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Schmale Rente: Immer mehr Senioren müssen auf jeden Euro achten. Für den äußersten Notfall versuchen viele, wenigstens etwas Kleingeld zurückzulegen, wie auch unser Foto zeigt.

ZUM AUFTAKT UNSERER SPENDENAKTION

Altersarmut: „Das Drama der nächsten Jahrzehnte“

Immer mehr Rentner geraten in Not, weil das Geld für den Ruhestand nicht reicht. Daher unterstützt der Münchner Merkur zusammen mit der Sparda- Bank München den Verein Lichtblick Seniorenhilfe.

München – Dieser Verein kümmert sich um bedürftige ältere Menschen aus der Region. Zum Auftakt unserer diesjährigen Spendenaktion haben wir den Vorstands-Vorsitzenden der Sparda-Bank München, Helmut Lind, die Vereins- Chefin Lydia Staltner und den Soziologen Professor Stephan Lessenich von der LMU München an einen Tisch gebracht. Ein Gespräch über Altersarmut – anlässlich des heutigen Internationalen Tages der älteren Menschen.

Was erwartet uns künftig im Alter?

Stephan Lessenich: Altersarmut. Nicht jeden, aber viele. Das wird das Drama der nächsten Jahrzehnte. Wir werden immer mehr Haushalte haben, die sich am Existenzminimum bewegen, die keine Chance haben werden, ihren Lebensstandard zu halten. Schauen Sie sich mal in den U-Bahnhöfen um: Schon jetzt durchsuchen viele ältere Menschen die Abfalleimer nach Leergut. Die meisten sehen dabei gepflegt aus – es ist eben der verzweifelte Versuch, den Schein der Bürgerlichkeit aufrecht zu erhalten. Solche Bilder sind ein Indikator dafür, dass sich die Verhältnisse geändert haben.

Woran liegt das?

Stephan Lessenich: Vor allem an den sinkenden Rentenhöhen ...

Lydia Staltner: Und den Lebenshaltungskosten! Was früher eine Mark gekostet hat, ist heute ein Euro.

Stephan Lessenich: Was massiv gestiegen ist, das sind vor allem die Mietkosten – nicht nur in München. Aber das weitaus größere Problem sind die fallenden Rentenhöhen. Denn: Wer schon während seines Berufslebens am Limit gewirtschaftet hat, für den bedeutet der Übergang in die Rente einen umso schmerzlicheren Einkommensverlust.

Was sollen wir tun?

Helmut Lind: Wir müssen fürs Alter vorsorgen. Und das geht auch mit kleineren Beträgen – mit 20 oder 30 Euro pro Monat kann man schon eine Menge erreichen. Aber: Man sollte früh mit dem Sparen anfangen. Am besten schon in der Ausbildung oder im Studium.

Entscheidend beim Sparen ist doch der Zins? Früher hatte man einen Zins von fünf, sechs Prozent. Heute liegt er bei knapp über Null. Welche Folgen hat das?

Helmut Lind: Grundsätzlich gilt: Ein hoher Zins führt letztlich dazu, dass mir meine Rücklage ergänzend noch ein Jahreseinkommen vermittelt. Bei einem schlechten muss ich Abstriche hinnehmen. Momentan gehen wir leider in Richtung Null – das Thema minus will ich gar nicht erst ansprechen. Deshalb wird das Vorsorgen immer schwieriger.

Stephan Lessenich: Alles absolut richtig – trotzdem muss ich hier nochmal einhaken. Wir Soziologen beschäftigen uns ja viel mit sozialen Ungleichheiten. Und ich muss sagen: In kaum einem vergleichbaren Land ist das Einkommen der Rentenbezieher so ungleich verteilt wie in Deutschland. Und: Diese Streuung verstärkt sich sogar noch! Vereinfacht ausgedrückt gibt es also immer mehr sehr arme Rentner und immer mehr sehr reiche Ruheständler ...

Was ist der Grund?

Stephan Lessenich: Das deutsche Rentensystem. Aktuell ist es so: Das Erwerbseinkommen wird übersetzt in die Höhe des Alterseinkommens, und dann gibt es noch eine Grenze, über die hinaus man gar keine Beiträge mehr zahlen muss, sich privat sogar weiter versichern kann. Das führt zu einer großen Streuung der Alterseinkünfte. Wenn es also um Altersarmut geht, müssen wir uns über eine grundlegende Reform des Alterssicherungssystems unterhalten – wo erstens die höchsten Renten besteuert werden und zweitens die Grundsicherung, eine Form der Sozialhilfe, angehoben wird.

Der Regelsatz für die Grundsicherung liegt bei bei 399 Euro, in München bei 420 Euro...

Lydia Staltner: Ja, und viele Politiker sind davon überzeugt, dass dies zum Leben reicht! Im vergangenen Sommer wurde ich an den Tegernsee eingeladen. Ich sollte über Altersarmut sprechen. Da saßen also rund 100 hochkarätige Experten. Und am Ende hieß es von einigen: „Es gibt keine Altersarmut.“ Die Politik habe sich Gedanken gemacht, habe alles genau berechnet – rund 400 Euro Grundsicherung müssen reichen.

