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Erste Hilfe – wie Ärzte verletzte Hunde therapieren

Unter die Räder gekommen

Tiermedizin: Die richtige Behandlung nach Verkehrsunfällen

Es ist der Albtraum aller Hundehalter: Das Tier reißt sich los, rennt weg und gerät unter die Räder. Jedes Jahr werden Tausende von Hunden von einem Auto angefahren, genaue Statistiken gibt es leider nicht. Jeder einzelne Fall hat seine eigene Geschichte.

Noch immer hat Sophie Ismair das Bild vor Augen: Regungslos liegt ihre geliebte Schäferhündin auf der Bundesstraße. Ein Pkw hatte mit Tempo 80 das Tier erfasst. „Im ersten Moment dachte ich wirklich, Paula sei tot“, erinnert sich die 20-Jährige an das Drama während des Gassigehens. In Panik war die Hündin auf einmal über die Felder davongestürmt und auf die Fahrbahn gerannt. Ein fremder Hund hatte sie furchtbar erschreckt. 

Wie Paula werden jedes Jahr Tausende von Hunden auf Deutschlands Straßen angefahren. Selten gehen solche Kollisionen glimpflich aus. Dabei hatte Paula trotz ihrer schweren Verletzungen noch Glück. Schon 30 Minuten nach dem Unfall lag das zitternde, stark hechelnde Tier als Notfall in der Tierklinik Ismaning auf dem Röntgentisch. Diagnose: Schien- und Wadenbeinfraktur und ein kollabierter Lungenflügel. Verdacht auf Lungenriss! Die Knochen-OP musste vier Tage warten. „Wir mussten erst die freie Luft im Brustkorb über eine Drainage absaugen“, erklärt Klinikchef Dr. Klaus Zahn die lebensrettende Behandlung. So konnte sich die Lunge langsam wieder entfalten. 

Gott sei Dank hatten Paulas Begleiter schnell und richtig reagiert. „Bewahren Sie nach einem Unfall Ruhe“, legt Zahn Hundehaltern ans Herz. „Ein verletztes Tier muss man vor allen Dingen beruhigen.“ Doch er warnt: „Seien Sie vorsichtig bei Berührungen. Jeder Hund kann im Schock oder bei starken Schmerzen nach seinem Herrchen schnappen.“ Für den Transport sollte man das Tier nach Möglichkeit auf ein Brett legen. Ist der Hund bewusstlos, rät Zahn, ihn in Seitenlage zu bringen, den Hals zu überstrecken, das Maul zu öffnen und die Zunge herauszuziehen. „So kann er nicht ersticken.“ 

Außerdem sollten verletzte Tiere in eine warme Decke gehüllt werden, damit sie nicht auskühlen. „Große Hunde, die getragen werden müssen, packt man dafür am besten am Rückenfell und zieht sie vorsichtig auf eine danebenliegende Decke“, weiß der Veterinär. So kann der Vierbeiner anschließend auch leichter zu zweit hochgehoben werden. An Gliedmaßen mit Knochenbrüchen, wie Paula sie hatte, manipuliert man am besten wenig. 

Auch wenn der Hund wieder von allein aufsteht und sich normal bewegt, ist das noch kein Grund zur Entwarnung. „Innere Verletzungen oder eine Gehirnerschütterung können sich auch erst Stunden später bemerkbar machen“, sagt Zahn und empfiehlt, in jedem Fall beim Tierarzt vorstellig zu werden. 

Manche Verkehrsunfälle sind Schicksal, andere können Hundehalter verhindern – durch eine entsprechende Erziehung. „Hunde sollte man bereits als Welpen an Autos, Straßen- und Baustellenlärm, Menschenmassen und Radfahrer gewöhnen“, weiß Tierarzt Zahn. Wie Kinder müssten auch Hunde üben, sich im Straßenverkehr sicher zu bewegen. Ein Beispiel ist das Hundetraining an der Bordsteinkante, bei dem der Hund lernt, nicht einfach über die Straße zu rennen, sondern nur gemeinsam mit dem Herrchen die Straße zu überqueren. Denn eines dürfen Hundehalter nicht vergessen: Hunde haben eine andere Wahrnehmung als Menschen, und selbst gut erzogene Tiere können die Gefahren des motorisierten Verkehrs nicht einschätzen. 

Kommen verunglückte Tiere rechtzeitig in fachkundige Hände, können sie wie Paula selbst schwere Unfallverletzungen gut überstehen. Diese hatte nach dem traumatischen Erlebnis zwar sechs Kilo abgenommen, doch vier Wochen nach der OP war sie fast wieder die Alte: „Sie ist schon wieder neugierig auf Katzen“, erzählt Sophie Ismair.

Wer haftet bei Unfall? 

Reißt sich ein Hund von der Leine los und es kommt zum Autounfall, kann das richtig teuer werden: Sachschäden, Arztkosten, Schmerzensgeld, Schadenersatz können auf den Besitzer zukommen. Grundsätzlich gilt: Der Hundehalter haftet, auch wenn ihn keine Schuld trifft, für alle Schäden, die sein vierbeiniger Freund verursacht (§ 833 Satz 1 BGB). Juristen nennen das abstrakte Gefährdungshaftung. Dahinter steckt der Gedanke, dass Tiere unberechenbar sind und Tierhaltung immer mit einer Gefahr für Leben, Gesundheit und Eigentum Dritter verbunden ist. „Tierbesitzer sollten unbedingt eine Hundehaftpflicht abschließen“, raten Juristen. Besonders wichtig: Die Deckungssumme sollte hoch genug angesetzt sein, damit man auch vor den finanziellen Risiken von Personenschäden geschützt ist. Man sollte darauf achten, dass die VersicherungkeinenLeinenzwangvorschreibt. Da bei einem Verkehrsunfall je nach Verletzung auch hohe OP- und Behandlungskosten für den Vierbeiner anfallen können, empfiehlt sich eventuell eine Tierkrankenversicherung.

Tierische Verhaltensregeln

So schützen Sie Ihren Hund am besten: 

  • Führen Sie Ihren Hund in der Stadt an der kurzen Leine. So können Sie jederzeit auf ihn einwirken. Im unmittelbaren Straßenverkehr haben lange Laufleinen nichts zu suchen. 
  • Gehen Sie, wenn möglich, immer dem Verkehr entgegen. Hunde mögen es nicht, wenn sich der Verkehr hinter ihrem Rücken abspielt. 
  • Rufen Sie Ihren Hund nie von der anderen Straßenseite herbei, sondern gehen Sie zu ihm hinüber. 
  • Verwenden Sie in der Dämmerung und bei Dunkelheit Halsbänder oder Brustgeschirr mit Reflektoren.
  • Achten Sie auf fremde Hunde, Katzen, Vögel, läufige Hündinnen, Kinder oder bekannte Gesichter. Gerne rennen Hunde Spielgefährten entgegen oder jagen ihnen hinterher, ohne auf den Verkehr zu achten. 
  • Lassen Sie Ihren Hund nie unangeleint aus der Haustür laufen oder aus dem Kofferraum springen.

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