Stephanie Hill (35) ist eine erfahrene Hundehalterin und Trainerin. Doch ihr Cosmo stellt die Münchnerin vor besondere Herausforderungen, er belohnt sie mit großer Anhänglichkeit.

Ein Wolf in München

Es gibt einen Trend zum Wildtier: Viele Menschen holen sich etwas Exotisches ins Haus – das wilde Wohnzimmer soll das Leben aufregender machen.

Nach Schätzungen leben in Deutschland schon einige Tausend Wolfshunde und wenige Hundert Wolfsmischlinge. Stephanie Hill warnt: „Als Haustiere sind diese Tiere absolut nicht geeignet.“ Die 35-jährige Münchnerin lebt durch Zufall in ihrem Schwabinger Haus mit einem Wolfsmischling zusammen und hat gelernt: „Einen Hund kann man erziehen, ein Wolf bleibt wild.“

Riesengroße, braune Augen

Dieser Hund fällt auf. Nicht nur, weil er wie ein besonders hübscher Schäferhund aussieht. „Kinder merken oft schnell, dass Cosmo anders ist“, sagt Stephanie Hill im tz-Gespräch: „Allein wie er läuft: In einem energiesparenden Trab, die Hinterpfoten in die Abdrücke der Vorderpfoten setzend.“ Cosmo schaut sich in der tz-Redaktion mit riesengroßen braunen Augen um, blickt hellwach mal zur einen, mal zu anderenSeite.Währenderseine Umgebung beobachtet, drückt er sich scheu an seine Besitzerin. Der Innenarchitektin wurde nach Wochen klar, dass sich in dem intelligenten und neugierigen Hund aus der Tötungsstation in Spanien ein kleiner Wolf verbirgt: „Er wurde Fremden gegenüber immer scheuer.“

Wolfpatenschaften und Jos de Bruin:

www.wolf-auffang.de

Es sollte eine Freundschaft auf Zeit sein: „Für so ein schönes Tier findet sich schnell ein guter Platz“, dachte die Münchnerin, als sie Cosmo im vergangenen Jahr nach seiner Rettung an sich drückte. Die 35-Jährige nimmt hin und wieder Pflegehunde auf, erzieht und vermittelt sie weiter: „Tiere sind mein Hobby.“ Cosmo ist mehr geworden: Er ist eine Lebensaufgabe. Der Wolf in ihm ist fehlgeprägt, er sieht in der Münchnerin seine Gefährtin, der er bis zum Tod treu ergeben sein wird.

Wolfsbraut ist der Spitzname, den ihr Mann für Stephanie Hill hat. Cosmo mag es nicht gern, wenn die beiden sich liebevoll in den Arm nehmen:„Wir machen dann die Tür zu.“ Nur gut, dass der Ehemann schon vor Cosmo der Herr im Haus war und damit aus Wolfssicht ältere Rechte hat, die es zu respektieren gilt.

Sehr besitzergreifend

Der Wolf im Hund ist sehr besitzergreifend: Cosmo sucht ständig Körperkontakt, folgt seiner Gefährtin auf Schritt und Tritt. Mehr als ein paar Stunden kannernichtohnesiesein.Über Nacht schon gar nicht. Wenn Stephanie Hill länger weg ist, heult er ein typisches Wolfsgeheul. Einmal lag sie einige Tage imKrankenhaus.Danachmusste die Küche des Hauses am Englischen Garten renoviert werden: „Er nimmt alles auseinander, reißt sogar Linoleum auf, auch Polster werden zerfetzt.“ Dabeimager dieanderen beiden Hunde im Haus und auch mit den zwei bis vier zusätzlichen Pflegehunden kommt er gut aus. Aber ernst zu nehmende Gesellschaft sind sie für ihn nicht. Hunde sind durch die Domestikation seit circa 15 000 Jahren zu ewigen Jugendlichen geworden, ihre Verspieltheit ist die Grundlage ihrer Verträglichkeit mit Menschen. Wölfe dagegen werden erwachsen. Das kann erklären, warum Cosmo nicht mit anderen Hunden spielt. Stephanie Hill: „Er beobachtet lieber.“

Cosmo ist am liebsten draußen. Täglich braucht er mindestens drei Stunden Auslauf. Er geht mit seiner Gefährtin auf die Jagd. Stephanie Hill hat Fleisch dabei, das sie ihm häppchenweise gibt. Die ersten Tage nach seiner Ankunft wollte das Tier gar nicht ins Haus. Stephanie Hill schlief in ihrem Schlafsack draußen auf der Terrasse, auch als es regnete. Einen Wolf kann man nicht richtig erziehen: „Ich bekomme ihn nicht leinengängig“, sagte Stephanie Hill. Er zieht und zerrt, und das wird wohl so bleiben. Aber er folgt aufs Wort und auch an den Maulkorb gewöhnt er sich.

