er sich wohl sehr gerne ab und zu mit seinen vierbeinigen Freunden unterhalten, ihre Sicht auf die Welt kennenlernen und erfahren, was die Tiere von den Menschen halten. So entstanden die fiktiven Geschichten um die alte und weise Bernhardinerhündin Olga und den jungen Pharaonenhund Maxi, die trotz ihres unterschiedlichen Temperaments beste Freunde sind. Abends wärmen sie sich am Kamin und knabbern sich vertrauensvoll das Fell. Dieses Verhalten hat Wiesner gern bei seinen Hunden beobachtet und gedacht, dass die Tiere dabei intensiv miteinander reden. Eine Unterhaltung, aus der auch Nicht-Hundebesitzer viel über die Seele des treuesten Gefährten des Menschen lernen können. Hier einige Auszüge:

Worauf es bei der Hundeerziehung ankommt:

„Wenn man als Mensch unsere Herzen gewinnen will, dann muss man unsere Wesensart, unser Verhalten und unseren Charakter genau kennen und verstehen.“ Das geht, so betont es Bernhardinerhündin Olga, niemals durch schlagen. Denn das erzieht Hunde zu neurotischen Kriechern. Pharaonenhund Maxi empfiehlt: „Die beste Erziehungsmethode für einen jungen Hund ist, ihn am Nackenfell hochzunehmen und kräftig zu schütteln. Genauso macht es seine Mutter.“

Hunde lieben Windelduft:

Verhaltensforscher halten das Interesse von Hunden an gefüllten Windeln für angeboren: Sie riechen den Stoff Skatol, der entsteht, wenn sich Eiweiß zersetzt. Dadurch konnten die Vorfahren der Hunde, die Wölfe, Kadaver aus weiter Entfernung aufspüren – diese Vorliebe für den Geruch von verfaultem Fleisch war überlebenswichtig. Olga erzählt, dass es auch Zeiten gab, wo Menschen Hundekot sehr schätzten: Der harte weiße Kot, den Hunde absetzen, wenn sie Knochen fressen, galt früher als Arzneimittel.

Über Heilkräfte der Hunde:

In Brems Tierleben wurden Hunde als wandelnde Apotheken bezeichnet. Ihr Fleisch und Fett sollten Tuberkulose heilen. Die Galle war gut gegen Epilepsie und Frostbeulen. Gegen die Tollwut trug man den Zahn eines schwarzen Hundes um den Hals. Alles Aberglaube, so Olga. Aber Maxi wundert es nicht, dass Hunden magische Fähigkeiten zugesprochen werden: „Gewitter und Stürme spüren wir beide ja schon eine Stunde vorher, obwohl noch kein Wölkchen am Himmel zu sehen.“

Über richtiges Futter:

Reine vegetarische Ernährung macht Hunde krank, es fehlt ihnen eine wichtige Aminosäure zum Aufbau von körpereigenem Eiweiß. Das Betteln bei Tisch kann man Hunden übrigens nur mit einer Engelsgeduld abgewöhnen: Olga und Max haben gelernt, Leckereien erst zu fressen, wenn der Professor es ihnen erlaubt. Das bedeutete viele Stunden Training.

Henning Wiesner: Wenn Hunde sprechen könnten! Hanser- Verlag, 16,90 Euro.

Interview: „Darum wäre ich gerne Hund!“

Herr Wiesner, bitte ergänzen Sie den Satz: Der Hund ist für mich …

Henning Wiesner: ... eine täglich neue Herausforderung zum Zwiegespräch mit dem Mitgeschöpf Tier.

Wie viele Hunde haben das Leben mit Ihnen geteilt?

tz-Interview

mit

Henning Wieser

Tierarzt und Buchautor 

Wiesner: Zuerst war da Töle, ein französischer Hirtenhund, männlich, neun Wochen alt, als er zu mir kam. Ein lieber Kerl, nicht der Hellste, aber ein super Kamerad. Wir waren 14 Jahre zusammen, wobei nur ich ihn kämmen und entfilzen durfte. Stets ein Drama für Herr und Hund, das mir nach zwei Jahren eine Weste bescherte, die nie nass werden durfte. Töle hatte eine kleine Macke. Wenn er sich von Fremden, vor allem Jugendlichen, grob behandelt fühlte, ließ er das zunächst ruhig über sich ergehen und zwickte sie, wenn es ihm zu viel wurde, blitzschnell von hinten in die Wade. So, wie man halt als guter Hirtenhund lästige Junghammel zurechtweist. Es blutete nie, gab aber immer einen blauen Fleck und bei manchem einen echten Aha-Effekt.

Dann kam Linus, ein Labradormix aus dem Tierheim, Jährling. Eine Mimose von einem Hund,abersoblitzgescheit,dass man sich täglich neue Spielchen ausdenkenmusste,dieerimmer begeistert annahm und schnell durchschaute. Allerdings brauchte er alle Freiheit dieser Welt, die er sich nach Lust und Laune zu verordnen pflegte. Aber er fand immer nach Hause; egal, wie weit entfernt die gerade angebetete Freundin lebte. Mit diesem herrlichen Hund verbrachte ich 13 wundervolle Jahre. Der dritte im Bunde war Paco, ein schwarzer Riesenschnauzer aus dem Tierheim, zwei Jahre alt, an dem wohl schon mehrere Vorbesitzer und Hundeschulen gescheitert waren. Er war stur wie ein Panzer, lag da wie die Sphinx und war ein unglaublicher Kraftprotz. Nur ich durfte mich in die Nähe seiner Futterschüssel wagen. Wir brauchten viel Zeit und Geduld füreinander. Einmal musste ich ihn bei Hochwasser aus der Isar ziehen, da er die Strömung unterschätzt hatte. Seine unzähligen Ausflüge als Supermacho im Balzeinsatz endeten trotz Telefonnummer am Halsband immer wieder bei der Polizei.

Welche Eigenschaft schätzen Sie am Hund besonders?

Wiesner: Grips, Humor und Temperament. Eigenschaften, die vor allem bei Mischlingen und Tonnenkremplern vertreten sind.

Reinhard Mey hat ein Lied geschrieben: „Ich wollt’, ich wär mein Hund.“ Warum wären Sie gerne Ihr Hund?

Wiesner: Um meinen inneren Schweinehund (so wie meine Töle!) in die Waden zu zwicken, wenn er sich vor dem Joggen drücken will.

Man sagt: Hunde haben Herrchen, Katzen haben Personal. Würden Sie diesen Satz unterschreiben?

Wiesner: Der stammt von Kurt Tucholsky, und besser kann man es wirklich nicht ausdrücken.

Was darf der Mensch aus Sicht des Hundes auf keinen Fall tun, weil es die Freundschaft und das Vertrauensverhältnis auf immer zerstören würde?

Wiesner: Kettenhaltung, Sozialentzug und prügeln.

Und umgekehrt: Womit kriegt man jeden Hund rum, und ist er noch so widerspenstig?

Wiesner: Ruhig mit ihm reden, ohne seine Augen zu fixieren. Wenn er die vorsichtig angebotene Hand beschnüffelt und Streicheln zulässt, dann krault man mit dem kleinen Finger sanft den Gehörgang. Dem kann kein Hund widerstehen.

CHRISTINE HINKOFER

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