Trennungswelle nach Corona
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Die Corona-Krise wirkt wie ein Brandbeschleuniger und macht ungelöste Konflikte in Beziehungen besonders deutlich.

Ungelöste Konflikte

Trennungswelle nach Corona: Will ich mit dir noch leben?

Corona hat auch in Paarbeziehungen einiges durcheinandergewirbelt. Kritisch wird sich gefragt, wie man eigentlich leben will - und mit wem. Therapeuten prognostizieren eine Trennungswelle.

Wien/Berlin - Die Pandemie hat zu vielen Problemen geführt - auch in etlichen Partnerschaften. Diese Krisen wirken laut Dominik Borde, Beziehungscoach aus Wien, „wie ein Brandbeschleuniger“. Denn jede Krise mache ungelöste Konflikte besonders deutlich.

Er und andere Therapeuten rechnen daher mit einer Trennungswelle. So berichtet etwa der Psychotherapeut Holger Kuntze aus Berlin von einem wahren Ansturm auf Therapeutenpraxen von Paaren mit Beziehungsproblemen - die Zahl sei um über ein Drittel gestiegen.

Für die Therapeuten kommt das nicht überraschend. Zum einen, weil sich Menschen, die - wie während einer Pandemie - Angst haben und in Bedrängnis sind, sich generell nicht von ihrer besten Seite zeigen. Zudem hat Corona bei vielen den Fokus verschoben. Lang ignorierte Lebensträume gerieten mehr in den Vordergrund, kritisch wurde und wird sich gefragt, wie man eigentlich leben will - und mit wem.

Pandemie: Für Paare entweder Hölle oder Kuschelzeit

Kuntze unterteilt dabei die Paare, die während der Lockdowns zur Zweisamkeit verdonnert worden waren, in zwei Kategorien: Für die einen war es die Hölle. Seit langem schwelende Konflikte brachen aus. Und so manch einem wird klar, dass er so nicht weiter leben will.

Paare der zweiten Kategorie hatten es sich dagegen im Lockdown ganz kuschelig eingerichtet. „Sie fanden wieder zueinander und genossen die gemeinsame Zeit. Doch jetzt ist wieder Alltag, sie haben die gleichen Probleme wie vorher und sind frustriert“, beschreibt der Berliner die Situation.

„Ich habe nicht ewig Zeit für meine Lebensträume“

„Die starke Einschränkung unserer Freiheit hat vielen von uns bewusst gemacht, dass das Leben nicht endlos ist und wir nicht ewig die Möglichkeit haben, all die Lebensträume zu realisieren, die wir immer wieder aufgeschoben haben“, sagt dazu Borde.

Besonders trennungsgefährdet sind für ihn Beziehungen, in denen die Partner dazu neigen, die Schuld und damit die Verantwortung für das Negative auf den anderen zu schieben. Das gleiche gilt für Menschen, die nie gelernt haben, mit ihren Emotionen umzugehen und Beziehungen zu gestalten. Doch sie können ihre Erfahrungen aus der Pandemie nutzen, um sich weiterzuentwickeln.

Therapeut Kuntze rät zu einem Gespräch darüber, was jeder in dieser Zeit gelernt und für sich entdeckt habe - so könnten Gemeinsamkeiten gefunden und Kompromisse geschlossen werden. Problematisch werde es allerdings bei sehr unterschiedlichen Vorstellungen.

Neuorientierung wie ein „Häutungsprozess“

„Wenn einer ein Leben wie vor dem Lockdown nicht mehr will und der andere meint, dieses Leben war genau das richtige: Dann wird es schwierig“, sagt Kuntze und nennt als Beispiel ein Paar, das vor Corona die Liebe zur Kultur teilte. Einer vermisste diese Besuche in der Oper, im Theater und von Ausstellungen im Lockdown schmerzlich.

Der andere stellte fest, dass ihm die kulturellen Veranstaltungen gar nicht fehlen und er viel lieber in der Natur unterwegs ist. „So etwas wirbelt natürlich alles durcheinander“, sagt Kuntze. Im Idealfall nutzten die Paare diese Differenzen, um sich gemeinsam neu zu orientieren. Dies sei wie ein „Häutungsprozess“.

Wenn das nicht gelingt und es zur Trennung kommt, wird diese meist von einem Partner initiiert - der damit dann auch besser klarkommt. Ausschlaggebend ist laut Kuntze für eine solche Entscheidung meist nicht nur eine aktuell schlechte Situation, sondern auch der Blick in Vergangenheit und Zukunft - wenn also etwa die Beziehung nie gut war oder die Zukunft als Paar nichts Gutes verspricht.

Trennungsgespräch besser nicht unter vier Augen

Kuntze rät dem Initiator der Trennung, dem anderen seine Motive zu erklären, sich noch einmal zu öffnen und die Trauer zu akzeptieren. „Man sollte nicht zu schnell über den Schmerz des anderen hinweggehen, etwa mit dem unsäglichen Satz „Lass uns Freunde bleiben“. Menschen wollen gesehen, gehört, wahrgenommen werden.“

Allerdings würde ein solches Gespräch den meisten Paaren nicht unter vier Augen gelingen - sie übermanne meist der Schmerz oder die Ungeduld. Er rät daher zum Gang zum Therapeuten. Borde empfiehlt generell, sich bei der Entscheidung für oder gegen eine Trennung von einem Experten helfen zu lassen. So könne der eigene Anteil an der Problematik erkannt und verhindert werden, dass die Fehler wiederholt würden - dies gelte auch für eventuelle künftige Beziehungen. dpa

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