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Krank von Geburt an: Der Rasse der weißblauen Belgier fehlt ein Gen, das das Muskelwachstum stoppt. Auf Ausstellungen werden sie rasiert, damit das Fleisch besser zu sehen ist.

Kühe als lebendige Fleischtheke

Arme Muskelprotze: Wenn Tierzucht zur Qual wird

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München - Der Kuh-Rasse der weißblauen Belgier fehlt ein Gen, das das Muskelwachstum stoppt. Die Tiere sind von Geburt an krank, doch Züchter schätzen sie - und nehmen ihre Qual in Kauf.

Erst auf den zweiten Blick sind diese Tiere als Kühe zu erkennen – die muskelbepackten Bullen und Mutterkühe sehen aus, als würden sie regelmäßig ins Fitnessstudio gehen. Doch die Fleischberge sind nicht antrainiert, sondern schlicht angefuttert. Möglich macht es eine Zucht, die konsequent auf dicke Muskelpakete setzte, das Ergebnis: Bei der Fleischrasse Weißblaue Belgier wird das Protein Myostatin, das normalerweise das Muskelwachstum hemmt, kaum hergestellt. Ein Gendefekt, den die Züchter schätzen, denn die Tiere setzen weniger Fett an und liefern bis zu 20 Prozent mehr Museklmasse bei zehn Prozent weniger Knochen. So kann man aus ihnen also massenweise magere Steaks ernten. In Belgien sind diese Tiere die führende Fleischrasse, in Deutschland sind die Bullen beliebt, um sie in andere Rassen einzukreuzen.

Die Tiere sind von Geburt an krank, das ungehemmte Muskelwachstum führt zu vielen Problemen für die Rinder: Häufig können das Skelett oder die inneren Organe der überdimensionalen Muskelmasse nicht Stand halten, Knochen und Gelenke verformen sich und schmerzen ständig, Gelenksentzündungen sind nicht selten. Eine normale Geburt ist nicht möglich, weil die ungeborenen Kälber zu groß werden für das Becken der Kuh. Nach fünf Kaiserschnitten ist die Mutterkuh für weiteren Nachwuchs nicht mehr geeignet. Viele Kälber kommen zudem mit Missbildungen zur Welt und sterben früh.

Hochleistungszucht ist fast immer Qualzucht (siehe auch Interview links). Einige Beispiele: Auch Mastschweine wachsen rasant. Vor 30 Jahren legten sie rund 580 Gramm pro Tag zu, heute sind es knapp 800 Gramm. Das bedeutet, dass die Muskullatur schneller wächst als das Skelettsystem und als die inneren Organe. Knochenprobleme sind die Folge wie auch Herz-Kreislaufschwäche und plötzliche Todesfälle.

Mastputen, die in 24 Wochen bis zu 25 Kilo zunehmen, leiden fast zu 100 Prozent unter Fußballenentzündungen. Blutblasen an dem überdimensionierten Brustmuskel erleiden fast acht Prozent der Hennen und 27 Prozent der Hähne im Laufe der Mast.

Moderne Legehennen produzieren über 300 Eier im Jahr (1960: 150 Eier). Doch wenn sie nach ein Paar Jahren als Suppenhühner geschlachtet werden, zeigt sich, dass sehr viele Tiere schwer krank waren und für den Verzehr nicht mehr geeignet sind. Ein Viertel der Tiere litt unter einer Bauchfellentzündung, jedes siebte Huhn hatte entzündete Eileiter.

Bei Milchkühen hat in den letzten 40 Jahren die Milchmenge um ein Drittel zugenommen. Die Zahl der Euterentzündungen hat im gleichen Zeitraum um 600 Prozent zugenommen.

S. Stockmann

Was kann Qualzuchten stoppen?

Wann wird Zucht zur Qual?

Dr. Brigitte Rusche: Von einer Qualzucht spricht man, wenn man damit rechnen muss, dass ein Teil der Nachkommen aufgrund der erblich weitergegebenen Eigenschaften Schmerzen oder Schäden erleiden wird. Alle Extremzuchten haben Grundprobleme, die immer wieder auftreten. Bei den Weißblauen Belgiern ist bekannt, dass sie im hohen Maße Probleme bei der Geburt haben. Bei den Muttertieren führt das zu Schmerzen, Leiden und Schäden.

Wann wird gehandelt?

Rusche: Wir haben im Tierschutzgesetz seit 1986 einen Paragrafen, der festlegt, dass wenn ein gewisser Anteil von Nachkommen Schmerzen, Leiden oder Schäden erdulden muss, diese Zucht untersagt werden kann. Aber dieses vor Gericht durchzusetzen, ist bisher noch nicht gelungen. Es fehlen verbindliche rechtliche Regelungen, was Qualzuchten sind und welche Zuchtlinien nicht gezüchtet werden dürfen. Dafür kämpfen wir schon lange.

Viele Nutztiere erleiden Schmerzen und Schäden – Masthähnchen, die so schnell wachsen, dass die Knochen das Gewicht nicht mehr tragen können. Wo ist die Grenze?

Rusche: Das ist die Frage. In der Nutztierzucht geht es darum, entweder den Fleischanteil oder die Fortpflanzungsleistung zu optimieren. Es gibt also Tiere, die sollen schnell wachsen, oder sie sollen z. B. viele Eier legen oder sehr viel Milch geben. Aber das sind gegenläufige Eigenschaften. Hühner, die auf hohen Muskelanteil gezüchtet werden (Foto re.: pa), legen nur sehr wenige Eier. Also haben wir Masthähnchen, die eine Muskelproduktion haben, die der Körper nicht mehr verkraftet. Dann haben wir Legehennen, die sehr viele Eier legen. Die Hähnchen dieser Zuchtlinien sind spindeldürr und als Masthähnchen nicht wirtschaftlich.

Was kann der Verbraucher tun?

Rusche: Es gibt Rassen, die verhaltener wachsen. Sie setzen weniger Brustfleisch an und sind besser im Gleichgewicht. Das muss man im Markenfleischprogramm vorschreiben. Im Tierschutzlabel sind nur solche langsamer wachsenden Rassen erlaubt, die nicht mehr als 45 Gramm pro Tag zunehmen dürfen. Übrigens profitiert nicht nur der Verbraucher: Die Landwirte, die ins Label umgestiegen sind, finden es toll, die Tiere jetzt besser zu halten. Die Masthähnchenhalter sagen: Das sind wirklich andere Tiere in den Ställen, sie laufen noch und können sich bewegen. Die Schweinehalter erkennen wieder unterschiedliche Verhaltensweisen bei ihren Tieren, die im Stall mehr Platz haben. Die Verbraucher müssen nur noch mehr akzeptieren, dass ein Label-Hähnchen nicht so viel Brustfleisch hat. Und dass der Preis für ein Tier, das langsamer gewachsen ist und ein artgerechteres Leben hatte, einfach höher ist.

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