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Kabarettist Philipp Weber.

bei Tollwood

Tierschutz mit Humor: Kabarettisten engagieren sich

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Als Ökotrophologe ist es Philipp Webers Beruf, Menschen über gute Ernährung zu informieren. Allerdings hat sich der studierte Chemiker und Biologe dafür einen ungewöhnlichen Weg ausgesucht – als Kabarettist auf der Bühne.

Die Menschen bezahlen ihn, nicht weil sie belehrt, sondern weil sie unterhalten werden wollen. Weber macht Witze über Massentierhaltung, über verseuchte Nahrungsmittel genauso wie über Gentechnik und die Tiere als moderne Sklaven unseres Wirtschaftswachstums. Hier verrät er, was explodierter Sellerie mit seiner Karriere zu tun hatte.

von S. Stockmann

Komik als Waffe

Marketing ist alles: Schlechte Tierhaltung muss man nur gut verkaufen, damit der Verbraucher weiter zu den Produkten greift. Ein Beispiel ist die Haltung von Legehennen. Philipp Weber sagt dazu: „Allein die Begriffe – da funktioniert viel über Augenwischerei. Die Batteriehaltung wurde ja zugunsten der Voliere abgeschafft, das heißt statt 550 cm² gibt es jetzt pro Huhn 2000 cm² Platz, das sind gerade mal zwei Schulhefte. Die Tiere werden in Kleingruppen gehalten, Kleingruppen klingt nach Gesprächsrunde bei einem Tee, aber in einer Kleingruppe dürfen 60 Tiere leben! Hühner sind eher stolze kleine Diven, die ein bisschen mehr Platz für sich brauchen. Deswegen kommt es zum Picken und Federn ausreißen.“ Kann Philipp Weber über alles Witze machen, z. B. auch über das unsägliche Töten von 50 Millionen männlicher Legehühnerküken. „Warum sollte ich Witze über geschredderte Küken machen? Ich kann Witze machen über die Industrie, die diese Küken herstellt. Wenn man jemanden auf der Bühne demontieren will schlüpft man in seine Rolle. Dann wird die Komik zur Waffe. Viele Leute denken, nur weil gelacht und etwas mit Komik gemacht wird, wird das Thema verraten oder ist weniger wert. Ich sage, mit einer streitbaren Komik vor Publikum kann du mehr erreichen, als wenn du auf der Couch in einem stillen Zimmer vor dich hinflennst, weil z. B. Küken geschreddert werden.“

Benefizabend

Tollwood engangiert sich seit vielen Jahren gegen die Missstände in der Nutztierhaltung. Am 29. November findet auf dem Winterfestival, im Grand Chapiteau, ein Benefizabend für artgerechte Tierhaltung statt. Unter anderem tritt Philipp Weber auf. Beginn: 18.30 Uhr, Eintritt: 28 – 43 Euro. Infos: www.tollwood.de

Lernen durch lachen

Philipp Weber: „Gerade die Fleischproduktion ist der neuralgische Punkt in der Essensproduktion in Deutschland. Eine gute Pointe behält man im Kopf. Ich mache die Fleischindustrie und den unbedarften Fleischnutzer lächerlich. Einer meiner Witze geht so: Früher war ja Fleisch das teuerste Nahrungsmittel, heute ist es das billigste. Da stellt sich die Frage, ob man überhaupt noch von Fleisch reden kann! Jedes Jahr werden 2000 Tonnen Antibiotika an Schweine und Rinder verfüttert. Was wir hier als Rostbratwürstchen essen, verkauft man in anderen Ländern als Zäpfchen! Meine Hoffnung ist natürlich schon, dass die Leute, die darüber lachen, beim nächsten Einkaufen sich erinnern und nicht zu den in Plastik eingeschweißten Würstchen zu 1,99 Euro greifen.“

Ohne Dogmatismus

Eine artgerechte nachhaltige Landwirtschaft, dafür plädiert Philipp Weber: „Es geht darum, die Lebensverhältnisse von Tieren in Deutschland substanziell und schnell zu verbessern. Dafür braucht man eine ökologische Landwirtschaft, und zu der gehören Tiere. Ich bin nicht der Meinung, dass per se kein Fleisch mehr gegessen werden darf. Wenn ich das propagieren würde, schaltet die Hälfte der Zuschauer ab, weil ich dann der Dogmatiker bin. Das muss überhaupt nicht sein, man kann sich streiten und diskutieren. Dogmatismus verschreckt die Leute und bringt uns null weiter.

