Guido Schlaich in seiner Münchner Wohnung
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Der Münchner Illustrator Guido Schlaich sitzt in seiner leeren Wohnung auf dem Sofa, das er für Gäste gekauft hat

Interview: Münchner Künstler lebt als Minimalist

Weniger ist mehr als genug

  • Susanne Stockmann
    vonSusanne Stockmann
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Seine Bilder sind voller liebevoller Details und teilweise kunterbunt. Privat lebt der Münchner Illustrator Guido Schlaich mit so wenigen Dingen wie möglich und sehr schlicht. Er verzichtet auf vieles, das uns selbstverständlich scheint, um sich befreit und glücklicher zu fühlen, ist aber auch an seine Grenzen gestoßen.

Jeder von uns besitzt im Durchschnitt 10 000 Gegenstände, wie viele sind es bei Ihnen?
 Guido Schlaich: Ich zähle sie nicht. Es gibt ja Menschen, die haben nicht mehr als 100 Dinge, das gilt als magische Grenze des Minimalismus. Ich liege zwischen 100 und 500. Es ist auch fraglich, was man zählt: Ich habe z.B. zehn Büroklammern sowie zwei Teller. Sind das dann zwölf Gegenstände? Mir ist wichtig, dass ich alles habe, was ich brauche, und dass ich meinen Besitz in den sechs Schränken der Küchenzeile verstauen kann. Da hat alles Platz: Geschirr, Küchenutensilien, Kleidung, Ersatzpapier und Stifte für meine Arbeit sowie Elektrokabel und die Badsachen.
Sie haben also gar keine Schränke mehr?
 Guido Schlaich: Nein. Ich habe ein Futonbett, einen Drehstuhl, der gleichzeitig als Fernsehsessel fungiert, einen Klappstuhl für Besucher, einen Schreibtisch samt Rollcontainer mit Computer, Telefon und Handy sowie seit Kurzem wieder eine Couch. 
War es Ihnen zu ungemütlich?
 Guido Schlaich: Ich persönlich hätte die Couch nicht gebraucht, habe aber gemerkt, dass es meinen Freunden manchmal unbehaglich war, auf dem Boden zu sitzen oder auf meinem Bett. Mir ist wichtig, dass sich Gäste bei mir wohlfühlen. Ich habe dieses Möbel nur für Besuch gekauft! 
Wie machen Sie es, wenn Sie jemanden zum Essen einladen mit so wenig Geschirr?
 Guido Schlaich: Ich kann nicht gut kochen. Wenn kein Lockdown ist, gehe ich mit ihnen zum Essen in ein Restaurant, hinterher können wir bei mir gern noch etwas trinken.
Wie sind die Reaktionen, wenn Menschen das erste Mal in Ihre Wohnung kommen?
 Guido Schlaich: Meist ist es eine Mischung aus Schock und Faszination. Bei mir ist es wirklich ganz leer. Viele haben ein Problem mit dieser Leere umzugehen. Ich dagegen brauche ein klares nüchternes Umfeld, da lenkt mich mich nichts ab und mir kommen die besten kreativen Ideen. 
Wie fing eigentlichalles an?
 Guido Schlaich: Es begann schon vor 25 Jahren, als ich nach dem Studium für meinen ersten Job nach München kam. Ich wusste, ich werde bald wieder umziehen und wollte nicht immer so viel Ballast mit mir rumschleppen. Die ganzen Sachen haben mich einfach genervt. Das Leben veränderte sich. Beispiel: Ich komme aus der Architektur. Man baute kaum noch Modelle, sodass Material und Werkzeug überflüssig wurden. Da habe ich gesagt, ich versuche mal, so viel wie möglich loszuwerden, Erst war es eine Challenge, dann hat es immer mehr Spaß gemacht.
Warum? Was hatte es für einen Effekt? 
 Guido Schlaich: Es ist befreiend, sich um Dinge nicht mehr kümmern, sie nicht mehr putzen oder Instand halten zu müssen. Uns fällt im Alltag nicht auf, wie viel Zeit uns unser Besitz kostet. Das merkt man erst, wenn man Sachen nicht mehr hat.
Vermissen Sie das Aussuchen und Kaufen?
