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Gegen Stigmatisierung: Mischa Kunz ist ein Fürsprecher für Menschen, die in München nur schwer eine Wohnung finden.

 Makler im Interview

Angst vor einkommensschwachen Mietern? „Das Amt ist der sicherste Mieter“

Immobilienmakler Mischa Kunz möchte Vermietern die Angst vor einkommensschwachen Mietinteressenten nehmen. Ein Gespräch über die Münchner Wohnungssituation.

Mischa Kunz (38) ist Immobilienmakler in München und arbeitet bei einem Großkonzern. In seiner Freizeit engagiert er sich ehrenamtlich. Beim Verein „Münchner Freiwillige – WIR helfen!“ vermittelt Kunz seit vergangenem Sommer Wohnungen an Menschen, die auf dem freien Mietmarkt kaum eine Chance haben – wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft oder ihres niedrigen Einkommens. Ein Gespräch über die Münchner Wohnungssituation.

Herr Kunz, Sie sind verheiratet und haben einen Vollzeit-Job als Makler. Was motiviert Sie, zusätzlich ehrenamtlich benachteiligten Menschen zu einer Wohnung zu verhelfen?

Mischa Kunz: Ich hatte ein Schlüsselerlebnis im Sommer 2015, einige Zeit, bevor wir unseren heutigen Verein gegründet haben.

Wie sah das aus?

Kunz: Am Hauptbahnhof München kamen tausende Flüchtlinge an. Ich hatte das Bedürfnis zu helfen. Da ich vor Ort nicht allzu viel tun konnte, bin ich zur Messehalle Riem gefahren und wollte mir dort ein Bild von den provisorischen Unterkünften machen.

Was haben Sie dort vorgefunden?

Kunz: Totales Chaos. Drei große Hallen mit etwa drei- bis viertausend Leuten und Spenden: Schuhe, Jacken, Koffer, Hosen, Socken, Mäntel – ein riesen Durcheinander. Zwei Männer stritten sich handgreiflich um eine alte, abgewetzte Tasche. Dann bin ich zu einem der Helfer gegangen und habe gefragt, wer hier eigentlich den Hut aufhat.

Und wer hatte ihn auf?

Kunz: Einer, der schon seit 30 Stunden nicht mehr geschlafen hatte. Er hieß Martin. Eigentlich wollte ich ja nur ein wenig helfen, aber plötzlich war ich dort der Hauptverantwortliche, weil ich zusammen mit Martin ein wenig Ordnung hineingebracht habe.

Heißt das, der Verein „Münchner Freiwillige – WIR helfen!“ kümmert sich speziell um Flüchtlinge?

Kunz: Das war anfangs so. Aber die Erstversorgungsarbeit hat sich ja bald wieder erledigt. Die Zahl der Flüchtlinge sank sehr schnell. Und mittlerweile ist das Spektrum unserer Klientel innerhalb unseres Wohnungsprojektes größer. Egal welche Nationalität, egal welche Hautfarbe. Es geht um Menschen, die auf dem freien Wohnungsmarkt keine Chance haben. Denen wollen wir so gut wie möglich helfen.

Worum kümmern Sie sich heute innerhalb des Wohnungsvermittlungsprojektes genau?

Kunz: Zusammen mit den anderen Vereinsmitgliedern organisieren wir zweierlei. Einerseits die Akquise von Wohnungen. Wir sprechen gezielt Vermieter an und erklären, warum es positiv ist, jemanden mit einem geringeren oder gar keinem eigenen Einkommen einziehen zu lassen. Und zweitens kümmern wir uns um die tatsächliche Wohnungsvermittlung, um die Details.

Und was ist daran positiv, jemanden mit geringem Einkommen einziehen zu lassen?

Kunz: Nehmen wir irgendeinen Sozialleistungs-Empfänger – eine alleinstehende Mutter mit zwei Kindern etwa, egal ob Deutsche oder nicht. Für viele Vermieter ist sie aufgrund ihrer Einkommenssituation leider keine bevorzugte Mieterin. Aus meiner Berufserfahrung heraus und als Vermieter weiß ich aber, dass es keinen sichereren Mieter gibt als die Stadt, die ja die Sozialleistungen zahlt. Sie hat die größtmögliche Bonität. Da brauche ich mir als Vermieter keine Sorgen zu machen.

Wovor scheuen sich Vermieter bei Sozialleistungsempfängern?

Kunz: Häufig vor dem etwas größeren Papierkram im Vorfeld. Aber um den kümmern wir uns, auch zusammen mit dem „Wohnungspaten-Projekt“ der Stadt. Derzeit entwickeln wir zudem ein Konzept, das speziell diese Hemmschwelle oder Angst bei Vermietern durchbrechen soll: Wir mieten selbst Wohnungen an und vermieten sie weiter. So hätten Vermieter noch mehr Sicherheit in Bezug auf die Miete – und sie tun gleichzeitig etwas Gutes für die Gesellschaft.

Sie sprechen von der Hemmschwelle, die Wohnung eben keinem Top-Verdiener zu vergeben?

Kunz: Richtig. Es muss nicht immer der Ingenieur, Anwalt oder Arzt sein. Es macht bezüglich der Mietzahlungen oft keinen Unterschied, wenn ein anerkannter Asylbewerber, Alleinerziehender oder Geringverdiener stattdessen einzieht.

Was war Ihre schönste Erfahrung innerhalb der letzten Monate?