Cosmo riecht leicht nach Urin, denn er markiert ständig sein Revier – auch im Haus. „Ich lasse es ihm nie durchgehen, aber er tut es trotzdem.“ Der Garten ist Wolfsgebiet – alles, was mal Rasen war, ist umgegraben. Unter der Eibe hat Cosmo eine kleine Höhle zum Verstecken gegraben. Seine Art, zu fressen, ist gewöhnungsbedürftig: „Jedes Fleisch muss noch mal getötet werden“, beschreibt Stephanie Hill das Hin- und Herschleudern des Futters. Dann schlingt Cosmo alles runter, zieht sich zurück und würgt alles wieder hoch, um es in Ruhe zu fressen. Diese Wolfsmanieren waren der Grund, warum die Hundeexpertin ihr Tier kurz nach der Ankunft zum Arzt brachte: „Ich dachte, er ist krank.“

In Amerika sind Wolf-Hund-Kreuzungen begehrt

Dabei war es nur der Wolf in ihm. Wie groß der Anteil ist, lässt sich erst erkennen, wenn das Tier ausgewachsen ist. Der Wolfsexperte Jos de Bruin schätzt jedoch, dass es bei Cosmo gar nicht so viel ist. In Amerika sind Kreuzungen von Wolf und Hund begehrt: „Aber jedes Mal, wenn ich die Herkunft von Tieren nachgeforscht habe, kam heraus, dass es eine späte Generation war.“ Ab der fünften Generation gilt der Wolf als Hund und ist nicht mehr meldepflichtig. Davor fällt er unter das Washingtoner Artenschutzabkommen und ist streng geschützt.

Ob Cosmo und Stephanie Hill auf Dauer miteinander zurecht kommen, entscheidet sich dieses Jahr. Während es bei Hunden mit dem Alter immer einfacher wird, beginnen bei Wolfsmischlingen die Probleme mit der Geschlechtsreife erst richtig. „Die meisten Wölfe werden im Alter von zwei Jahren abgegeben“, sagt Jos de Bruin, der eine Auffangstation für Wölfe hat. In der Natur gehen die Jungtiere in dieser Zeit auf Wanderschaft und gründen neue Familien. Werden sie weiter zusammengehalten, geraten besonders die weiblichen Tiere, die Fähen, in Streit. Der Jagdtrieb wird immer größer, die Tiere brauchen noch mehr Auslauf und Beschäftigung.

Stephanie Hill und ihr Mann haben in den Tiroler Bergen eineHüttemitvielGrundgepachtet. Wannimmeresgeht,packen sie ihre sechs Hunde und die vier Kaninchen ein und fahren dorthin, damit Cosmo den Wolf rauslassen kann.

SUS

Typisch Tier

- Wölfe sind anders als Hunde lebenslang monogam lebende Tiere. Wolfsmischlinge sind daher sehr eifersüchtig auf die menschlichen Partner ihrer Besitzer.

- In freier Wildbahn leben Wölfe in festen Revieren. Im Alter von zwei Jahren verlassen die jungen Tiere ihre Ursprungsfamilie, gehen auf Wanderschaft, um sich einen Partner zu suchen und ein Rudel zu gründen. Daher ist es fast unmöglich, mit einem Mischling in Urlaub zu fahren. Die ungewohnte Umgebung außerhalb seines Reviers macht ihm Angst.

- In Amerika und auch in Tschechien werden Wolfshunde als eigene Rasse gezüchtet. Dabei werden die Tiere für die Zucht ausgewählt, die wie Wölfe aussehen, aber das Verhalten von Hunden haben. Auch diese Rassen gelten als besonders anspruchsvoll.

- Der in Spanien gerettete Cosmo (unten) stammt zum Teil von iberischen Wölfen ab. Stephanie Hill vermutet, dass eine Hütehündin läufig war und von einem Wolf gedeckt wurde. Auch möglich ist, dass ein Züchter, den Welpen entsorgt hat, weil er einem Hund zu ähnlich war.

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