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Zwischen fünf und 13 Millionen Tonnen Müll gelangen jedes Jahr ins Meer, ein Teil wird an Land gespült wie hier im Senegal.

Neue Aktion von Tollwood

Unser Müll und das Meer

Uli Kunz hat seine Leidenschaft für das Leben unter Wasser zum Beruf gemacht. Rund ums Jahr ist er unterwegs, um irgendwo abzutauchen. Er erforscht die Schönheiten und das faszinierende Ökosystem der Meere.

Während ihm fantastische Aufnahmen gelingen, z. B. von Kegelrobben bei der Jagd, oder von Buckelwalen und Orcas, die nebeneinander im Heringsschwarm fischen, so hat er doch auch sehr oft traurige Erlebnisse: Bei vielen seiner Tauchgänge bringt er Müll mit an Land, er sieht Tiere, die sich in herrenlosen Fischernetzen verfangen haben, oder hat Mitleid mit einem jungen Wal, der eine lange Fischerleine hinter sich herzieht.

Interview mit dem Meeresbiologen und Forschungstaucher Uli Kunz

Welche Erfahrungen haben Sie mit Müll im Meer? 

Uli Kunz: Meeresbiologe und Taucher

Kunz: Die Menschheit sieht den Ozean als Endlagerstätte an. Nun stellen wir fest, dass unser Abfall wieder zu uns zurück kommt, über die Nahrungskette oder in Form von gigantischen Müllstrudeln. Die muss man sich allerdings nicht als einen durchgehenden Teppich vorstellen. Zum Teil liegen die Teile in mehreren Metern Tiefe oder schwimmen halb an der Oberfläche, teilweise werden sie durch die Sonne aufgelöst oder durch Wellen zerrieben. Um das zu sehen, muss man gar nicht bis in den Nordatlantik oder Nordpazifik fahren. Ansammlungen aus Flaschen, Netzen, Leinen und anderem Abfall gibt es in jedem Hafen. Seitdem Menschen den Müll ins Meer leiten, wird er durch den Nordatlantikstrom nach Spitzbergen und bis in die Arktis geliefert. Bei Tauchgängen in Nord- und Ostsee sehen wir regelmäßig Geisternetze, die eine Gefahr für die Fische sein können. In der Polarnacht im Januar habe ich in Norwegen Orcas und Buckelwale unter Wasser gefilmt. Ein junger Wal hat eine dicke Leine aus einem Fischernetz hinter sich hergezogen. Er hatte sich irgendwann mal verfangen, sich losgerissen und zieht die Leine jetzt hinter sich her. Da kann man schwer was machen, weil die Tiere so groß und so schnell sind. Das Tier wird diese Leine noch viele Jahre mit sich herumschleppen. Das ist natürlich entsetzlich. Es gibt Beispiele vor Australien, wo sich Wale Menschen bewusst nähern und ruhig im Wasser hängen, während sie sich Reste von Netzen oder Tüten abschneiden lassen.

Haben Sie ein Lieblingstier?

Hässlich, aber wichtig: Schleimaale ernähren sich von Aas.

Uli Kunz: Ich finde den Schleimaal absolut faszinierend. Das ist ein Tier, wie man es sich für Menschen abstoßender nicht vorstellen kann. Diese 30 bis 40 Zentimeter langen Aale leben am Grund und ernähren sich von Aas, sie bohren sich in alles Tote hinein, das sie in der Tiefsee finden. Normalerweise leben diese Fische in großen Tiefen von 200 bis 300 Metern. Aber in Norwegen gibt es eine Stelle, wo sie schon in 20 Metern Tiefe existieren. Diese Tiere werden nie eine Lobbybekommen, dabei sind sie unglaublich wichtig fürs Ökosystem. Wale dagegen haben eine große Lobby. Sie sind sehr groß, sehr sanftmütig, haben ausdrucksstarke Augen und können sogar singen. Sie sind zum Maskottchen der Meere geworden. Aber es gibt da unten viele Tiere, die die Menschen nie als süß oder niedlich ansehen würden, die aber eine ebenso wichtige Rolle in der Natur spielen.

Haben Sie noch ein Beispiel?

Kunz: Haie sind weltweit durch das Finning bedroht, dabei werden sie aus dem Wasser gezogen und ihnen werden bei lebendigem Leib die Flossen abgeschnitten. Wenn Haie fehlen, verändert sich das Ökosystem. Vor der Ostküste der Vereinigten Staaten nahmen Rochen überhand, als die Haie verschwanden. Diese Rochen fraßen die Muschelbänke kahl, das fanden dann die Menschen auch nicht mehr gut. Das Leben unterliegt ständiger Veränderung, das ist klar. Aber die Geschwindigkeit ist entscheidend: Beim jetzigen Tempo haben viele Arten keine Chance, sich anzupassen.

Kann man überhaupt vorhersagen, was passieren wird? 

Kunz: Mit gesundem Menschenverstand kann man das. Das Meer wird rücksichtslos ausgebeutet. Erst wenn es sich wirtschaftlich nicht mehr lohnt, werden die großen Fischfangnationen aufhören. Dann sind die Fischschwärme vielleicht für immer vernichtet. Auch Rohstoffe werden ausgebeutet. Nehmen wir den Algenwald vor Norwegen. In vielen Nahrungsmitteln und in Kosmetika sind Alginate enthalten, die aus Braunalgen gewonnen werden. Die Braunalgen werden in großem Stil abgeerntet, sodass nach einem zu gierigen Abernten nur noch der nackte Boden übrig bleibt. Ein anderes Beispiel sind die Kaltwasserkorallen, die in großer Tiefe z. B. vor Norwegen aber auch auf der ganzen Welt existieren. Viele Vorkommen sind noch unbekannt. Ein Schleppnetzfischer, der mit seinem Netz über den Boden schrammt, zerstört binnen weniger Sekunden die Arbeit von Tausenden von Jahren eines Korallenriffs und damit einen wertvollen Lebensraum. Die Korallen vor Norwegen sind eine unersetzliche Kinderstube unter anderem für den Rotbarsch.

Interview: S. Stockmann

Tollwood-Tipp:

„Na sauber“ ist ein Motto des diesjährigen Tollwood-Winterfestivals, das gestern auf der Theresienwiese begonnen hat. Neben Kunst aus Müll, gibt es ein Repair-Café, in dem kaputte Gegenstände repariert statt weggeworfen werden, zudem ist das Thema im Weltsalon präsent, und es gibt Kunst und Infos rund um den Wegwerfwahnsinn. Bei Tollwood schrumpft der Müllberg dank Mehrweg, Recycling und Mülltrennung um die Hälfte.

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