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Inzwischen abgerissen ist die historische Villa in der Kolbergerstraße im Herzogpark in München. Das Haus von 1923 wurde erst 2013 von der Denkmalliste gestrichen. Seitdem gibt es Streit: Eine Bürgerinitiative wollte den Abriss verhindern, nun klagt ein Nachbar gegen die Neubebauung.

Ein Klotz am Bein?

Wie Denkmalschutz Hauseigentümern den Schlaf rauben kann

Nächste Woche wird bundesweit wieder groß der Tag des offenen Denkmals gefeiert. Doch während zehntausende Menschen prächtige Altbauten bestaunen, sind einige Eigentümer genervt von den Auseinandersetzungen mit den Denkmalbehörden.

Das Haus steht in der Pasinger Villenkolonie II, genauer gesagt in der Rubensstraße. Zwei Etagen auf 75 Quadratmetern Wohnfläche plus 1050 Quadratmeter Grundstück. Baujahr 1923. Es gehört dem Schauspieler Florian David Fitz, der zuletzt mit seinem Film „Der geilste Tag“ für volle Kinos sorgte. In seinem Leben aber geht es nicht immer nach Drehbuch. Fitz’ Vorhaben, das in die Jahre gekommene Haus abreißen zu lassen, wurde vom Bayerischen Verwaltungsgericht durchkreuzt. Der Grund: Die ganze Siedlung gehört als Ensemble zusammen, und steht als solche unter Denkmalschutz. So will es Artikel 1 des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes. Da hilft es auch nicht, zu argumentieren, das gewünschte „Abrisshaus“ selbst sei überhaupt kein Einzeldenkmal. 

Da fragt sich mancher Besitzer: Denkmalschutz – Fluch oder Segen? 

„Gott schütze mich vor Staub und Schmutz, vor Feuer, Krieg und Denkmalschutz“, so steht es in rosafarbenen Lettern auf einem denkmalgeschützten Gebäude in Bamberg. Der Eigentümer hat den Spruch nach der Restaurierung auf die Fassade schreiben lassen. Keine Frage, der Denkmalschutz hat einen schweren Stand. Einerseits strömen Millionen Menschen zu dem von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz ausgerufenen „Tag des offenen Denkmals“ am 11. September. Andererseits lässt sich nicht leugnen, dass Baudenkmäler als Wohnstätte sehr kostspielig bei der Sanierung werden können. Inklusive oft jahrelanger Auseinandersetzung mit den Behörden. 

„Seit Jahren versuchen wir, dem schlechten Ruf entgegenzuwirken“, sagt Bernd Vollmer vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Seine Erfahrung: „Wenn jemand über uns herzieht, dann hat er mit uns noch gar nichts zu tun gehabt.“ Sei man erst einmal im Kontakt, würden „Vorurteile“ schnell beseitigt. Dennoch gibt Vollmar zu, dass es „den einen oder anderen Fall gibt, der daneben geht“. Susanna Roghani ist Eigentümerin mehrerer denkmalgeschützter Gebäude, u. a. im Landkreis Ebersberg. Durch Neu- und Umbau will die Münchnerin weiteren Wohnraum schaffen. Doch immer wieder sind ihr die Hände gebunden. Die Argumente der Ämter für Denkmalpflege seien, wie sie sagt, für sie oft nicht nachvollziehbar. Roghani spricht von „behördlicher Willkür“. Nicht bei jedem Haus lohne die Sanierung, sie zahle in manchen Fällen erheblich drauf. Die finanzielle Unzumutbarkeit einer Sanierung muss erst in teuren Gutachten nachgewiesen werden. Dennoch kann die Denkmalschutzbehörde den Abriss verweigern. 

Auch Rechtsanwälte wie der Münchner Jurist Michael Hauth bekommen immer mehr Fälle auf den Tisch, in denen der Denkmalschutz Bauherrn und Eigentümer plagt. Der Grund liege darin, dass die Behörden immer weitergehende Forderungen stellen, Bauherren und Architekten aber auf der anderen Seite nicht mehr alles akzeptieren. „Die Rechtsprechung stellt nun zunehmend Waffengleichheit her“, weiß Hauth. Insbesondere frage sie nach der Wirtschaftlichkeit sowohl der angeordneten Maßnahmen wie auch des Objektes insgesamt. „Auf einen kurzen Nenner gebracht wird der Frage nachgegangen, ob sich das Objekt selbst trägt.“ 

Eine Sanierung kommt teuer: Der Derzbachhof im Münchner Stadtteil Forstenried stammt aus dem Jahr 1751.

„Eigentlich ist es doch so, dass der Bauherr vor dem Denkmalschutz geschützt gehört, damit er das Denkmal schützen kann“, empört sich Bernhard Wurm aus Traunstein, der, wenn er erst einmal anfangen würde, seine ganze Geschichte zu erzählen, ein Buch füllen könnte. In Bergham bei Tittmoning (Lkr. Traunstein) lebt Wurm in einem denkmalgeschützten Gebäude, ein Dreiseithof, der seit über 400 Jahren in Familienbesitz ist. Ob Fenster, ob Türen, wenn etwas verändert werden soll oder muss, redet die Denkmalschutzbehörde immer mit. Hört aber, wie Wurm erzählt, nur ungern zu. Über deren „arrogantes Auftreten“ habe er sich mehr als einmal geärgert und wegen strenger Auflagen nächtelang nicht geschlafen. „Da schlägt man neun verschiedene Fensterarten vor und neun Mal wird abgelehnt“, so Wurm. 