Keine Witze auf Kosten der Tiere: Interview mit Philipp Weber

Kranke Nutztiere, Gammelfleisch und Gifte im Essen. Das ist alles gar nicht lustig, wie schaffen Sie es, dass die Menschen darüber lachen können?

Buchtipp: Sich informieren lassen und dabei lachen! Philipp Weber: Essen kann jeder! Blessing-Verlag, 18,99€

Philipp Weber: Am Anfang steht sehr viel Recherche, ich lese Bücher, Statistiken und sammle Fakten. Dann suche ich mir das heraus, bei dem ich das Gefühl habe, da steckt Komik drin. Ein Beispiel: Ich komme ja von er Ökotrophologie, also von dieser gesunden Ernährungsgeschichte und habe auch Chemie und Biologie studiert. In einem Buch über Nahrungsmittelchemie ist mir der Begriff explosionsgetrockneter Sellerie über den Weg gelaufen. Wenn man für Tütensuppen Sellerie trocknet, wird der eingefroren und ganz schnell aufgetaut, damit die Zellen platzen und man ihn leichter trocknen kann. Ich fand den Begriff einfach zu lustig. Dahabe ich gemerkt, dass in der Ernährung einerseits unglaublich viel Komik steckt, es andererseits aber auch ein sehr substanzielles Thema ist, das die ganze Gesellschaft betrifft. Mir ist wichtig, das Thema nicht zu verraten, es darf nicht auf Kosten der Tiere gelacht werden. Was das Kabarett von der Comedy unterscheidet, ist immer das Bemühen, wirklich substanzielle Themen zu bearbeiten.

Gibt es Dinge, die Sie nicht mehr essen? 

Weber: Da gibt es ganz viel. Ich würde niemals auf die Idee kommen, so etwas wie Gänsestopfleber zu essen. Ich kaufe auch kein Fleisch im Supermarkt. Allerdings bin ich auch kein Vegetarier so wie meine Frau. Ich hole mir gern mal bei den Hermannsdorfer-Betrieben oder bei uns in Tübingen auf einem Demeter-Hof Fleisch. Ich kenne die Produzenten, ich weiß, welchem Siegel man vertrauen kann, weil ich mich einfach schon lange mit diesem Themabeschäftige. Ich würde niemals auf die Idee kommen, Grillhähnchen zu essen. Ich will nichts unterstützen, was eine Agrarindustrie fördert, die ein Verbrechen an den Geschöpfen der Welt und auch an den Ressourcen unserer Kinder ist. Aber ich bin kein Dogmatiker. Und das muss auch nicht sein. Wenn man sich gut auskennt und weiß, wo die Lebensmittel herkommen, dann kann man sich sehr genussvoll und sehr spannend ernähren

Wurst soll krebserregend sein, ist das eine Hoffnung für die Tiere?  

Weber: Das glaube ich nicht. Die Leute sind süchtig nach Fleisch. Von klein an wirst du vom Metzger mit der Lyoner angefixt. Fleisch setzt in unserem Körper ziemlich starke biochemische Prozesse frei. Da braucht man schon viel Selbstdisziplin und ein hohes Reflexionsnvieau, um der Gesundheit zuliebe darauf zu verzichten. Eher würde es den Tieren helfen, wenn man jede Schulklasse verpflichtend einmal im Jahr durch einen Großschlachthof schicken würde.

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