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Leiser Protest in schwarz-weiß: Benjamin Fokken hat mit seinem Video gegen Mobbing eine Welle an Solidarität ausgelöst und vielen jungen Menschen das Gefühl gegeben, weniger allein zu sein. Foto: Franziska Gabbert

Trost der Anonymität - Wenn Jugendliche Hilfe im Netz suchen

Es ist ein leiser Protest, ohne gesprochene Worte, dafür mit einer großen Wirkung. Ein junger Mann postet im Netz ein Video gegen Mobbing und löst eine Welle an Solidarität aus. Viele bedanken sich und fühlen sich weniger allein. Aber reicht das?

Weener (dpa/tmn) - Stumm hält Benjamin Fokken handgeschriebene Zettel hoch. "Leute, niemand ist weniger Wert, nur weil er:". Dann kommt der nächste Zettel: "eine Behinderung hat", der nächste: "vielleicht nicht viel Geld hat", "vielleicht nicht so klug ist", "vielleicht nicht die beste Figur hat".

Es kommen noch einige weitere Zettel. Eine Minute und 44 Sekunden leiser Protest in Schwarzweiß. Über fünf Millionen Mal wurde das Video, das der 20-Jährige im Februar bei Facebook gepostet hat, angeklickt. In den unzähligen Kommentaren ist von Respekt die Rede. Viele bedanken sich. Dafür, nicht mehr alleine zu sein mit ihrer eigenen Geschichte.

Aber können soziale Netzwerke Jugendlichen wirklich Trost spenden? Erstmal schon, sagt der Berliner Schulpsychologe Klaus Seifried vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP). "Zuerst geben virtuelle Kontakte im Internet das Gefühl, nicht alleine zu sein. Aber dann ziehen viele Jugendliche sich immer mehr in diese Ersatzwelt zurück." Menschen brauchen reale, soziale Beziehungen, sagt er. "500 Freunde in sozialen Netzwerken können scheinbar darüber hinwegtäuschen, dass diese realen sozialen Beziehungen fehlen." Soziale Netzwerke sollte man als Ergänzung und nicht als Ersatz des realen Lebens sehen.

Das sieht auch Karin Wunder so. Sie ist Projektleiterin bei "Juuuport". Einem Portal, auf dem Scouts zwischen 15 und 21 Jahren anderen Jugendlichen helfen - entweder öffentlich im "fooorum" oder persönlich in der Beratung per Mail. Juuuport ist ein von der Niedersächsischen Landesmedienanstalt initiierter gemeinnütziger Verein. Im Netz finden Jugendliche eine erste Anlaufstelle, Zuspruch und Unterstützung, sagt Wunder. "Die Aktion, sich aus der Situation zu befreien, muss aber offline passieren." Meistens beginne Mobbing offline und werde dann in sozialen Netzwerken, per Whatsapp oder auf anderen digitalen Kanälen weitergeführt.

Das kennt Fokken aus eigener Erfahrung. Er sei wegen seines Äußeren gemobbt worden, sagt er. Wegen seiner Wangen, seiner Zähne. "Das fing an, als ich auf die Hauptschule kam." Und es hat sich festgesetzt. Am schlimmsten war für ihn aber etwas anderes: "Mein Bruder ist vor 17 Jahren bei einem Hausbrand ums Leben gekommen. Da war ich selbst erst zwei, er eins", erzählt er. Andere Jugendliche hätten davon gewusst und ihn damit verhöhnt.

Mit seinem Video wollte er zeigen: "Jetzt ist Schluss." Über den Zuspruch, die Komplimente und auch die ein oder andere Entschuldigung freut er sich. "Viele haben mir auch persönliche Nachrichten geschrieben und ihre Geschichte erzählt." Darauf habe er immer geantwortet. "Ich wollte zeigen, dass sie nicht alleine sind." Es sei toll, Leuten geholfen zu haben. Der 20-Jährige, dessen Geschichte im April als Buch erscheinen soll, hofft aber vor allem eines: "Dass bei den Mobbern ein Umdenken passiert. Und dass die anderen nicht nur das Video kommentieren, sondern im echten Leben was gegen Mobbing tun."

Und das ist gar nicht so leicht. In der Anonymität des Internets etwas zu kritisieren, zu mögen oder sein Herz auszuschütten, sei einfacher, erklärt Seifried. Das dann in die Realität zu übertragen, ist ein viel größerer Schritt. Etwas leichter wird es, wenn Jugendliche Unterstützung durch Eltern, Freunde oder Lehrer haben. Sich ihnen anzuvertrauen, kann also helfen. Auch wenn es einem am Anfang vielleicht peinlich ist, dass man gemobbt wird.

Dass die Eltern manchmal ein bisschen hinterherhinken und vielleicht raten, einfach das Handy oder den Computer auszumachen, sollten Jugendliche ihnen verzeihen, rät Karin Wunder. Und vielleicht erklären, dass Facebook, Whatsapp und Co. neue Treffpunkte und Aufenthaltsorte sind, die es früher noch nicht gegeben hat. Auch wenn viele Eltern davon nicht so viel verstehen, helfen können sie trotzdem - indem sie zuhören, trösten und einen in den Arm nehmen.

"Meine Eltern waren immer da", sagt Fokken. Das sei unglaublich wichtig gewesen. Und er hat versucht, in der Schule Gleichgesinnte zu finden: "Wer zum Beispiel Kunst mag, findet vielleicht in einer Gestaltungs-AG Leute mit gleichen Interessen. Das kann helfen." Er selbst war in der Schülerband. Neben Gleichgesinnten fand er dort noch mehr: Das Gefühl, gebraucht zu werden. "Wenn ich nicht zu einem Konzert gekommen wäre, hätten wir nicht auftreten können." 

Juuuport

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