Aufwendig saniert: Das denkmalgeschützte Haus in der Apfelallee in München-Obermenzing.

Rudolf Mirbeth aus München-Obermenzing, der erstmals in den 1980er-Jahren Kontakt mit Vertretern der entsprechenden Behörden hatte, formuliert es so: „Diese Leute waren sehr von sich überzeugt und sind sehr bestimmend aufgetreten.“ Letztlich aber habe er die Erfahrung gemacht: „Wenn man mit vernünftigen Argumenten kommt, kann man mit denen reden.“ Und man solle es auch, bevor man „irgendwelche krumme Sachen“ mache. Sein Fazit: „Keine Angst vor dem Denkmalschutz.“ Dennoch, sein Anwesen Apfelallee 6 in Obermenzing hat er verkauft. Und die Sanierung den neuen Eigentümern überlassen, unter deren Ägide das Gebäude jüngst den Fassadenpreis der Landeshauptstadt München erhielt. Nach dem Bayerischen Denkmalschutzgesetz, das 1973 in Kraft trat, sind Denkmäler „von Menschen geschaffene Sachen oder Teile davon aus vergangener Zeit, deren Erhaltung wegen ihrer geschichtlichen, künstlerischen, städtebaulichen, wissenschaftlichen oder volkskundlichen Bedeutung im Interesse der Allgemeinheit liegt“. In der Regel denkt man an Schlösser, Kirchen und Jahrhundertwendehäuser, doch auch Wohnhäuser und Industriebauten der Moderne können unter Schutz stehen. 

Steht ebenfalls unter Denkmalschutz: Das in den 1970er-Jahren erbaute Haus, in dem sich das Münchner Sternelokal Tantris befindet.

Ein Beispiel aus jüngerer Zeit: Das Gebäude des Schwabinger Sterne-Restaurants „Tantris“ – erbaut in den frühen 1970er-Jahren – wurde zum Denkmal erklärt. Grund: Es besitzt hohe geschichtliche, sozialgeschichtliche und baukünstlerische Bedeutung. „1973 konnte man sich noch darauf verständigen, dass Gebäude aus einer ,vergangenen Zeit‘ stammen, wenn sie mehr als 50 Jahre alt waren“, erläutert Experte Vollmer. Denkmäler aus neuerer Zeit hätten es heutzutage schwer, in der Öffentlichkeit auf Akzeptanz zu stoßen. „Gerade wegen dieser Missachtung sind sie als Denkmalgattung mehr gefährdet als Denkmäler früherer Epochen“, so der Denkmalpfleger weiter. Das bestätigt auch Ursula Schirmer von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz: „Die Erwartungen an Denkmale, schön zu sein und von einer besseren Welt zu erzählen, erfüllen viele junge Denkmale in den Augen der Mehrheit oft nicht.“ Doch sie seien „Stein gewordene Zeugnisse unserer Geschichte“. Als wichtige „Dokumente“ des Wiederaufbaus nach 1945 verweisen sie auf neue und alternative Gesellschaftskonzepte. Immer wieder werden Debatten geführt über die „Entstaatlichung“ von Denkmalschutz. 

Dass die Denkmalpflege nicht einfach verschwindet, wenn sich nicht mehr vorrangig der Staat darum kümmern sollte, zeigen die vielen privaten Initiativen, von denen die größte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz ist. „Die Denkmalbewegung ist in Europa seit ihren Anfängen getragen von einem starken bürgerschaftlichen Engagement“, so Schirmer. Damit zeige sich, dass die Menschen auch Gebäude brauchen, um ein „Gefühl von Heimat und Vertrautheit“ zu empfinden. Vollmer spricht auch von „Identitätsstiftung“: „Wenn man Sie irgendwo in Bayern aussetzt, dann wissen Sie, dass Sie in Franken, Schwaben oder in Oberbayern sind – nicht nur anhand der Landschaft, sondern auch anhand des Baubestands!“

von Sylvie-Sophie Schindler

Steuervorteile: Denkmalamt beaufsichtigt Sanierung

  • Wer investiert, hat steuerliche Vorteile: Sämtliche Kosten, die der Wiederherstellung des Gebäudes dienen und vom Denkmalamt genehmigt wurden, werden als Werbungskosten anerkannt. Binnen 12 Jahren lassen sich diese Kosten zu 100 Prozent absetzen
  • Die Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt ist das A und O. Alle Arbeiten, die während der Sanierung durchgeführt werden, werden vom Amt beaufsichtigt. Ziel ist es, das Objekt in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen. Das kann bedeuten, dass z. B. Ornamente an der Außenfassade sehr aufwendig rekonstruiert werden müssen. Viele Handwerksarbeiten können nur von speziell ausgebildeten Fachleuten durchgeführt werden.
  • Grundsätzlich ist die gestalterische Freiheit durch diverse Auflagen eingeschränkt. So dürfen keine Alu-Fenster dort eingesetzt werden, wo ursprünglich Holzfenster waren. In den Bereichen, die nicht der Aufsicht des Amts unterliegen, können Bauherren hingegen frei agieren, z. B. bei den Heizungs-, Sanitär- oder Elektroinstallationen.
  • Weitere Informationen: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege (www.blfd.bayern.de); Deutsche Stiftung Denkmalschutz (www.denkmalschutz.de); Programm zum Tag des offenen Denkmals am 11. September in Bayern (www.tag-des-offenen-denkmals.de/laender/by/)

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