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Ein Kälbchen, seine Blutzellen sind begehrt.

Akte Tier: Das Serum des Grauens

FKS wird aus den Herzen lebender Kälberföten gewonnen

Es ist die Flüssigkeit des Grauens: Abgezapft aus den Herzen lebender Kälberföten, gehandelt und gepanscht von mafiaähnlichen Banden.

Forscher bestellen das Kälberserum fürs Labor aus Katalogen. Sie tropfen es in Petrischalen, damit die Versuchszellen gut wachsen.

Niemand weiß genau, was alles drinsteckt in diesem Serum, das aus dem Blut der ungeborenen Kälber gewonnen wird. Dennoch wird es in Labors auf der ganzen Welt verwendet – es gilt als kleines Wundermittel. Fötales Kälberserum (FKS) hält die Zellen in Reagenzgläsern und Petrischalen am Leben, ermuntert sie zum Wachsen. Vermutlich jeder von uns, hatte schon Kontakt mit dem rötlich goldenen Serum: Es kommt bei fast allen Versuchen mit Zellkulturen zum Einsatz, auch bei der Herstellung von Impfstoffen gegen Viruserkrankungen und der Entwicklung von Medikamenten z. B. gegen Multipler Sklerose oder Krebserkrankungen. 

Es wird geschätzt, dass jedes Jahr 800.000 Liter des Serums hergestellt werden. Genaue Zahlen gibt es nicht. Da einem ungeborenen Kälbchen im besten Fall 500 Milliliter abgesaugt werden können, erleiden mindestens zwei Millionen Kuhbabys einen überaus qualvollen Tod. Diese Zahl steht jedoch seit über 20 Jahren im Raum, vermutlich werden noch viel mehr Kälbchen in Schlachthöfen gequält. In Werbeprospekten der Firmen, die mit FKS handeln, heißt es, dass es sich bei dem Serum um ein Nebenprodukt der Landwirtschaft handelt. Das ist mehr als geschönt. Für die Schlachthöfe ist der Handel mit dem Blut ungeborener Rinder eine willkommene Zusatzeinnahme. 

Die Hauptproduzenten sitzen in Australien, Neuseeland, Kanada, den USA und Südamerika. Aber auch aus Südafrika, Weißrussland und China kommt FKS auf den Markt. Wird eine trächtige Kuh geschlachtet, kommt der Fötus sofort in einen speziellen Raum gebracht, wo er von von der Fruchtblase befreit und desinfiziert wird. Dann wird mit einer dicken Kanüle durch die Rippen ins schlagende Herz gestochen. Das Kuhbaby muss leben, sonst kann ihm kein Blut abgesaugt werden. Mittlerweile ist unstrittig, dass die Tiere dabei Schmerzen haben und sehr leiden. Das Abzapfen des Blutes dauert zwischen fünf und 25 Minuten, das ergab eine Studie in australischen Schlachthöfen. Die Tiere sterben einen langsamen und elenden Tod. Anschließend werden sie zu Tierfutter verarbeitet. 

Das Blut verklumpt, kommt in die Zentrifuge, damit sich das Serum von den Blutplättchen trennt. Dann wird es unter sterilen Bedingungen mit sehr feinen Filtern gereinigt. Serum aus Neuseeland und Australien gelten als hochwertig, weil diese Länder frei von einigen Rinderkrankheiten sind. Ein Liter FKS wird mit 1500 Euro gehandelt, europäisches Serum, das überwiegend in Frankreich hergestellt wird, kostet um die 900 Euro, Seren aus Südamerika sind schon für 100 Euro zu haben. Ein großer Anreiz für Betrüger, die billiges Serum einkaufen und zu Hochwertigem umdeklarieren. Ein Unternehmer hat jetzt seine Konkurrenten angezeigt und behauptet: Die Hälfte des Weltmarktes sei Opfer von Betrügern geworden. Viele Forscher fragen sich nun, welchen Wert ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse überhaupt noch haben.

Interview mit Kristina Wagner, Abteilungsleiterin Tierschutzakademie: Forscher ignorieren Kälberleid

Fötales Kälberserum wird unter unfassbar grausamen Umständen gewonnen, niemand weiß genau, was es enthält, es ist leichte Beute für betrügerische Geschäftemacher und kann bei Menschen zu schlimmen Nebenwirkungen führen– trotzdem wird es überall in der Forschung verwendet. Warum? Die tz sprach mit Kristina Wagner, sie leitet die Abteilung Alternativmethoden zu Tierversuchen an der Deutschen Tierschutzakademie in München. 

Warum ist für die Forscher FKS immer noch das Mittel der Wahl? 

Kristina Wagner: Die Mehrzahl der Protokolle, in denen festgelegt wird, wie Versuche mit Zellkulturen gemacht werden, verwenden fötales Kälberserum. Zellen brauchen FKS für optimales Wachstum. Es macht die Zellen scheinbar glücklich. Es gibt verschiedene Alternativen. Wir erforschen Verfahren, die ohne ein Serum auskommen. Andere Wissenschaftler erforschen Seren, die aus menschlichen Blutkonserven hergestellt werden können, die abgelaufen sind und eigentlich weggeworfen werden müssten. Diese Methoden werden sehr zurückhaltend eingesetzt. Es gibt in der Wissenschaft den Anspruch der Vergleichbarkeit von Ergebnissen. Für viele heißt das eben auch, die Vergleichbarkeit der Bedingungen, also FKS. Natürlich schrecken Meldungen über gepanschte Seren die Forscher auf. Viele fragen sich, ob das die Ergebnisse aus Zellkultur versuchen beeinflusst. 

Das Leid der Kälber spielt keine Rolle? 

Wagner: Das ist nur wenigen Forschern bewusst. Sie bestellen das Serum aus dem Katalog,da sie es ja für ihre Versuche benötigen. Auch ich habe in meinem Biologiestudium viel über die Arbeit mit Zellkulturen gelernt. Mit welchem Tierleid das Serum verbunden ist, wurde im Studium nicht thematisiert. Wird FKS auch in Deutschland hergestellt? Wagner: Bei uns werden viele trächtige Kühe geschlachtet, geschätzt 180 000 Tiere jedes Jahr. Über FKS-Gewinnung ist uns nichts bekannt. Dennoch sterben die Föten einen elenden Tod durch Ersticken im Mutterleib und enden als Schlachtabfall. Die Gewinnung des FKS, das wird von den Herstellern versprochen, läuft unter standardisierten und sterilen Methoden ab, damit das Serum nicht verunreinigt ist. Unseren Wissens nach beziehen die Hersteller FKS aus dem Ausland.



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