+
Marie-Linde Kube (r) und Eva Vent leben zusammen mit neun anderen Bewohnern in einer betreuten Weimarer Senioren-WG.

Was steckt dahinter?

Senioren entdecken das WG-Leben: Test für neue Wohnformen

Wenn es um Wohngemeinschaften geht, denken die meisten an Studentenunterkünfte in Universitätsstädten. Doch zunehmend können sich auch Ältere diese Art des Zusammenlebens vorstellen.

Erfurt - Senioren-WGs werden beliebter. Während es beispielsweise in Thüringen nach Schätzungen 2014 etwa 100 Wohngemeinschaften für ältere Menschen gab, hat sich ihre Zahl nach Angaben des Sozialministeriums innerhalb eines Jahres auf 234 mehr als verdoppelt.

Die Bewohner der betreuten Senioren-WG in Weimar (Thüringen) spielen auch mal zusammen Mühle.

Experten sehen in Wohngemeinschaften einen Mittelweg zwischen einem selbstbestimmten Leben und Schutz vor Vereinsamung. Wegen des bürokratischen Aufwands und der finanziellen Risiken werden die WGs aber selten direkt in Regie älterer Menschen geführt. Susanna Günther kennt den Trend aus ihrer täglichen Arbeit: Als Leiterin des Pflegedienstes der "Stiftung wohnen plus..." in Weimar kümmert sie sich um den Ablauf in drei Senioren-WGs, die von dem Dienst betreut werden. "Tatsächlich unterscheidet sich der Alltag gar nicht so von anderen WGs", sagt Günther. "Natürlich gibt es auch mal Zoff, aber die Vorteile überwiegen doch."

Marie-Linde Kube ist eine Bewohnerin der ersten Stunde. Seit Februar 2015 lebt sie im Norden Weimars, mittlerweile mit zehn anderen Bewohnern. Mit der Mischung aus Privatsphäre und Gemeinschaftsleben, die die WG bietet, zeigt sie sich zufrieden. "Vor allem Basteln und gemeinsam Singen ist schön - aber ich habe auch ganz gern mal meine Ruhe."

Wohngemeinschaften für Senioren, wie hier in Weimar, werden immer beliebter.

Das WG-Prinzip ist einfach: Ein Verantwortlicher, eine Privatpersonen oder auch eine Gesellschaft, mietet eine Wohnung an und holt sich externe Pflege- und Betreuungskräfte ins Haus. Den Trend zur ambulanten Versorgung gibt es in Deutschland schon seit einigen Jahren. Grundsätzlich eine gute Sache, finden Fachleute wie Susanna Günther oder Britta Richter vom Paritätischen Wohlfahrtverband Thüringen. "Auch für die Gemeinschaft in einem Dorf kann das sehr positiv sein, wenn alte Menschen nicht irgendwann wegziehen müssen, sondern in ihrem Heimatort bleiben können", sagte Richter.

Nach Angaben des Sozialministeriums hat sich die Zahl der Pflegebedürftigen im Freistaat von 1999 bis 2013 von etwa 60 000 auf rund 87 000 erhöht. Auch die Zahl der Altenpflegeheime sei von 237 im Jahr 2006 auf derzeit 322 gestiegen. Im März 2015 wurden rund 23 000 Senioren in Thüringen stationär gepflegt.

So viele Vorteile das WG-Modell hat: Gute Pflege wird in Zukunft immer stärker auch eine Frage des Geldbeutels sein, sind sich Experten einig. So sieht das Sozialministerium für die Zukunft weniger ein Problem in den Kapazitäten der Einrichtungen als vielmehr in der "begrenzten wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der einzelnen Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen".

Wer komplett auf Sozialhilfe angewiesen sei, bekomme meist nur stationäre Hilfe gezahlt. "Der gesetzliche Beitrag für ambulante Betreuung für diese Gruppe müsste deutlich erhöht werden. Daran mangelt es momentan etwas", sagt Pflegedienst-Leiterin Günther.

dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Reiche Ernte am Straßenrand - Selbst pflücken ist in
Selbst pflücken und schneiden, was auf den Tisch oder in die Vase kommt: Gerade bei Menschen aus der Stadt, die keine eigenen Gärten haben, ist diese Form der …
Reiche Ernte am Straßenrand - Selbst pflücken ist in
Grundstück einfach teilen? - Besser in Bebauungsplan schauen
Besser zwei mal hinsehen: Nicht jedes große Grundstück lässt sich einfach nach Belieben aufteilen. Wie angehende Hausbesitzer herausfinden, ob und wie man trotzdem bauen …
Grundstück einfach teilen? - Besser in Bebauungsplan schauen
Kletterrosen brauchen lockeren Boden auch in der Tiefe
Wegen ihrer üppigen Blumenpracht setzen Kletterrosen kräftige Akzente im Garten. So verzieren sie etwa Hausmauern oder Carports. Beim Pflanzen sollte man vor allem auf …
Kletterrosen brauchen lockeren Boden auch in der Tiefe
Nachhaltige Investments legen in Deutschland zu
Etwas Gutes tun mit dem eigenen Geld. Diese Idee gewinnt bei Anlegern offenbar an Bedeutung. Denn der Markt an nachhaltigen Geldanlagen ist im vergangenen Jahr deutlich …
Nachhaltige Investments legen in Deutschland zu

Kommentare