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Matthias Hügenell vom BA vor dem Bau in der Konradinstraße. Er macht sich Sorgen um die Zukunft von Untergiesing.

Ex-Arbeiterviertel wird richtig teuer

Untergiesing: 20 Euro Miete pro Quadratmeter - geht's noch?

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München - Jahrzehntelang galt Untergiesing als Arbeiterviertel, in dem man zu vernünftigen Preisen wohnen konnte. Doch die Betonung liegt auf „konnte“ … sind 20 Euro pro Quadratmeter hier schon normal?

Längst ­haben Bauherren auch hier damit begonnen, die ­Herbergen in Luxusquartiere zu verwandeln. Mieten von um die 20 Euro pro Quadratmeter sind keine Seltenheit mehr! Hier berichten wir über zwei solche Themen – und fragen uns bei solchen Preisen: Ist das noch normal?

19,58 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter

Vor drei Jahren kaufte die Augsburger Patrizia AG der bayerischen Landesbank die GBW ab. Rund 60 000 Menschen bekamen einen neuen Hausherrn. Was das für die Mieten bedeuten kann, kann man in der Konradinstraße studieren …

Dieser Tage waren die Inserate für die Wohnungen in der Wohnanlage im Internet zu lesen: Eine 58 Quadratmeter große Wohnung sollte 19,58 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter kosten – laut Mietspiegel sollte der Preis zwischen 12,27 und 15,66 Euro liegen. Und eine renovierte Wohnung im Haus mit 54 Quadratmetern wurde für 16,41 Euro kalt angeboten …

Eines der Angebote.

Fast 20 Euro Kaltmiete bei einem Vermieter, der noch das „G“ für „gemeinnützig“ im Namen trägt? Die Aufregung vor Ort ist groß. Aber der Vermieter darf bei einer Neuvermietung die Höhe der Miete frei festlegen, nur bei Mieterhöhungen muss man den Mietspiegel beachten. Matthias Hügenell (SPD) vom Bezirksausschuss ist entsetzt: „Die Neuvermietungen schlagen sich im Mietspiegel nieder, sodass die GBW dafür sorgt, dass die Mieten in ganz München steigen.“ Auch in Untergiesing, wo ständig teuer neu vermietet wird, würden die Mieten klettern, denn: „Man kann sich als Vermieter bei einer Mieterhöhung auch auf drei Vergleichsmieten aus dem Viertel beziehen, in deren Rahmen er ebenfalls die Miete erhöhen kann“, erklärt Maximilian Heisler vom Bündnis bezahlbares Wohnen. Hügenell: „Die angestammte Mieterschaft droht aus Untergiesing verdrängt zu werden.“

Max Heisler vom Bündnis bezahlbares Wohnen.

Der Mieterverein ist ebenfalls alarmiert: „Für die GBW ist das besonders lukrativ, denn das Grundstück ist ja schon bezahlt“, so Geschäftsführer Volker Rastätter. Es müsse nur das Dachgeschoss drauf gebaut werden, um eine sehr hohe Zusatzrendite zu erzielen. „Und 20 Euro pro Quadratmeter ist eine Luxusmiete – bezahlbarer Wohnraum entsteht so leider nicht.“

Die GBW versteht die Aufregung nicht: „Gerade in einem für Mieter schwierigen Umfeld wie der Stadt München bemühen wir uns, im Rahmen der marktwirtschaftlichen Situation faire Angebote für jeden Bedarf zu schaffen.“ Die Sanierung der Bestandswohnungen sei enorm aufwendig gewesen. Vor der Festlegung der Miete habe man Marktrecherchen betrieben. Das Ergebnis, so die GBW: „Diese zeigen, dass die Mieterhöhungen marktüblich sind.“

Johannes Welte

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Preishammer im Erb-Haus

„Ein Schmuckstück zum Verlieben“ heißt es im Exposé. Eine „top renovierte 4-Zimmer-Wohnung“ in einem Haus an der Hans-Mielich-Straße 1a, mit „hochwertigen neuen Parkett-Dielenböden“ und „exklusiver Badausstattung“. 2630 Euro Warmmiete muss der künftige Mieter für die 131 Quadratmeter monatlich hinlegen – rund 20 Euro pro Quadratmeter.

Dieses Haus hat SOS-Kinderdorf geerbt, jetzt wird es peu à peu luxussaniert.

Ein Mieter im Haus mit zehn Wohnungen und drei Betrieben (darunter eine Metzgerei) machte den Bezirksausschuss Untergiesing-Harlaching auf das Angebot aufmerksam: „Die Wohnung wurde luxussaniert, obwohl das Gebäude im Erhaltungssatzungsgebiet liegt.“ In dem 1897 errichteten und sehr einfach ausgestatteten Bau habe es seit 20 Jahren unveränderte Nettomieten von rund 5,64 Euro pro Quadratmeter gegeben. Die Bewohner fürchten nun, dass es nach und nach teurer wird. Ab August würden zwei weitere Wohnungen frei und saniert.

Frank Boos, Sprecher des Sozialreferats: „Wir sind in Kontakt mit dem Vermieter“, sagt er dem Münchner Merkur. Es gebe ein laufendes Verfahren.

Volker Rastätter ist entsetzt.

Die Stadt hat prinzipiell ein Vorkaufsrecht. Aber: „SOS-Kinderdorf hat dieses Gebäude testamentarisch geerbt“, so Carolin Mauz, Sprecherin des Vereins. Die letzte Sanierung liege Jahrzehnte zurück. Man müsse die Wohnungen auf den „aktuellen Stand“ bringen. Die Neuvermietung der renovierten Wohnung erfolge gemäß Ausstattung, Lage und Beschaffenheit zum Preis im gesetzlichen Rahmen. Und: „Sollten weitere Wohnungen leerstehen, werden die Renovierungen fortgeführt, bis das gesamte Objekt saniert ist.“ Ein Interesse an hohen Mieteinnahmen bestreitet Mauz nicht. Mit den Einnahmen wolle man die Arbeit des SOS-Kinderdorf-Vereins finanzieren.

Der Mieterverein ist dennoch entsetzt. „Das ist eine echte Luxussanierung“, so Geschäftsführer Volker Rastätter. Also genau das, „was die Erhaltungssatzung verhindern sollte“. Es handle sich um eine durchschnittliche Wohnlage. „So werden sogar Normalverdiener vertrieben.“

Brigitta Wenninger 

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