Kunz: Wenn der Vermieter dem Mieter, den wir ihm vorstellen, die Hand schüttelt und Vertrauen gewinnt, egal woher der Mensch ist. Das gibt mir persönlich ein sehr gutes Gefühl.

„Falls sich hier in München Ghettos bilden, müssen wir wahrscheinlich in einigen Jahrzehnten alle gemeinsam die Scherben zusammenkehren.“

Seit wann ist das Vermittlungsprojekt eigentlich schon aktiv?

Kunz: Seit etwa Juni.

Wie viele Wohnungen haben Sie seitdem an Bedürftige vermittelt?

Kunz: Um die 50, glaube ich. Die genaue Anzahl verschwimmt etwas, weil einige Ehrenamtler schon aktiv waren, bevor sich der Verein gegründet hat.

Hat die Stadt eigentlich keine ähnlichen Projekte?

Kunz: Doch, schon. Aber die Anzahl der verfügbaren Immobilien ist viel zu gering. Pro Jahr werden etwa 3 200 Sozialwohnungen frei. Das reicht bei Weitem nicht für die bedürftigen Personen auf den Wartelisten, geschweige denn Personen, die grundsätzlich eine Wohnung suchen, genügend Einkommen hätten, aber durch diverse Raster fallen.

Welche Raster sind das?

Kunz: Wohnungssuchende, die nicht aussehen wie der jeweilige Vermieter – Leute mit dunkler Hautfarbe etwa – tun sich am schwersten, in München eine Wohnung zu finden. Vollkommen unabhängig von ihrem Einkommen. Deswegen sind wir besonders stolz auf eine WG an der Burgunderstraße, die wir im Oktober gründen konnten. Darin wohnen ein Münchner und zwei Schwarzafrikaner. Wir nennen es „Integrations-WG“ und sehen es als Pilotprojekt.

Haben Sie Verständnis für die konservative Mieterauswahl der meisten Vermieter?

Kunz: Teilweise. Eigentümer sind zumeist stabilitätsgetrieben. Das ist natürlich verständlich. Oftmals steht eine Bank im Hintergrund, die monatlich ihre Kreditraten haben möchte, weil sich der Vermieter verschuldet hat, um sich die Wohnung leisten zu können. Und sehr viele Vermieter in München haben nur eine Wohnung. Sie können also Mietzins-Ausfälle nicht über die Einkünfte aus anderen Immobilien ausgleichen.

Welche Vermieter sind besonders offen für Ihr Wohnungsvermittlungsprojekt?

Kunz: Wir teilen Eigentümer in drei Kategorien ein. Es gibt viele, die sich ohnehin sozial engagieren wollen. Die müssen wir nicht groß überzeugen. Das ist die erste Kategorie, da leisten wir eine Hilfestellung. Die zweite Kategorie besteht aus Vermietern, die sehr starke Ressentiments gegenüber einkommensschwachen Familien oder Fremden haben. Da haben wir normalerweise keine Chance, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Und dann gibt es noch die große, nennen wir sie „Mittelschicht“ der Vermieter.

Und die versuchen Sie zu erreichen?

Kunz: Richtig. Die sind grundsätzlich nicht abgeneigt, sich sozial zu engagieren, gehen aber in der Regel den einfacheren Weg: stabile Mieteinnahmen.

Sie lassen also am liebsten den Arzt, Richter oder Notar einziehen?

Kunz: Ja, aber nicht, weil sie ihn sympathischer finden, sondern weil sie hoffen, dass er sie finanziell nicht im Stich lässt. Und hier kann man gegenüber potenziellen Vermietern argumentieren, dass es eben – ich wiederhole – keinen sichereren Mieter gibt als das Amt, wenn Mietinteressenten Sozialleistungen beziehen, ganz zu schweigen von dem sozialen Aspekt.

Der wäre?

Kunz: Natürlich ist es gesünder, dass sich im Wohnraum Münchens die verschiedenen Gesellschaftsschichten durchmischen und sich keine Ghettos von Reich und Arm bilden. Das ist eine wichtige Basis für die Integration. Falls sich solche Ghettos bilden, müssen wir wahrscheinlich in einigen Jahrzehnten alle gemeinsam die Scherben zusammenkehren, weil die Integration der Einwanderer oder Flüchtlinge scheitern könnte.

Haben Sie ein Beispiel, welche Folgen Ghettoisierung haben kann?

Kunz: Ich bin schon viel gereist auf dieser Welt. Aber nirgends hatte ich so viel Angst wie in den Vororten von Paris. Kein Slum in Peru fühlte sich so gefährlich an. Ich denke, das hat in Frankreich viel damit zu tun, dass die Jugendlichen in ghettoartigen Vierteln aufwachsen. Ohne Arbeit, oft auf der Straße, weil sie zu Hause keine Privatsphäre haben. Das Szenario sollten wir in München unbedingt verhindern. Im Grundgesetz steht ja nicht umsonst „Eigentum verpflichtet“. Wir haben aber noch viel zu wenige Vermieter, die ihre Wohnung über uns anbieten. Ich hoffe, dass sich in Zukunft deutlich mehr von ihnen melden.

Das Interview führte Hüseyin Ince.

„Münchner Freiwillige“

Wer Kontakt zu dem Verein „Münchner Freiwillige – WIR helfen!“ aufnehmen will: per E-Mail unter wohnen@muenchner-freiwillige.de. Mehr Informationen gibt es im Internet unter www.muenchner-freiwillige.de.

Luxus pur: Exklusive Wohnungen in München

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