Was haben Sie darauf entgegnet?

Lydia Staltner: Das: „Wissen Sie was, machen wir einen öffentlichen Testversuch: Sie leben von rund 400 Euro im Monat – und das ein ganzes Jahr. Ich wünsche grundsätzlich keinem, dass er krank wird. Aber ich möchte schon, dass Sie Grippe kriegen – dass Sie Medikamente brauchen, deren Kosten nicht vollständig von der Krankenkasse übernommen werden. Es könnte auch durchaus sein, dass irgendwann eine Glühbirne bei Ihnen durchbrennt, dass Sie ein neues Paar Schuhe benötigen, und, und, und. Sie führen über jede Ausgabe Tagebuch – und nach einem Jahr setzen wir uns wieder zusammen und sprechen darüber.“

Wie stehen die Chancen für diesen Testversuch?

Lydia Staltner: Die sind natürlich gleich null. Dennoch glaube ich, Politiker könnten die Not der Rentner nur dann nachempfinden, wenn Sie selbst betroffen wären – wenn sie diese Not einmal am eigenen Leib spüren würden.

Stephan Lessenich: Leider sind die meisten Entscheidungsträger weit weg von der Lebenswelt – ein grundsätzliches Problem der Politik. Die Bewusstseinsänderungen greifen in der Tat erst dann, wenn Politiker selbst betroffen sind – wenn etwa die eigene Mutter ins Pflegeheim muss. Da kommen sie ins Grübeln, fragen sich plötzlich: Müsste man nicht die Pflegeversicherung vielleicht doch reformieren?

Die Politik bekommt das Thema Altersarmut also nicht gelöst – was könnte die Wirtschaft hier besser machen?

Helmut Lind: Unsere Bank lebt ja seit ihrer Gründung den Genossenschaftsgedanken: Hilfe zur Selbsthilfe – das ist unsere Handlungsmaxime. Wir wollen die Würde des Einzelnen unterstützen, deshalb behandeln wir auch alle unsere Kunden gleich – egal, ob sie eine Mini-Rente haben oder eine üppige Pension. Zudem engagieren wir uns verstärkt bei regionalen Projekten, wie Lichtblick Seniorenhilfe. Die Spende über 250 000 Euro stammt erneut aus unserem Gewinnsparverein. Der funktioniert wie eine Lotterie mit Sach- und Geldpreisen. Für ein Los investieren Sie sechs Euro im Monat. Davon gehen 4,50 Euro aufs Sparkonto und 1,50 Euro in die Verlosung. Mit jedem Los, das die Mitglieder kaufen, tun sie Gutes.

Ihre Bank tut ja auch was Gutes für die Stadt München ...

Helmut Lind: Wir diskutieren derzeit intern verschiedene Ansätze und Ideen, die Antworten auf die Frage geben: Wie können wir uns mit einer sozialen Absicht im Sinne der Genossenschaft am Markt beteiligen, um gesellschaftliche Mängel zu beheben? Dabei wollen wir nicht nur Finanzierer sein, sondern auch Investor. Über weitere Details kann ich hier derzeit leider noch nicht sprechen.

Stichwort gesellschaftliche Mängel: Welcher Mangel ist der größte?

Lydia Staltner: Die fehlende Gesellschaft! Viele ältere Leute vereinsamen ob ihrer Armut. Es gibt zum Beispiel so viele, die ihre Kinder an Weihnachten nicht besuchen, weil sie sich dafür schämen, dass sie den Enkeln kein Geschenk mitbringen können. Dabei würden sie nirgendwo lieber sein, als an Heiligabend im Kreise ihrer Familie. Ist das nicht schrecklich traurig?

Viele haben gar keine Familie, sind ganz allein ...

Stephan Lessenich: Auch deswegen verspüren Menschen den Wunsch nach Vergemeinschaftung – vor allem im Alter. Gleichwohl würden die wenigsten in eine klassische „Alten-WG“ ziehen. Die meisten möchten lieber unabhängig bleiben, einen Bereich für sich haben. Das Wohnhaus der Zukunft könnte also – vereinfacht ausgedrückt – ein großes Gebäude mit mehreren Wohnungen sein, in denen Studenten, Rentner und Familien wohnen. Ein Gebäude, in dem man sozusagen gemeinsam alt wird, in dem man bei Bedarf, wenn man sich verkleinern oder vergrößern will, einfach nur die Wohnung mit einem Nachbarn tauscht, statt aus der vertrauten Umgebung ausziehen zu müssen.

Ist das ein Patentrezept gegen Einsamkeit im Alter?

Lydia Staltner: Patentrezepte gegen Einsamkeit gibt es nicht. Leider. Aber ich glaube schon, dass sich viele unserer Senioren in so einem Haus wohlfühlen könnten – da wäre ja so viel Leben um sie herum.

Das Gespräch führten B. Bäumlisberger & B. Nazarewska

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