 Guido Schlaich: Konsum macht Spaß, aber es befriedigt nie lange. Das war mit ein Grund, umzudenken. Denn Dinge loszuwerden und leeren Raum zurückzugewinnen, macht auch Spaß. Ich kann heute sagen, dass mich weniger Besitz glücklich macht. Ich habe es jedoch auf die Spitze getrieben. Das Konzept taugt nicht für jeden. Schon gar nicht für Menschen, die sich mit ihrem Hab und Gut wohlfühlen.
Wie hat Ihr Lebensstil Sie persönlich verändert?
Guido Schlaich: Früher hatte ich zum Beispiel große Entscheidungsschwierigkeiten. Heute kann ich präzise, klar und schnell Entscheidungen treffen und zu diesen stehen. Das bezieht sich nicht nur auf Besitz, aber an ihm habe ich es gelernt.
Normalerweise sammeln sich über die Zeit einfach immer mehr Dinge an, wie verhindern Sie das?
Guido Schlaich: Natürlich muss und will ich mir Geräte und Materialien kaufen, die ich für die Selbstständigkeit oder meine Hobbys benötige. Ich habe jedoch nie aufgehört, meinen Besitz nach und nach weiter abzubauen. Das war ein langer Prozess. Ich bin erst vor zwei Jahren fertig geworden! Ich lese gern richtige Bücher, die ich mir kaufe und anschließend verschenke oder wieder verkaufe. Kleidung wird ersetzt, wenn sie verschlissen ist. Wer wenig Kleidungsstücke hat, zieht sie häufiger an, dann und braucht man schneller neue Sachen, die ich dann gezielt einkaufe. Der Unterschied ist, dass ich bei Bedarf gezielt einkaufe und kaum Dinge zu Hause lagere.
Haben Sie sich von Sachen rituell verabschiedet, die Sie aussortiert haben?
 Guido Schlaich: Das habe ich tatsächlich getan. Denn sich von persönlichen Dingen wie Fotos, Briefen oder den Erbstücken zu trennen, ist mir am Ende auch schwer gefallen. Zum Beispiel habe ich meine Diplomurkunde feierlich verbrannt. So wurde es zu einem Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Fast alle Dokumente habe ich digitalisiert, was ja auch eine gute Möglichkeit ist, Dinge aufzubewahren. Mein Tipp ist, solch emotionale Objekte erstmal zu reduzieren. Wer von der Oma zehn Dinge geerbt hat, braucht eigentlich nur eines, das Schönste, um sich an sie zu erinnern.
Es ist vermutlich sehr schwierig für Ihre Familie, Ihnen etwas zum Geburtstag zu schenken!
 Guido Schlaich: Es gab zu Beginn tatsächlich Unfrieden. Meine Eltern haben sich damit schwer getan, aber heute haben sie den Lebensstil zum Teil übernommen. Ich freue mich über Sachen, die sich verbrauchen, oder Gutscheine für gemeinsame Erlebnisse. Ich konsumiere ja weiterhin, ich häufe nur kein Material mehr an. 
Damit leben Sie ja auch sehr umweltbewusst!
Guido Schlaich: Was für mich sowohl eine große Motivation als auch eine große Befriedigung darstellt. Mein Lebensinhalt ist definitiv nicht, mir ein Haus zu kaufen und es von Keller bis zum Dach mit Objekten zu füllen.

Profitipps zum Trennen und Ausmisten

Wer ausmisten will, sollte nicht mit persönlichen Dingen beginnen, rät Guido Schlaich: „Das ist am schwierigsten.“ Kleidung sei deutlich einfacher. Das Aussortieren funktioniert zu Beginn am besten nach Kategorien, also z.B. Kleidung, Schuhe, Handtücher, Gläser, Werkzeug, Bücher etc. Zuerst alles in der Wohnung zusammensuchen, um einen Überblick zu bekommen. Dann die aussortierten Sachen in eine Kiste räumen, diese offen hinstellen. Wer Bedenken bekommt, kann in einer Übergangsfrist prüfen, ob er Dinge aus dem Karton vermisst. Nach einer oder zwei Wochen diese Kiste wirklich außer Haus bringen und weg damit! Guido Schlaich hat seine Erfahrungen in einem heiteren Buch (Guido Schlaich: Weshalb mich weniger Besitz glücklich macht, Nymphenburger-Verlag, 13 Euro) zusammengefasst, mit vielen Praxis-Tipps und Ratschlägen.

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